14. September 2021 / 10:42 Uhr

Staatsfeind, Inhaftierung, Flucht: Ex-Dynamo Gerd Weber schaut "immer nach vorn"

Staatsfeind, Inhaftierung, Flucht: Ex-Dynamo Gerd Weber schaut "immer nach vorn"

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Gerd Weber (65) darf eigentlich gar nicht mehr spielen, weil er ein neues Kniegelenk hat.
Zwischen 1979 und 2021 hat Gerd Weber die Lust am Fußball nicht verloren. © Jochen Leimert
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Der einst von der DDR-Sportführung zum Staatsfeind erklärte Fußball-Olympiasieger Gerd Weber hat seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht und ist froh, wenn er ab und an mit alten Kumpels kicken kann. Über dies und weitere Themen spricht der Dresdner im SPORTBUZZER-Interview.

Dresden. Vor 40 Jahren musste er ins Gefängnis, weil ihn die Staatssicherheit wegen seiner Fluchtgedanken als Vaterlandsverräter brandmarkte. Vier Jahrzehnte später spielte Ex-Dynamo Gerd Weber mal wieder in Dresden Fußball – im Ost-Traditionsteam, das am vergangenen Wochenende beim Vereinsjubiläum in Striesen viele DDR-Auswahlkicker vereinte. In der Halbzeitpause beschrieb der Olympiasieger von 1976 dem SPORTBUZZER, was heute für ihn zählt.

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SPORTBUZZER: Sie sind dieses Jahr 65 geworden. Wie geht es Ihnen?

Gerd Weber: Mir geht es gut, meiner Familie geht es gut. Ich bin jetzt das zweite Mal Opa geworden – am Sonntag vor einer Woche. Es ist nun noch ein kleiner Nils da, alles wunderbar.

DURCHKLICKEN: Die Bilder zum Spiel der Striesener gegen das Ost-Traditionsteam

Die Alten Herren der SG Striesen beim gemeinsamen Mannschaftsfoto mit den Oststars. Zur Galerie
Die Alten Herren der SG Striesen beim gemeinsamen Mannschaftsfoto mit den Oststars. ©

Jetzt sind Sie in Dresden zu Besuch. Wer hat Sie davon überzeugt, dass Sie zum Spiel der DDR-Oldies herkommen müssen?

Da braucht mich niemand zu überzeugen. Wenn „Atze“ (Matthias Döschner/d. Red.) anruft und erklärt, hier ist ein Spiel, dann komme ich. Ich bin ja jetzt Rentner, habe mehr Zeit und bleibe auch eine ganze Woche in Dresden. Ich habe meine Frau dabei, wir haben schon die Schwiegereltern besucht.

Wo wohnen Sie hier? Bei Ihrem Freund Matthias Müller?


Im Hotel. Mit meiner Frau mache ich noch ein wenig Sightseeing. Ich war schon letztes Jahr in der Nähe, da waren wir in Hoyerswerda. Wenn die Traditionsmannschaft spielt, wird immer vorher abgeklärt, dass ein Hotel verfügbar ist und die Frauen mitkommen können. Nach dem Spiel gibt es meist ein Abendessen, wir treffen uns alle im Hotel, schwätzen noch ein bisserl.

Sie haben nach dem abrupten Karriereende bei Dynamo und Ihrer Inhaftierung 1981 ganz neu als Kfz-Mechaniker anfangen müssen, nach Ihrer geglückten Flucht im Sommer 1989 im Badischen weiter in der Kfz-Branche gearbeitet. Wie fühlt es sich an, jetzt nicht mehr schaffen zu müssen?

Wunderbar. Ich habe mich lange darauf eingestellt, wusste, dass es nach 40 Jahren Arbeit von heute auf morgen nicht funktionieren würde. Ich habe mir Aufgaben gesucht, mache viel Sport, habe jetzt Zeit für meine Enkel – und eben auch wieder mal Zeit, nach Dresden zu kommen, denn von meinem neuen Wohnort hierher ist es schon eine ganz schöne Strecke: 650 Kilometer. Für ein, zwei Tage lohnt sich das nicht. Hier gehen wir jetzt Radfahren, die Schwiegereltern und Kumpels vom Fußball besuchen.

Sie haben nun wieder mal mit Matthias Müller, Ihrem Ex-Mannschaftskameraden und Leidensgefährten im Fall Weber/Kotte/Müller, zusammengespielt – und das mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz auf der Brust. Was geht Ihnen in Momenten wie diesem durch den Kopf?

Man entfernt sich doch nicht, vergisst die Fußballerzeit nicht. Sie war die schönste Zeit, das bleibt auch immer. Das sind schöne Erinnerungen, aber sie sind Vergangenheit. Ich schaue deshalb immer nach vorn, versuche, gesund zu bleiben. Das ist für mich das Wichtigste.

Olympiasieger DDR v.li.: Torwart Jürgen Croy, Gerd Weber, Hans Jürgen Dörner, Konrad Weise, Lothar Kurbjuweit und Reinhard Lauck werden von FIFA Präsident Joao Havelange (li., Brasilien) und IOC Präsident Lord Michael Killanin (Irland) geehrt.
Olympiasieger DDR v.li.: Torwart Jürgen Croy, Gerd Weber, Hans Jürgen Dörner, Konrad Weise, Lothar Kurbjuweit und Reinhard Lauck werden von FIFA Präsident Joao Havelange (li., Brasilien) und IOC Präsident Lord Michael Killanin (Irland) geehrt. © imago images

Die Wunden von 1981 sind offenbar ein gutes Stück verheilt, oder?

Sie sind verheilt. Ich habe das alles analysiert, bin zu dem Schluss gekommen, dass es ja meine Entscheidung war. Ich kann keinem anderem einen Vorwurf machen. Dementsprechend muss ich damit leben, was passiert ist. Es bringt mir auch nichts, wenn ich dem jahrelang hinterher hänge und immer hätte, wenn und aber sage. Ich habe eine Familie, mit der wollte und will ich zusammenbleiben. Ich schaue nach vorn. Ich habe hart gearbeitet, mir etwas geschaffen. Alles ist gut.

Jetzt sind Sie fast so lange in Baden ansässig wie früher in Dresden. Wie viel Sächsisches steckt noch in Ihnen? Ihr Akzent hat sich ja ein wenig verändert...

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Es sind jetzt 32 Jahre, die ich dort lebe. Aber die Beziehungen nach Dresden sind nach wie vor da, das ist meine Heimat. Meine Familie lebt aber nun im Badischen, meine Tochter und die Enkelkinder. Meine Heimat liegt nun zu einer Hälfte auch dort. Ich bin gern in Dresden, fahre aber auch gern wieder nach Hause. Das ist nun eben im Badischen.

Gehen Sie dort auch mal zum SC Freiburg, um ein wenig am Fußball dranzubleiben?

Ja, der SC ist ein besonderer Verein. Die Entwicklung, die Freiburg genommen hat, würde ich mir für Dresden wünschen. Beim SC macht man aus relativ wenig viel. Das ist nicht so ein Traditionsverein wie andere in Deutschland, aber er hat sich aus der 2. Liga kontinuierlich in die 1. hochgespielt, ist abgestiegen, wieder aufgestiegen und hat sich eigentlich festgespielt. Und das mit bescheidenen Mitteln, denn Freiburg ist keine Industriemetropole, hat 230.000 Einwohner.

Es gibt jetzt sogar ein neues Stadion. Waren Sie schon dort?

Noch nicht, es soll jetzt erst öffnen, denn es gab Schwierigkeiten mit der IT. Sonst hätte man von Saisonbeginn an dort gespielt. Das alte Stadion ist auch nicht schlecht, es ist nur zu klein, von den Gegebenheiten in den VIP-Räumen auch nicht mehr zeitgemäß. Die Verkehrsanbindung ist problematisch. Wenn man da hin will, muss man mindestens zwei, drei Stunden vorher los, denn danach ist die gesamte Innenstadt zu.

Gerd Weber bestritt zwischen 1973 und 1980 insgesamt 145 Oberligaspiele (44 Tore). In der DDR-Fußballnationalmannschaft kam er zwischen 1975 und 1980 zu 35 Einsätzen.
Gerd Weber bestritt zwischen 1973 und 1980 insgesamt 145 Oberligaspiele (44 Tore). In der DDR-Fußballnationalmannschaft kam er zwischen 1975 und 1980 zu 35 Einsätzen. © dpa

Das haben die Dynamo-Fans auch erfahren müssen, als sie vor Jahren abends im DFB-Pokal mit der Mannschaft dort zu Gast waren...

Ich war damals auch da.

Schauen Sie im Fernsehen, was bei Dynamo so läuft?

Klar, ich verfolge das aus der Ferne. Mein Schwiegervater ist hier bei jedem Spiel dabei. Dynamo ist gut gestartet, ich hoffe, dass sie ganz solide in der Liga bleiben und sich über zwei, drei Jahre festspielen, um dann den nächsten Schritt zu machen.

Haben Sie sich speziell auf das Oldie-Spiel in Striesen vorbereitet?

Eigentlich dürfte ich gar keinen Fußball mehr spielen, weil ich ein neues Knie habe. Der Arzt sagt, ich sollte das nicht machen, weil die Belastung und der Verschleiß zu groß sind, aber wenn ich zweimal im Jahr auf einem schönen Rasenplatz wie hier spiele, dann geht das schon.