14. April 2020 / 14:23 Uhr

Chefin Stefanie Eichel zum Stay-at-Home-Marathon: "Resonanz ist überwältigend"

Chefin Stefanie Eichel zum Stay-at-Home-Marathon: "Resonanz ist überwältigend"

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Ruft zum Alleinlaufen auf: Marathonchefin Stefanie Eichel am Friedrichswall – da, wo der abgesagte Marathon am 26. April hätte starten sollen.
Ruft zum Alleinlaufen auf: Marathonchefin Stefanie Eichel am Friedrichswall – da, wo der abgesagte Marathon am 26. April hätte starten sollen. © Tim Schaarschmidt
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Die Corona-Pandemie bremst den Jubiläumsmarathon in Hannover aus. Doch gelaufen werden soll am 26. April trotzdem. Nicht zusammen, ohne sportliche Vorgaben – dafür aber nach den strengen Spielregeln, die das Virus der Gesellschaft aufgibt. Im Interview spricht Marathon-Chefin Stefanie Eichel über Frustmomente, vorbildliche Sportler und warum der Stay-at-Home-Marathon die beste Antwort auf die Krise gibt.

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Jubiläum, deutsche Meisterschaft, Teilnehmerrekord. Hannover hätte den Marathon der Superlative erlebt. Bis das Corona-Aus kam.

Daran habe ich noch immer zu knabbern. Der Hannover-Marathon, egal, der wievielte, ist ein ganz besonderes Event. Dieses Jahr wäre es der 30. Marathon für Hannover gewesen mit deutscher Meisterschaft, wir hatten bislang eine noch nie dagewesene Meldequote an Läufern, mehr als 70 Rahmenprogrammpunkte, engagierte Helfer. Der Marathon wäre ein emotionales Finale einer Arbeitsphase von fast zwei Jahren gewesen. Ich werde sicher auch über den 26. April hinaus enttäuscht sein.

Was fehlt Ihnen als Veranstalter am meisten?

Uns fehlt dieses unheimlich große, gemeinsame Ereignis voller Emotionen. Doch genau in dieser Zeit der Corona-Pandemie sind die größten Stärken eines Marathons leider gleichzeitig seine größten Schwächen: das körperliche Beisammensein, die Vielfalt, die Internationalität. Aber: Wir haben aus dieser Situation heraus, in der allen das persönliche Ziel und diese besondere Veranstaltung fehlen, die Idee des Stay-at-Home-Marathons entwickelt – ein kostenfreier Service mit persönlicher Startnummer und verdienter Medaille.

Eine gemeinsame Veranstaltung, die jeder einzeln erleben soll. Warum?

Jeder wird an diesem 26. April den Marathontag auf seine Weise verbringen. Ganz viele werden morgens aufwachen und sich denken: Heute wäre eigentlich dieser besondere Tag gewesen, auf den ich so lange hingearbeitet hatte. Nun sorgen wir gemeinsam dafür, dass es dieser besondere Tag auch bleiben wird – eben nicht nur in Hannover, eben nicht mit anderen, aber gemeinsam mit diesen Corona-Spielregeln, die für uns alle gelten.

Die schönsten Bilder vom Hannover-Marathon: Stimmung, Sport und so viel mehr!

Auch die Prominenz darf bei so einem Mega-Event natürlich nicht fehlen. OB Stefan Schostok, Moderator Christoph Dannowski mit 96-Stürmer Niclas Füllkrug. Zur Galerie
Auch die Prominenz darf bei so einem Mega-Event natürlich nicht fehlen. OB Stefan Schostok, Moderator Christoph Dannowski mit 96-Stürmer Niclas Füllkrug. ©

Kritiker sehen darin einen Aufruf zur Massenveranstaltung an Hotspots wie dem Maschsee oder der Eilenriede.

Ganz genau das Gegenteil erreichen wir. Wir haben die Initiative gestartet, um diesen Befürchtungen entgegenzuwirken. Wir wollen nicht, dass sich die Läufer in Gruppen treffen. Allerdings wirkt an diesem speziellen Tag das Gefühl der Einsamkeit enorm und sorgt schlimmstenfalls dafür, dass manche Läufer eben doch die Nähe anderer suchen. Die Leere ist nach den Anstrengungen der Vorbereitung sehr groß. Wir schärfen mit dem Stay-at-Home-Marathon das Bewusstsein, dass genau das aber in diesem Jahr eben nicht geht.

Sozusagen: Physisch getrennt, gedanklich zusammen.

Die Botschaft ist klar: Bitte versuche nicht, dich heimlich mit anderen zu treffen und die Spielregeln zu umgehen. Ihr seit zwar allein, aber wir alle sind gedanklich zusammen. Es ist kein Aufruf zum Flashmob – ganz im Gegenteil. Wir haben gespürt, dass die Aktiven etwas planen. Und mit dieser Aktion bestimmen wir nun die Spielregeln und nehmen die Teilnehmenden in die Verantwortung, die sie zu Vorbildern macht. Mit einer Startnummer vor dem Bauch wird dieses Vorbild schnell zerstört, wenn man sich daneben benimmt.

Ausdauersportler mit Vorbildcharakter.

Unsere Sportart steht für Fairness. Alle Läufer sind mit dieser Aktion sichtbar und Teil einer großen virtuellen Gemeinschaft mit großer Solidarität und Verantwortung. Es geht nicht darum, die Läufer zu Hotspots zu bringen – genau das verhindern wir, indem wir die Sportler sichtbar machen und ihnen bewusst die Verantwortung übertragen.

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Sie hätten aber auch einfach sagen können: Lasst uns den Marathon auf das nächste Jahr verschieben.

Das hätte man tun können, ja. Unsere Aufgabe aber ist es, die Menschen, die sich intensiv auf diesen Tag vorbereitet haben, dorthin zu bringen, nicht über den Ausfall traurig zu sein, sondern ein stolzes Vorbild zu sein und einen geilen Tag zu erleben. Mit der Absage sind viele in ein mentales Loch gefallen, haben aufgehört zu trainieren. Die Lebensbelastung ist derzeit enorm hoch. Dann bricht auch noch ein solcher Termin weg, die Sportler verlieren ihr Ziel. Gerade jetzt ist körperliche und mentale Fitness die Grundlage, gesund zu bleiben. Jetzt müssen alle dabei bleiben.

Gemeinsames Erlebnis statt sportliches Ergebnis?

Eins ist klar: Das wird kein Wettkampf und keine Überforderung. Zeiten und Strecken sind komplett egal. Wir wollen keine medizinischen Notfälle. Wir wollen das Immunsystem stärken, nicht schwächen. Viele Athleten haben sich Zielzeiten vorgegeben. In einem behüteten Netzwerk einer Veranstaltung kann man das auch machen, aber bitte nicht jetzt. Es hapert an Verpflegung, Aufsicht und Versorgung. Unsere Botschaft: Bleibt fit und munter – Absage heißt Absage.

7000 Sportler haben sich bislang für den Stay-at-Home-Marathon angemeldet. Wie bewerten Sie diese Resonanz?

Wir waren von der Idee überzeugt, aber die Resonanz nun ist überwältigend. Wir merken: Die Kommunikation wird wertvoller, die Achtsamkeit und der Respekt voreinander wird größer. Der Stay-at-Home-Marathon schafft eine positive Perspektive in dieser echt schwierigen Zeit. Und danach sehnen wir uns doch alle. Wir bleiben dran – und sehen uns laufend!