17. Juli 2021 / 06:00 Uhr

Formel-1-Sportchef Ross Brawn erklärt Sprint-Qualifikation: "Unser Versuch ist keine Spielerei"

Formel-1-Sportchef Ross Brawn erklärt Sprint-Qualifikation: "Unser Versuch ist keine Spielerei"

Bianca Garloff
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Formel-1-Sportchef Ross Brawn will mehr Spannung in der Königsklasse des Motorsports.
Formel-1-Sportchef Ross Brawn will mehr Spannung in der Königsklasse des Motorsports. © IMAGO/Independent Photo Agency (Montage)
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Die Formel 1 will attraktiver und spannender werden. Sportchef Ross Brawn spricht im SPORTBUZZER-Interview über den Sprint, der an diesem Wochenende in Silverstone erstmals eine klassische Qualifikation ersetzen soll.

Auf der Suche nach mehr Attraktivität an den Rennwochenenden wagt die Formel 1 ein Experiment und ändert – vorerst nur für drei Rennen in diesem Jahr – ihren Qualifikationsmodus. Früher standen den Piloten in der 60-minütigen Qualifikation insgesamt zwölf Runden zur Verfügung. Seit 2006 ist indes das Verfahren mit drei Segmenten im K.-o.-System etabliert. Nunmehr soll der Sprint versuchsweise das klassische Qualifying ersetzen. Sportchef Ross Brawn erklärt vor dem Großen Preis von Großbritannien (Sonntag, 16 Uhr/ Sky) im Gespräch mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), die Hintergründe.

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SPORTBUZZER: Ross Brawn, die Formel 1 geht an diesem Wochenende beim Großen Preis von Silverstone ganz neue Wege. Statt des klassischen Qualifyings definiert ein Sprintrennen über 100 Kilometer die Reihenfolge der Startaufstellung. Warum wagt die Königsklasse des Motorsports so ein Experiment?

Ross Brawn (66); Weil wir so den Wettbewerb intensivieren. Wir generieren mehr Spannung. Das klassische Qualifying findet nach einem Training jetzt schon am Freitag statt. Am Samstag gibt‘s nach einem weiteren Training den Sprint. Unser GP-Wochenende wird so intensiver und damit natürlich attraktiver.

Trotzdem stellt jede Änderung auch eine Gefahr dar. Das Qualifying existiert seit 1950 als Zeitfahren. Nun kommt die Revolution mit zwei Rennen an einem Wochenende ...

Die Formel 1 ist ein Hightech-Sport, der sich immer weiterentwickelt. Ich denke nicht, dass wir Angst vor Veränderungen haben sollten. Fest steht: Wir wollen unseren Stammzuschauern ein Zusatzerlebnis bieten und gleichzeitig mit einem kürzeren Rennformat neue Fans gewinnen. Die Aufmerksamkeitsspanne wird heutzutage immer geringer. Wichtig ist: Unser Versuch ist kein Gimmick, keine Spielerei. Der schnellste Fahrer wird den Sprint gewinnen, er wird dafür Punkte bekommen und das Ergebnis wird Einfluss auf den Grand Prix haben. Es gibt drei Tage lang Action. Wir sehen darin kein Risiko, sondern eine Chance, den Sport konstruktiv weiterzuentwickeln.

Wie genau wird das Sprint-Rennen aussehen?


Es wird Samstagnachmittag stattfinden und 100 Kilometer lang sein. Das ist ein Drittel eines klassischen GP. Dadurch wird es zum Vollgas-Rennen. Der Fahrer ist auf sich allein gestellt – ohne strategische Hilfe vom Kommandostand. Es gibt keine Boxenstopps, kein Spritsparen, nichts. Mit etwa 40 Kilo Benzin an Bord werden die Autos auch nicht mehr so schwer sein wie zu Beginn eines GP. Auf den Medium-Reifen können die Piloten die rund 17 Runden also so schnell fahren, wie in ihnen steckt. Mann und Maschine am Limit – und im direkten Duell gegen die Konkurrenz. Und weil neben der Startaufstellung für den Sonntag auch ein paar Punkte als Bonus zu vergeben sind, gehe ich von intensiven Kämpfen aus. Es ist unmöglich, dass die Jungs im Sprint einfach nur rumcruisen, weil sie dann überholt werden.

Das verspricht noch mehr Spannung im WM-Duell.

Genau: Stellen Sie sich vor, Max Verstappen und Lewis Hamilton in einem 100-Kilometer-Rennen Kopf an Kopf, Mann gegen Mann, ohne Rücksicht auf Verluste. Keiner an der Boxenmauer wird es beeinflussen, es geht nur um die beiden Helden in ihren Cockpits. Und auch um die Statistik: Denn der Sieg im Sprint gilt offiziell als Pole-Position.

Haben Sie keine Sorge, dass die Stars Ihre Autos aus Angst vor Unfällen ins Ziel tragen?

Nein. Das sind extrem wettbewerbsfähige Rennfahrer, die würden auch Rennen mit einem Einkaufswagen im Supermarkt fahren. Es liegt in ihrer Natur, sich gegenseitig zu schlagen.

Wie geht es nach der Generalprobe in Silverstone weiter?

Wir probieren das in diesem Jahr jetzt dreimal aus. Die anderen beiden GP stehen noch nicht fest. Wenn es nicht funktioniert, war es ein netter Versuch, dann verwerfen wir die Idee. Davon gehe ich aber nicht aus. Ich glaube, dass es gut funktionieren wird.