02. Juni 2018 / 00:20 Uhr

Stasi-Skandal: Dynamo-Legenden fordern Geyer-Absetzung als Ehrenspielführer

Stasi-Skandal: Dynamo-Legenden fordern Geyer-Absetzung als Ehrenspielführer

Jochen Leimert und Ingolf Pleil
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kein Ehrenspielführer mehr? Dynamo-Legenden wollen Eduard Geyer wegen seiner Stasi-Vergangenheit absetzen.
Kein Ehrenspielführer mehr? Dynamo-Legenden wollen Eduard Geyer wegen seiner Stasi-Vergangenheit absetzen. © © Dehli-News / Dennis Hetzschold
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Er oder wir: Die DDR-Altinternationalen Hans-Jürgen Kreische, Klaus Sammer und Dieter Riedel wollen nicht mehr in einem Atemzug mit Eduard Geyer genannt werden. Ihm soll seine Ehrenspielführer-Würde bei Dynamo Dresden aberkannt werden - oder sie würden ihre Ehren-Plakate im DDV-Stadion abnehmen lassen.

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Traditionspflege wird bei Dynamo Dresden seit einigen Jahren wieder großgeschrieben, doch der Umgang mit der problembehafteten Vergangenheit des achtfachen DDR-Meisters als Polizeisport-Verein erweist sich auch fast drei Jahrzehnte nach dem politischen Umbruch 1989 als schwierig. Nach SPORTBUZZER-Informationen tobt seit einigen Monaten hinter den Kulissen ein Streit, wie der Verein weiter mit der Personalie Eduard Geyer verfahren soll.

Geyer, einst als eher robuster denn technisch-versierter Spieler Teil der legendären Mannschaft von Trainer-Legende Walter Fritzsch und später selbst Dynamo-Meistertrainer 1989 und 1990, darf sich seit November 2014 Ehrenspielführer des Vereins nennen. Damals überreichte ihm das Präsidium um Präsident Andreas Ritter eine entsprechende Urkunde und befreite den heute 73-Jährigen von der Zahlung des Mitgliedsbeitrages, obwohl schon länger bekannt war, dass der gebürtige Oberschlesier zu DDR-Zeiten mehr als nur ein einfacher Informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen war.

Die Ehrenspielführer von Dynamo Dresden

Hans-Jürgen Kreische (re. vor dem Europapokalspiel gegen Leeds United 1970) war in den 60-er und 70-er Jahren als offensiver Mittelfeldspieler bei Dynamo der Torjäger vom Dienst. Der Sohn von Hans Kreische, der einst an der Seite von Helmut Schön für den DSC-Nachfolger SG Friedrichstadt und später auch für den neuen Klub Dynamo spielte, war der erste Dresdner Nationalspieler seit der Verpflanzung Dynamos 1954 nach Berlin. Kreische junior (Jahrgang 1947) bestritt von 1957 bis 1978 genau 234 Oberliga-Spiele und schoss 127 Tore. Er wurde mit Dynamo fünfmal DDR-Meister, einmal Pokalsieger und absolvierte 50 Länderspiele (25 Tore) für die DDR. 1972 gewann er Olympia-Bronze in München und nahm 1974 an der WM in der Bundesrepublik teil. Beim legendären 1:0 der DDR-Auswahl über den Gastgeber stand er in Hamburg auf dem Rasen. Nach der Wende war er auch Nachwuchs- und Cheftrainer bei Dynamo und arbeitet gegenwärtig im Scouting seines Heimatvereins. Zur Galerie
Hans-Jürgen Kreische (re. vor dem Europapokalspiel gegen Leeds United 1970) war in den 60-er und 70-er Jahren als offensiver Mittelfeldspieler bei Dynamo der Torjäger vom Dienst. Der Sohn von Hans Kreische, der einst an der Seite von Helmut Schön für den DSC-Nachfolger SG Friedrichstadt und später auch für den neuen Klub Dynamo spielte, war der erste Dresdner Nationalspieler seit der Verpflanzung Dynamos 1954 nach Berlin. Kreische junior (Jahrgang 1947) bestritt von 1957 bis 1978 genau 234 Oberliga-Spiele und schoss 127 Tore. Er wurde mit Dynamo fünfmal DDR-Meister, einmal Pokalsieger und absolvierte 50 Länderspiele (25 Tore) für die DDR. 1972 gewann er Olympia-Bronze in München und nahm 1974 an der WM in der Bundesrepublik teil. Beim legendären 1:0 der DDR-Auswahl über den Gastgeber stand er in Hamburg auf dem Rasen. Nach der Wende war er auch Nachwuchs- und Cheftrainer bei Dynamo und arbeitet gegenwärtig im Scouting seines Heimatvereins. ©
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Ein Akt, der drei anderen Ehrenspielführern ein Dorn im Auge ist: die Ex-DDR-Auswahlspieler Hans-Jürgen Kreische, Klaus Sammer und Dieter Riedel wehren sich seit Monaten, dass ihre Porträts seit April 2017 überlebensgroß in einer Galerie mit dem Konterfei Geyers im Stadion hängen. Sie wollen nicht mit Geyer, der sie und viele andere Spieler und Trainer einst nachweislich als IM „Jahn“ aushorchte und beim DDR-Geheimdienst als politisch unzuverlässig anschwärzte, im gleichen Atemzug genannt werden. Deshalb stellten sie vereinsintern einen Antrag, Geyer die Ehrenspielführer-Würde abzuerkennen.

"Diesen Anforderungen wird Herr Geyer nicht gerecht"

„Wir sind der Meinung, dass ein Ehrenspielführer ein sportliches und charakterliches Vorbild für unsere Mitglieder sein muss. Diesen Anforderungen wird Herr Geyer wegen seines Verhaltens nicht gerecht“, schrieben sie Mitte Januar in einem dem SPORTBUZZER vorliegenden Dokument an den Ehrenrat. Der verwies trotz teils wohlwollender Äußerungen einiger seiner Mitglieder darauf, eine solch schwerwiegende Entscheidung könne nur das Präsidium treffen. Man könne in eine dem Präsidium laut Satzung zustehende Ermessensentscheidung zur Ernennung von Ehrenspielführern nicht eingreifen.

Doch das Dreiergremium um Präsident Ritter reagierte lange nicht. Zu heikel schien ihm der Streit, obendrein kämpfte der Traditionsverein (98 EC-Spiele) gerade in der 2. Bundesliga ums Überleben. Bewusst hielten auch die drei Altinternationalen die Füße still, vermieden Störfeuer für das Zweitliga-Team von Trainer Uwe Neuhaus, das erst am letzten Spieltag mit Hängen und Würgen den Klassenerhalt schaffte. Weil sich nichts in ihrem Sinne tat, gehen Kreische, Sammer und Riedel nun an die Öffentlichkeit. Kreische erklärte auch im Namen der anderen beiden gegenüber dem SPORTBUZZER: „Für die Tradition, für die Geyer steht, stehen wir nicht.“ Sie würden ihre Plakate im DDV-Stadion abnehmen lassen, wenn der umstrittene Ex-Stasi-Mitarbeiter, der Klaus Sammer 1986 als Cheftrainer beerbt hatte, dort nicht entfernt würde. „Entweder er kommt runter oder wir“, sagen sie.

Geyer habe als als Spieler weniger vorzuweisen als andere

Nicht nur wegen seiner Verstrickungen ins Spitzelsystem des MfS, die mit der belanglosen Arbeit anderer Zuträger wie den Ehrenspielführern Hartmut Schade und dem einst blutjungen Ulf Kirsten gar nicht vergleichbar ist, müsse der mehrfach vom MfS mit Geld und einer steilen Karriere belohnte Geyer anders behandelt werden, denn als Spieler habe er weit weniger vorzuweisen als beispielsweise die Olympiasieger Hans-Jürgen Dörner und Schade oder der Ausnahme-Goalgetter Kirsten, der erst im April 2018 die Ehrenspielführer-Würde verliehen bekam. Andere Dynamo-Größen wie der politisch völlig unbelastete Olympiasieger Gert Heidler (zwölf Länderspiele) hätten diese Ehre viel eher verdient gehabt als Geyer, der nicht ein einziges A-Länderspiel machte.

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Und wenn er schon für seine Titel in der Endphase der DDR geehrt werde – wo fänden sich die verstorbenen Trainergrößen Walter Fritzsch und Kurt Kresse denn wieder? „Andere fühlen sich da beleidigt“, meint Kreische, 50-facher Auswahlspieler, 1974 WM-Teilnehmer und in seiner aktiven Zeit vierfacher DDR-Oberliga-Torschützenkönig. Das Dynamo-Idol - wie Sammer senior, Riedel und andere prominente Ex-Dynamo-Spieler wie Peter Kotte, Gerd Weber und Matthias Müller Opfer von Stasi-Intrigen - ist nun gespannt, wie die Öffentlichkeit den Umgang der Vereinsführung mit der Vergangenheit bewertet.

Der Betroffene hüllt sich in Schweigen

Präsident Ritter sieht derzeit keinen Handlungsbedarf, auf Nachfrage der Dresdner Neuesten Nachrichten wies er das Ansinnen der drei prominenten Vereinsgrößen zurück: „Das Thema Staatssicherheit ist in den neunziger Jahren und Anfang der Zweitausender-Jahre umfassend ausdiskutiert worden. Es gibt dazu keine neuen Erkenntnisse, deswegen werden wir das jetzt auch nicht mehr anfassen.“ Die Antragsteller könnten sich mit ihrem Anliegen an die nächste Mitgliederversammlung wenden. Man habe die Befindlichkeiten der Traditionsspieler zu respektieren. Eine Aberkennung der Ehrenspielführer-Würde sei in der Satzung nicht geregelt.

Der, um den sich alles dreht, wollte sich nicht näher zur pikanten Angelegenheit äußern. Eduard Geyer, bundesweit jüngeren Generationen eher bekannt als knorriger und wortgewaltiger Trainer des einstigen Bundesligisten Energie Cottbus, meinte auf Nachfrage: „Es ist zu dem Thema alles gesagt: 1991 und auch noch einmal 2000, als wir mit Cottbus in die Bundesliga aufgestiegen sind. Es gibt nichts Neues.“ Daran, für seine Verfehlungen einzustehen und seine Ehrenspielführer-Würde zurückzugeben, denkt der letzte DDR-Auswahltrainer offenbar nicht. Er setzt offenbar darauf, dass viele Fußballfans nicht groß an Politik interessiert sind.

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