30. April 2021 / 15:04 Uhr

Stecker raus - mit Wirkung? Das steckt hinter dem Social-Media-Boykott zahlreicher Top-Klubs

Stecker raus - mit Wirkung? Das steckt hinter dem Social-Media-Boykott zahlreicher Top-Klubs

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kann der geplante Social-Media-Boykott wirklich etwas bewegen?
Kann der geplante Social-Media-Boykott wirklich etwas bewegen? © IMAGO/PA Images (Montage)
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Ab diesem Freitag boykottieren englische Klubs vorerst ihre Social-Media-Kanäle – auch deutsche Vereine beteiligen sich. Selbst die UEFA zieht nach. Der SPORTBUZZER hat mit einem Social-Media-Experten über die Aktion gesprochen - er zeigt sich wenig begeistert hinsichtlich der Wirkung.

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Die beiden Fußballklubs TSG Hoffenheim und FC St. Pauli haben auf den ersten Blick recht wenig gemeinsam. Sie haben andere Vorstellungen vom Profigeschäft und werden in grundlegend unterschiedlichen Strukturen geführt. Doch nun verschreiben sich der Bundesligist aus dem Kraichgau und der Zweitligist aus Hamburg dem gleichen Projekt: einem von englischen Klubs initiierten Social-Media-Boykott. In einem Statement heißt es von St. Pauli: „Hass und Hetze im Netz in den Kommentarspalten werden zum Alltag. Dieses weltweite Problem muss angegangen werden.“

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Vom 30. April bis zum 3. Mai wollen sich vor allem Vereine aus der Premier League und der höchsten englischen Frauenliga sowie weitere Teams unterer Spielklassen an dem Boykott beteiligen. Und eben Hoffenheim, das schon länger seine Teilnahme verkündet hatte, sowie der Kiezklub, der am Donnerstag bekannt gab, mit dabei zu sein.

Zahlreiche Spieler der Premier League hatten in den vergangenen Monaten rassistische Angriffe in den sozialen Medien erlebt, darunter Marcus Rashford (Manchester United) und Liverpools Star Sadio Mané. Auch der englische Nationalspieler Jude Bellingham von Borussia Dortmund war betroffen. Mit der Aktion, vorerst in den sozialen Medien nicht mehr aktiv zu sein, soll darauf hingewiesen werden.

Social-Media-Experte: Boykott "nicht wirklich sinnvoll"

„Rassistische Beleidigungen in den sozialen Netzwerken sind wie ein Rauschen, das nicht weggeht“, sagt Hendrik Unger, Experte für Social-Media-Marketing, Werbung und Kommunikation, im Gespräch mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Daher geht er nicht von einer großen Wirkung des Boykotts aus. Dieser sei „nicht wirklich sinnvoll“, meint Unger: „Es kommt bei solchen Personen nicht an – das verstehen die auch gar nicht. Es gibt genug andere Möglichkeiten und Themen, wo sich die Leute auslassen können.“

Der 31-Jährige rät den Betroffenen eher zu einem anderen Schritt: „Ich würde versuchen, solche Kommentare sofort zu löschen oder von einem Beauftragten löschen zu lassen. Man darf diesen Leuten keine Lobby geben.“

Auch UEFA schließt sich Boykott an

Thierry Henry zog sich unlängst komplett aus Facebook, Twitter und Co. zurück. Der ehemalige Weltklasseprofi aus Frankreich verwies in einem Interview mit dem britischen Sender BBC auf „das schiere Ausmaß von Rassismus und Schikane“. Es sei zu leicht, sich hinter „Fake-Accounts“ zu verstecken. Experte Unger sieht das ähnlich: „Diese Leute sind im Netz mehr geschützt, da können sie es erst mal raushauen und finden ein größeres Gehör als auf der Straße. Es sind oft Menschen, die aus verschiedensten Gründen selbst auch frustriert mit ihrem Leben sind – das kann natürlich auch an der aktuellen Corona-Situation liegen.“

Heftige rassistische Beleidigungen erreichten auch Handball-Bundestrainer Alfred Gíslason. Der Isländer veröffentlichte Mitte März auf seinem Instagram-Account Ausschnitte eines an ihn adressierten Briefes, in dem er angegangen wurde, weil er kein Deutscher ist.

Hoffenheim, St. Pauli und Co. ziehen nun in den sozialen Netzwerken vorerst den Stecker. Auch die UEFA macht mit, gab sie am Donnerstag bekannt. Ob dies als Zeichen wirkt oder doch eher verpufft, wird die Zukunft zeigen.