03. Februar 2021 / 08:33 Uhr

Alleine gegen die Leere: Für Stadionsprecher von RB Leipzig und SC DHfK sind Geisterspiele "eine kleine Katastrophe"

Alleine gegen die Leere: Für Stadionsprecher von RB Leipzig und SC DHfK sind Geisterspiele "eine kleine Katastrophe"

Tilman Kortenhaus
Leipziger Volkszeitung
Sind zwei der Stimmen im Leipziger Sport: Sascha Röser und Tim Toehlke (r.).
Sind zwei der Stimmen im Leipziger Sport: Sascha Röser und Tim Toehlke (r.). © imago images / Picture Point LE
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Bundesliga, Champions League, DFB-Pokal: Das Leder rollt im Stadion, der Handball fliegt über die Platte. Neben dem Spielfeld geben RB Leipzigs Stadionsprecher Tim Thoelke und SC-DHfK-Äquivalent Sascha Röser noch immer Vollgas. Der Sportbuzzer hat mit dem Duo über die Pandemie, die One-Man-Show vor einer Geisterkulisse und neue Aufgaben und gesprochen. 

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Leipzig. Seit einem Jahr hat die Corona-Pandemie die Sportwelt mal mehr, mal weniger fest im Griff. Leere Ränge prägen seit Monaten das Bild in den Leipziger Arenen und Sporthallen. RB Leipzigs Stadionsprecher Tim Thoelke und DHfK-Äquivalent Sascha Röser haben die Veränderungen aus nächster Nähe miterlebt. Der SPORTBUZZER hat mit den beiden professionellen Stimmungsmacher über ihre Aufgaben in der Pandemie, das schmerzliche Vermissen der Fans und das Privileg, noch im Stadion sein zu dürfen gesprochen.

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SPORTBUZZER: Sie gehören zu den bekanntesten Stimmen der Messestadt – zumindest im Leipziger Sport kennt Sie fast jeder. Sind Sie sich schon begegnet?

Röser: Nein, leider nicht. Wie kommt das eigentlich? Wir machen das beide schon so lange.

Thoelke: Stimmt. Dabei war ich schon häufiger bei euch in der Halle. Aber ich kann ja schlecht einfach aufs Spielfeld laufen und fragen wie es dir geht.

Röser: Eigentlich schade, darfst du in Zukunft gerne machen. Ich bin seit Jahren bei jedem RB-Spiel im Stadion und höre dir live bei der Arbeit zu.

Die musste im vergangenen Jahr sicherlich an viele neue Maßnahmen angepasst werden. Was hat sich durch die Pandemie bei Ihnen verändert?

Röser: Das ist im Nachhinein schwer zusammenzufassen. Es gab aber mehrere Momente, die in Erinnerung geblieben sind. Der erste war sicherlich, als die Zuschauerkapazität reduziert werden musste – bei uns auf immerhin noch 2.100. Das war unser harter Kern, die haben richtig Stimmung gemacht und Vollgas für die Mannschaft gegeben.

Das hat mehrere Wochen gut funktioniert, dann kam das komplette Zuschauerverbot.

Röser: Anfangs durften zumindest noch unsere Aufbauhelfer und zusätzliche Trommler in die Arena. Im Spiel gegen Magdeburg hat sich Trainer Bennet Wiegert ganz schockiert umgedreht und auf die Tribüne geguckt, weil sie trotzdem so viel Lärm gemacht hatten. Aber in dem Moment, als nur noch die Mitarbeiter der Geschäftsstelle kommen durften, habe ich mich etwas alleine gefühlt. Der DJ und ich haben weiter versucht, für Stimmung zu sorgen, aber es war doch befremdlich.

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War es für Sie ähnlich, Herr Thoelke?

Thoelke: Ich weiß nicht, ob befremdlich ganz das richtige Wort ist. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie den Spielern beim Training zuzugucken. Das Befremdliche für mich ist eher, dass es um wirklich viel geht – Bundesliga, Champions League, DFB-Pokal – aber es ist einfach keiner da. Oft sprechen mich Leute an und sagen: „Ich wäre auch so gerne im Stadion.“ Ich glaube, ehrlich gesagt, dass es vor dem Fernseher zur Zeit fast interessanter ist, weil du zumindest einen Kommentator hast. In manchen Situationen, in denen nicht viel passiert und die Trainer für einen Moment zufrieden sind, ist wirklich absolute Ruhe im Stadion – das ist sehr merkwürdig.

Ihr Privileg, noch im Stadion zu sein, können Sie also gar nicht richtig genießen?

Thoelke: Es ist eine kleine Katastrophe ohne die Zuschauer. Mir macht es deutlich weniger Spaß. Es war für mich in Ordnung, als nur die 8000 da waren. Das war eine ganz andere Liga, denn die waren richtig laut. Die hatten unglaublich Bock, da zu sein.

Brachten die neuen Umstände auch neue Aufgaben mit sich?

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Röser: Es hat sich schon vieles verändert. Unsere Vorberichterstattung streamen wir zum Beispiel über Social Media, um die Zuschauer ein bisschen mitzunehmen. Im Spiel versuchen wir dann, der Mannschaft so gut wie möglich ein Gefühl von Heimspiel zu geben. Unser Geschäftsführer Karsten Günther hat von Anfang an gesagt: „Vollgas!“ Der Sport lebt von dieser Mentalität, davon, dass es knallt, wenn die Jungs ein Tor machen. Wir machen das nur noch für die Mannschaft, das ist schon sehr komisch. Ich wurde sogar schon angezählt von der Spielaufsicht, die den DJ und mich als etwas überpräsent empfunden hat (lacht).

Thoelke: Völlig neue Aufgaben vielleicht nicht, aber Geisterspiele sind natürlich anders. Wenn in den Rängen keine Leute sitzen, dann brauche ich auch keinen Vornamen sagen und erwarten, dass jemand den Nachnamen ruft. Es ist eine ganz andere Art des Stadionsprechens, es ist viel sachlicher geworden.

Die Nachnamen kannten Sie sicherlich schon vorher. Haben Sie sich nochmal zurechtgelegt, wie Sie diese jetzt ins Mikrofon rufen wollen?

Röser: Dass wir in den letzten Jahren überhaupt in die Situation gekommen sind, dass hier Tausende Zuschauer sitzen, die die Nachnamen der Spieler völlig selbstverständlich rufen, ist ein riesiger Erfolg. Die Mannschaftsaufstellung zu Beginn, dieses Ritual, das machen wir, um die letzten 20 Prozent aus den Zuschauern herauszukitzeln. Wir machen das nicht für uns. Wir bereiten diese Bühne für die, die danach kommen. Wenn aber keiner da ist, der die Nachnamen ruft – dann mache ich das nur noch für das Protokoll. Deshalb rufe ich Weber oder Krzikalla einfach so ins Mikro, wie es mir gerade in den Kopf kommt. Oder hast du die Aufstellung stundenlang geprobt, Tim?

Thoelke: Ach, Quatsch. Ich probe nicht (lacht). Mir geht es grundsätzlich aber genauso wie dir. Wir wärmen die Bühne nur an. Wir machen das Vorprogramm für die Band, die im Anschluss spielt. Wenn aber keine Zuschauer da sind, dann fragt man sich natürlich, für wen diese Show eigentlich noch ist. Mir hat es sehr geholfen, dass ich doch nicht ganz alleine war. Ich sehe ja die zehn Ordner in den Rängen, die 15 Journalisten auf der Tribüne, die Ersatzspieler, die schon zur Bank gegangen sind – für die mache ich das jetzt. Damit diese Leute sich noch ein bisschen mehr auf das Spiel freuen können. Das hat natürlich eine ganz andere Intensität – da bin ich längst nicht bei 100 Prozent.

Röser: Dem kann ich nur zustimmen.

Sportbuzzer: Und ich mich im Namen der Journalisten nur bedanken.