10. November 2018 / 08:00 Uhr

Stefan Effenberg über den BVB und den FC Bayern: "Niko Kovac macht nicht viel verkehrt"

Stefan Effenberg über den BVB und den FC Bayern: "Niko Kovac macht nicht viel verkehrt"

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Stefan Effenberg sieht die Schuld für die Krise des FC Bayern nicht bei Niko Kovac, sondern bei den Spielern.
Stefan Effenberg sieht die Schuld für die Krise des FC Bayern nicht bei Niko Kovac, sondern bei den Spielern. © Getty Images (Montage)
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Borussia Dortmund gegen den FC Bayern: Vor dem deutschen Clásico spricht Stefan Effenberg im SPORTBUZZER-Interview über die Schuldigen an der Bayern-Krise, über Hasan Salihamidzic, unzufriedene Spieler, Uli Hoeneß, Marco Reus und Gründe für den Boom beim BVB.

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Herr Effenberg, heute kommt es zum deutschen Clásico zwischen Dortmund und Bayern. Uli Hoeneß behauptet, der FCB sei diesmal kein Favorit. Hat er Recht?

Ja, aufgrund der sportlichen Situation, in der der FC Bayern gerade steckt. Sie tun sich enorm schwer, ihre Spiele zu gewinnen, die Überzeugung fehlt. Der BVB hat ein Heimspiel, spielt eine starke Saison und ist deshalb Favorit. Der einzige Vorteil, den Bayern hat, ist das Auswärtsspiel des BVB in Madrid, verbunden mit den Reisestrapazen und der Regeneration. Und der FC Bayern weiß, dass man mit einem Sieg in diesem Spiel wieder vieles gerade rücken kann.

Wie erklären Sie sich die ungewohnt zurückhaltenden Aussagen der Bayern?

Es ist der Situation geschuldet – sie sind nicht die Gejagten, sondern die Jäger. Das ist eine untypische Rolle, mal abgesehen von einer kurzen Zeit vor ungefähr einem Jahr. Damals haben sie den Rückstand aber sehr schnell gedreht.

Diesmal wirken die jeweiligen Situationen allerdings nachhaltiger. Oder nicht?

Das hat sich in der Tat etwas geändert. Auch wenn Dortmund anfangs nicht überzeugt hat, spielen sie inzwischen einen frischen, frechen Offensivfußball, der auch noch sehr erfolgreich ist. Damit tut sich Bayern momentan schwer, sie fahren fast nur Arbeitssiege ein, sind bei weitem nicht bei hundert Prozent ihrer Leistungsfähigkeit. Der BVB hat den ersten Härtetest zu Hause gegen Atlético extrem überzeugend bestanden, nun folgt der nächste.

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Wundern Sie solch verwirrende Aussagen wie die von Uli Hoeneß, dass man eigentlich Zweiter und nicht Dritter sei?

Nein, das ist für mich völlig belanglos. Es zeigt mir nur, dass ihn die aktuelle Situation extrem wurmt, dass man sensibel ist – und das ist gut so. Manchmal ist es nämlich gar nicht schlecht, wenn man anfängt nachzudenken.

Welchen Anteil hat Niko Kovac an der aktuellen Bayern-Krise?

Kovac macht nicht viel verkehrt, man muss aus meiner Sicht auch mal an die Spieler appellieren. Wenn ein Spieler mal nicht an seine Leistungsgrenze kommt, okay. Aber wenn es fünf, sechs sind, wird es auch für Bayern schwer.

Effenberg: "Ist wirklich jeder Bayern-Spieler bereit, ans Limit zu gehen?"

Das heißt, Sie sehen das Problem eher bei den Profis als beim Trainer oder der Vereinsführung?

Ja, weil die Qualität einfach vorhanden ist. Wenn man den Kader durchgeht, müsste Bayern die Bundesliga trotz einiger Verletzter wie Thiago, Tolisso oder Coman dennoch anführen. Dann muss man halt andere Fragen stellen: Ist der Hunger noch da? Ist wirklich jeder bereit, ans Limit zu gehen? Ist der ein oder andere Spieler zu alt?

Zum Beispiel Robben oder Ribéry?

Ich würde sagen, dass sie noch nicht über den Zenit sind, sondern darauf. Die Kurve geht noch nicht nach unten. Stand heute sind sie noch immer in der Lage, den Unterschied in einem Spiel auszumachen. Aber die Zeit ist limitiert, ohne Frage.

Der BVB hat den Umbruch im Sommer brutal vollzogen. Hat Bayern ihn verpasst?

Das glaube ich nicht. Bei Bayern muss der Umbruch scheibchenweise passieren, und das wird auch kurz- oder mittelfristig passieren. Es ist eher die Frage, ob sie im Sommer noch jemanden hätten dazu holen müssen.

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Maulwürfe beim FC Bayern? Effenberg: "Sofort rausschmeißen!"

Also muss Bayern im Winter nachlegen?

Nein, sie sollten sich auf den nächsten Sommer konzentrieren. Für Vereine auf diesem Niveau gibt es im Winter sehr, sehr selten echte Verstärkungen.

Derzeit dringen in München sehr viele Interna nach außen, es herrscht ständig Unruhe. Hat das auch mit den unzufriedenen Spielern zu tun?

Das birgt auf jeden Fall eine Gefahr. Solche Spieler erkennen, dass sie nicht mehr drei, vier Jahre vor sich haben. Dennoch haben sie aufgrund der Vergangenheit den Anspruch zu spielen und vergessen dabei leider, dass die Vergangenheit aktuell nichts mehr zählt. Da müssen die Verantwortlichen ehrlich sein und sagen, wie man mit ihnen plant, sonst kann man Probleme bekommen.

Können Sie sich vorstellen, dass Spieler bewusst Interna nach außen geben, weil sie mit Kovac nicht zufrieden sind?

Sollte es tatsächlich einen oder mehrere Maulwürfe geben, wäre das katastrophal für die Mannschaft. Ich würde bei solchen Spielern – egal bei welchem Klub – knallhart durchgreifen und sie rausschmeißen. Das ist ein absolutes No-Go.

"Marco Reus ist der Superstar des BVB"

Beim BVB ist es dagegen erstaunlich ruhig. Liegt es auch an der Neuaufstellung der Führungsriege?

Definitiv. Das Kompetenzteam mit Sebastian Kehl und Matthias Sammer hat höchste Qualität.

Dazu blüht Marco Reus förmlich auf. Macht er derzeit den Unterschied?

Wir haben uns ja alle gewünscht, dass er mal über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei bleibt. Über seine Qualitäten brauchen wir keine Sekunde diskutieren, er ist ein Superstar. Jetzt ist er topfit, hat den Trainer, der ihn schon in Gladbach groß gemacht hat, ist Kapitän und hat sich total zum BVB bekannt – all diese Faktoren führen dazu, dass er ein absolutes Pfund ist.

Was könnte zu einem BVB-Einbruch führen?

Es wirkt derzeit alles sehr gefestigt, ist aber eine Momentaufnahme. Spannend wird sein, was passiert, wenn das Siegen mal nicht so leicht fällt, wenn man mal ein paar Spiele verliert, einige Leistungsträger ausfallen. Dann wird sich zeigen, wie stabil das Ganze wirklich ist.

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Glauben Sie noch an Kovac?

Ja! Bei aller Kritik, er könne nicht mit Stars umgehen, muss man mal sagen, dass er schon kroatischer Nationaltrainer war. Und auch in Frankfurt hat er einen tollen Job gemacht. Wenn er die versprochene Rückendeckung kriegt und das nicht nur Floskeln sind, dann bin ich sicher, dass er derjenige sein wird, der den Umbruch Stück für Stück vorantreiben und mit Bayern noch sehr erfolgreich sein wird. Ich kann mir übrigens auch nicht vorstellen, dass Bayern in einem Zeitraum von 15, 16 Monaten drei Trainer hat. Dann würden irgendwann auch die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen.

Wie sehen Sie die Rolle Ihres ehemaligen Mitspielers Hasan Salihamidzic?

Grundsätzlich ist es nicht einfach zwischen solchen Alphatieren wie Hoeneß und Rummenigge. Brazzo ist sehr euphorisch an die Sache rangegangen und arbeitet viel. Aber es ist wichtig, dass er sich auch in der Öffentlichkeit positioniert. Man sollte ihm Zeit geben, es ist ein Lernprozess. Ich würde ihm wirklich wünschen, dass er es packt, aber es kann auch ganz schön wehtun.

In der Vergangenheit hat Bayern dem BVB häufig auf dem Transfermarkt wehgetan. Wird das auch in Zukunft der Fall sein?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Spieler, die aktuell beim BVB spielen, derzeit am richtigen Ort sind. Aber natürlich wird Bayern sich den ein oder anderen ganz genau anschauen – sie haben sich ja immer ganz gerne in Dortmund bedient. Das wird in Zukunft nicht anders sein.

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Ihr Tipp für heute?

Beide wissen, dass es ein richtiges Bigpoint-Spiel ist. Der BVB kann auf sieben Punkte davonziehen, was ein echtes Brett wäre. Umgekehrt kann Bayern wieder ganz eng heranrücken. Aus diesen Gründen glaube ich, dass es viele Karten und keinen Sieger geben wird (lacht).

Und wer wird am Ende Meister?

Zunächst mal würde ich mir für alle Fans wünschen, dass es lange spannend bleibt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Bayern am Ende wieder oben steht. Aber wenn sie nicht relativ schnell ihre eigenen Stärken zurückgewinnen, kann es durchaus auch Dortmund oder sogar Gladbach schaffen – was ich mir natürlich wünschen würde, aber nicht wirklich glaube.

Am Sonntag um 11 Uhr ist Stefan Effenberg zu Gast im "Sport1-Doppelpass"

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