29. August 2020 / 11:39 Uhr

Start der Tour de France im Corona-Risikogebiet: Ein Ritt auf der Rasierklinge

Start der Tour de France im Corona-Risikogebiet: Ein Ritt auf der Rasierklinge

Tom Mustroph
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Primoz Roglic (Mitte) gilt in diesem Jahr als Favorit auf den Tour-Sieg.
Primoz Roglic (Mitte) gilt in diesem Jahr als Favorit auf den Tour-Sieg. © imago images/Sirotti
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Am Samstag beginnt die 107. Austragung der Tour de France. Vor dem Start der legendären Frankreich-Rundfahrt in einem Corona-Risikogebiet gibt es erste Zweifel daran, dass die Radrundfahrt bis zum Ende durchgezogen werden kann.

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Die Place Massena im Herzen Nizzas war am Donnerstag bei der Präsentation der Tour-de-France-Teams wie leergefegt. Statt Zehntausender Fans waren Hunderte Polizisten zu sehen, die darauf achteten, dass niemand der Veranstaltung zu nahe kam. Wenn es an diesem Samstag mit der ersten Etappe der Radrundfahrt durch Frankreich losgeht, dürfte die Szenerie ähnlich gespenstisch sein. Statt der 500 Personen an Start und Ziel, die Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi vor wenigen Tagen noch zugelassen hatte, waren – Stand Freitag – nur 50 Zuschauer in abgesperrten Boxen erlaubt. Grund sind die vielen Infizierungen mit dem Coronavirus, 6111 Personen kamen landesweit allein am Tag der Teamvorstellungen hinzu.

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Am 14. April waren 5497 Neuinfektionen gemeldet worden. Und an jenem Tag verkündete der Tourorganisator ASO auch die Verschiebung der Rundfahrt in den August. Damals war diese Entscheidung nachvollziehbar, heute wirkt sie paradox. Denn im ursprünglichen Austragungszeitraum der Tour vom 27. Juni bis 19. Juli lagen die Zahlen der positiven Tests täglich stets unter 1000. Jetzt ist die Situation dagegen so verschärft, dass das Department Alpes-Maritime mit dem Tourstartort Nizza zur „roten Zone“ erklärt wurde – heißt: Corona-Risikogebiet.

Zwei Betreuer positiv auf Corona getestet

Der Wille zum Start ist dennoch da. Die Teams sind angereist. Vier Betreuer vom Rennstall Lotto Soudal, für den John Degenkolb startet, sind allerdings auch schon wieder abgereist. Zwei von ihnen wurden positiv getestet, die anderen beiden waren Kontaktpersonen. „Wir wussten seit zehn Tagen, dass wir von einem strengen System zu einem noch strengeren übergehen müssen“, sagte Tourdirektor Christian Prudhomme. Unterstützung erhält er aus der Pariser Ministerriege. Erziehungsminister Jean-Michel Blanquer meinte in Bezug auf die Tour: „Das ist ein Zeichen, dass wir mit dem Leben weitermachen, ein Zeichen der Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft.“



Ein Ritt auf der Rasierklinge bleibt die 3484 Kilometer lange Rundfahrt dennoch. Zu den Bergwertungen, die ersten gibt es bereits am Samstag und Sonntag, soll niemand mit dem Auto hochgelassen werden. Nur Fußgänger und Radfahrer, alle mit Maske, sind erlaubt. Die Teams sind an den Etappenorten streng abgeschottet. Jede Mannschaft bezieht eine Hoteletage, abseits des Rennens – sogar in den Begleitfahrzeugen – herrscht Maskenpflicht, Familienbesuche sind nicht erlaubt. Positive Fälle, siehe Lotto Soudal, gibt es dennoch.

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Wird die Tour de France vor dem Eintreffen in Paris abgebrochen?

In der Kritik steht die Zwei-Fälle-Regel. Bei zwei positiven Tests soll der komplette Rennstall ausgeschlossen werden. Lotto Soudal darf aber bleiben. Matt White, Teamchef des australischen Rennstalls Mitchelton Scott, sagte gegenüber dem SPORTBUZZER, dass die Teams mit dem Veranstalter über die Regel diskutieren. Denn bislang hatte es mehrere falsch positive Tests gegeben.

Die Stimmung in Nizza fasste Fahrer Sam Bennett (Deceuninck-Quick-Step) zusammen: „Es würde mich nicht überraschen, wenn wir nicht nach Paris kommen.“ Die Hauptstadt ist also nicht nur kilometertechnisch ganz weit weg. Auf den Weltradsportverband kommt daher die Frage zu, ab wann es bei einem Abbruch einen Toursieger gibt.

Stand jetzt soll es 2,3 Millionen Euro Preisgeld geben. 500 000 Euro erhält der Toursieger, 200 000 Euro der Zweite, 100 000 Euro der Dritte. 25 000 Euro bringen die weiteren Wertungstrikots, ein Etappensieg 11 000 Euro. Mit letzterer Summe könnte ein Team seine Coronatests finanzieren. Rechenspiele in der „neuen Normalität“ des Radsports.