09. November 2021 / 18:00 Uhr

„Stadionpartisanen“ in der DDR: Hooligans als Westimport?

„Stadionpartisanen“ in der DDR: Hooligans als Westimport?

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Rechte, gewaltbereite Fußballfans sind eine ständige Gefahr für Ausländer. Berliner Hooligans auf dem Bahnhof in Riesa, 1988.
Die Gewaltausbrüche von Fußball-Hooligans vor und nach den Spielen sorgten bereits in der DDR für Aufsehen und tun es noch heute. © Archiv/Montage
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Das Buch "Stadionpartisanen" beleuchtet das Auftreten von Fußballfans und Hooligans in der DDR. Dabei bleibt das Autoren-Duo Hahn und Willmann nicht in der Vergangenheit stehen. Schnell wird deutlich, wie das Geschehen von damals bis heute nachwirkt.

Leipzig. „Fußball ist eine Droge“, lautet der erste Satz von Anne Hahn und Frank Willmann im Vorwort ihrer sehr informativen Neuausgabe zu Fußballfans und Hooligans in der DDR. Nach der Lektüre ist klar: Da steckt noch viel mehr dahinter.

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Aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt

Das Cover zeigt Anhänger von Dynamo Dresden beim Spiel gegen Hansa Rostock am 4. November 1990. Zu dieser Partie formulierte die Nachrichtenagentur damals: „Von Spieltag zu Spieltag müssen mehr Ordner und Polizeikräfte gegen die ‚harten Fans‘ eingesetzt werden. Noch während des Abgangs der 16. 000 Zuschauer aus dem Stadion kam es zu Zusammenstößen zwischen Fußballrowdies und der Polizei.“

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Hahn und Willmann erzählen und dokumentieren in sieben Kapiteln diesen Mikrokosmos in der DDR seit den 1970er-Jahren aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Wie das die Fans selbst sahen und sehen, macht den größten Teil des 252 Seiten dicken Buches aus. Die Anhänger aus Berlin, Jena, Dresden, Halle, Leipzig und Magdeburg erzählen von Auswärtsfahrten, Saalschlachten – beispielsweise in Auerbachs Keller – und erklären aus der Distanz einiger Jahrzehnte ihr Leben in der DDR. Gelebte Fußballkultur bildete darin eine Möglichkeit, aus dem vorgegebenen Alltag auszubrechen. Diese wiederum erwies sich als eine männlich geprägte Welt, in der Frauen nur eine sehr begrenzte Rolle spielten.

Den Fangeschichten werden Gespräche, beispielsweise mit Hans-Jörg Stiehler, zur Seite gestellt. Zu DDR-Zeiten arbeitete der Wissenschaftler am Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung in der Abteilung Kultur und Medienforschung. Dort untersuchte er Mitte der 1980er-Jahre zum ersten und einzigen Mal in der DDR jugendliche Fußballfans als Teil der Alltagskultur.

Ab 1986 traten gehäuft Skinheads auf

Ebenfalls zu Wort kommen ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die sich mit dem „rowdyhaften Fußballanhang“ beruflich beschäftigten. Die Stasi beobachtete seit 1982 diese Fans, die die öffentliche Ordnung störten. In der Rückschau wird deutlich, wie blind die Behörde gegenüber den DDR-Verhältnissen war. Zwar stellt ein Stasimitarbeiter „starke Veränderungen in der Fußballszene“ durch die Skinheads fest, schiebt die Schuld daran aber selbst aus der Nachwendeperspektive noch „dem Westen“ zu. „Diese Erscheinungen waren immer Nachahmungen dessen, was die jungen Leute aus dem Westen mitbekamen. Es galt in gewissen Kreisen als besonders nachahmenswert, wenn etwas aus westlichen Subkulturen kam.“

Ab 1986 traten laut MfS gehäuft Skinheads beim Fußball auf. Spätestens mit dem Naziüberfall auf das Element-of-Crime-Konzert in der Berliner Zionskirche am 17. Oktober 1987 war auch klar, dass die Rechten nicht nur im Stadion ein Problem darstellten. 1000 zählte das Ministerium, 400 in Berlin gekoppelt an die Feststellung „die meisten gingen zum BFC“. Die Auswirkungen vom Stadion heraus auf die Gesellschaft zeigen zudem die Auszüge aus den Stasi-Akten.


Das Buch zeichnet – auch wenn es der Untertitel suggeriert – kein Bild einer längst vergangenen Epoche der DDR-Gesellschaft nach. Vielmehr wirken das damalige Geschehen und die Erlebnisse bis in die Gegenwart, von der Bundesliga bis zur Regionalliga. Das macht „Stadionpartisanen“ für Zeitzeugen und die jüngere Generation so lesenswert.

Anne Hahn/Frank Willmann (Hg.): „Stadionpartisanen. Fußballfans und Hooligans in der DDR“. Halle 2021: Mitteldeutscher Verlag, überarbeitete Neuausgabe, 20 Euro