27. Januar 2021 / 11:09 Uhr

"Es ist sehr frustrierend": WM-Traum von Cross-Ass Stefanie Paul jäh geplatzt

"Es ist sehr frustrierend": WM-Traum von Cross-Ass Stefanie Paul jäh geplatzt

Simon Lange
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kämpferisch: Rad-Ass Stefanie Paul (RSG Hannover) schleppt bei der Cross-EM am 7. November in Rosmalen (Niederlande) ihr Sportgerät. Zur WM darf sie nicht.
Kämpferisch: Rad-Ass Stefanie Paul (RSG Hannover) schleppt bei der Cross-EM am 7. November in Rosmalen (Niederlande) ihr Sportgerät. Zur WM darf sie nicht. © imago images/AFLOSPORT
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Große Hoffnung hatte sich Stefanie Paul auf ihre zweite Teilnahme an einer Cross-WM nach 2017 gemacht. Doch der Traum von Ostende ist geplatzt, die Rennfahrerin von der RSG Hannover nicht nominiert worden. "Es ist sehr frustrierend", sagt die 34-Jährige, die so viel dafür investiert hatte.

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Stefanie Pauls Traum von der Teilnahme an der Cross-Weltmeisterschaft – er ist jäh geplatzt. Trotz ihres Sturzes und dem daraus folgenden 21. Platz beim UCI-Rennen in der Schweiz hatte sich Hannovers Rad-Ass große Hoffnung auf ihre zweite WM nach 2017 gemacht. Sie rechnete sich sogar mehr Chancen aus denn je und richtete ihren Trainingsplan voll auf den Saisonhöhepunkt aus. Doch der verantwortliche Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ist anderer Meinung und verzichtet knallhart darauf, Paul am Samstag zu den Titelkämpfen ins belgische Ostende zu schicken.

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Ende vergangene Woche bekam Paul nach der Onlineberatung der BDR-Spitzenvertreter mit den Bundestrainern die Absage. Paul musste schlucken, als sie der Bundestrainer Cross, Wolfgang Ruser, informierte, „dass ich nicht starten darf“. Die deutsche Meisterin Elisabeth Brandau darf hingegen als einzige deutsche Fahrerin teilnehmen, obwohl der Weltverband UCI fünf freie Startplätze zur Verfügung gestellt hatte. Bei den Männern ist Sascha Weber (LC Tetange) der einzige Starter.

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Die Meisterschaftsdritte Paul und Dauersiegerin der Cross-Bundesliga kann nicht nachvollziehen, warum ihr der BDR den Start verwehrt. Neben den jährlich angepassten Normen mit Topplatzierungen bei Weltcups und dem Meistertitel zählt im Zweifel auch die Meinung des Bundestrainers. In diesem Jahr hat der BDR wegen der Corona-Pandemie aber die WM-Kriterien ausgesetzt. Stattdessen gilt das Urteil der Bundestrainers.



BDR traut Paul Topplatzierung nicht zu

„Unterstützend wurden die Kriterien der Vergangenheit zur Einschätzung herangezogen“, erklärt der verantwortliche Leistungssportdirektor Patrick Moster auf Nachfrage vom SPORTBUZZER. „Um einen Nachweis ihrer internationalen Konkurrenzfähigkeit erbringen zu können, wurde Frau Paul unter anderem für Weltcups und die Europameisterschaften gemeldet. Leider ist es ihr nicht gelungen, diesen Nachweis zu erbringen“, so Moster.

Bei der EM landete Paul auf Rang 25, von 26 Startern. Bei den Weltcups sammelte die 34-Jährige zwar wichtige UCI-Ranglistenpunkte, eine fordere Topplatzierung gab es aber nicht. Kurzum: Der BDR traut Paul nicht zu, bei der WM einen Toprang zu erreichen. Auch wenn Paul in den vergangenen Jahren durchaus gezeigt hat, dass sie international mithalten kann. Mitfahren reicht dem BDR jedoch nicht, die Ansprüche sind höher. „Wir nominieren nicht nach Lust und Laune. Wir schicken nur unsere Besten mit Endkampfchancen zur WM“, erklärt Moster.

Dass Paul unterm Strich nicht wesentlich schlechter als Sascha Weber abgeschnitten hat, spielt offenbar keine Rolle. Weiteres Argument: Musikpädagogin Paul ist kein Profi, die wirtschaftlich auf den Radsport angewiesen ist. Berufssportler, die mit dem Radfahren hauptsächlich ihr Geld verdienen, hätten im Zweifelsfall die Unterstützung des Verbandes – per Sondergenehmigung. Paul bekam eine für die EM, nicht aber für die WM.

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Dass der BDR ungeachtet aller Ansprüche nicht trotzdem willige Fahrer und Fahrerinnen zur WM entsendet, bleibt unverständlich. Weil die Fahrer in diesem Jahr ohnehin alles auf eigene Rechnung organisieren müssen. Anreise, Betreuung, technische Unterstützung. Der durch die Abwesenheit mögliche Imageschaden ist offenbar auch egal. Der Weltverband vermisst die deutschen Fahrer bei der Cross-WM. UCI-Athletensprecherin Katerina Nash findet es sehr schade, dass der BDR seine Startplätze generell, auch schon in der Vergangenheit, nicht besetzt: „Alle würden es begrüßen, mehr deutsche Teilnehmer am Start zu sehen. Es scheint so, als wären sie einfach verschwunden in den letzten Jahren.“

Auffallend: In anderen Disziplinen (MTB, E-Sport) schickt der BDR volle Teams. Nur Cross scheint nicht wichtig genug. Andere Nationen schicken reihenweise ihre Fahrer, so viele wie möglich. Selbst solche, die weit schlechter als die Deutschen sind. „Es ist sehr frustrierend, dass der BDR nicht bereit ist, auch so zu denken“, sagt Paul auch stellvertretend für ihre Kollegen und Kolleginnen.

Keine WM, keine Punkte

Pauls Erfahrungen zeigen: Hoffnung auf einen zweiten WM-Start nach 2017 (Platz 28 in Luxemburg) braucht sie sich in Zukunft nicht mehr zu machen. So schwer die Enttäuschung über die verwehrte WM, so gravierend die Folgen für die nächste Saison. Wegen der zahlreichen, coronabedingten Rennabsagen in dieser Saison, wird die Cross-Weltrangliste nach Saisonende im Februar gestrichen. Nur das WM-Ergebnis dient als Basis für das neue UCI-Ranking für die kommende Saison. Keine WM, keine Punkte.

Paul fällt also aus der UCI-Weltrangliste und hat damit große Nachteile gegenüber der Konkurrenz. Finanziell und sportlich. Denn Startpositionen und Antrittsgelder der Veranstalter richten sich beide nach dem UCI-Ranking. „Wir brauchen solche Frauen wie Stefanie Paul, sie halten den Sport am Leben. Wir erkennen ihr Engagement an“, betont Moster versöhnlich. Fraglich ist, was Paul diese lediglich verbale Art von Wertschätzung nützt.