08. Februar 2021 / 19:30 Uhr

Steffen Baumgart: Ich werde mich auch in Zukunft äußern, wenn mich etwas stört

Steffen Baumgart: Ich werde mich auch in Zukunft äußern, wenn mich etwas stört

Christian Falkenberg
Ostsee-Zeitung
Steffen Baumgart
Paderborn-Coach Steffen Baumgart  © Roland Weihrauch
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Großes Aufsehen und viel Zustimmung erhielt Steffen Baumgart für seine Kritik an einer Schiedsrichterentscheidung nach dem Pokal-Aus seines SC Paderborn gegen Borussia Dortmund. Der gebürtige Rostocker und einstige Hansa-Profi über sein viel beachtetes Interview, seinen Kollegen Jens Härtel und eine mögliche Rückkehr zu seinem Heimatverein. 

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Hat Sie das mediale Echo nach Ihren Äußerungen zum Pokalaus bei Borussia Dortmund überrascht, Herr Baumgart?

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Nein, es hat mich nicht überrascht. Das ist die marktübliche, mediale Aufbereitung bei solchen Äußerungen, und wir leben nun mal in einer Welt, in der es um Schlagzeilen geht. Mir ist aber wichtig zu sagen, dass ich kein mediales Echo hervorrufen wollte. Ich habe lediglich den Ablauf rund um diese Entscheidung kritisiert, nicht die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters.

Was genau war denn so kritisch am Ablauf?



Grundsätzlich hat sich der Schiedsrichter ans Protokoll gehalten, was besagt, dass er nicht gucken muss. Dennoch wäre es auch für Außenwirkung wichtig gewesen, wenn er sich die Bilder angesehen hätte. Wichtig ist, dass man die technischen Möglichkeiten bestmöglich nutzt.

Diese Spieler wurden in MV geboren, haben aber nie für Hansa Rostock gespielt

Robert Tesche (l.), Bastian Reinhardt und Frank Rohde (r.) sind gebürtige Mecklenburger, die Hansa-Kogge trugen sie aber nie auf der Brust. Zur Galerie
Robert Tesche (l.), Bastian Reinhardt und Frank Rohde (r.) sind gebürtige Mecklenburger, die Hansa-Kogge trugen sie aber nie auf der Brust. ©

Das klingt, als würden Sie nicht viel vom Videobeweis halten.

Doch, ich finde ihn absolut richtig und wichtig. Es hat schon zahlreiche Entscheidungen auf der Grundlage des Videobeweises gegeben, die ein faires Ergebnis zum Resultat hatten. Wir stehen insgesamt noch relativ weit am Anfang des Videobeweises und müssen einfach noch mehr lernen, damit zu arbeiten.

Würden Sie sich in Zukunft erneut so emotional äußern?

Ich habe niemanden beleidigt oder angegriffen, was man auch daran sieht, dass ich keine Strafe bekommen habe. Und ja, ich werde mich auch zukünftig äußern, wenn mich etwas stört.

Was für ein Trainertyp sind Sie eigentlich? Motivator oder Schleifer, Kumpeltyp oder eher Taktikfuchs?

Bis auf Taktikfuchs bin ich alles. Was soll das überhaupt sein, ein Taktikfuchs? Alleine das viele Gerede von Taktik! 4-4-1, 4-3-3 oder sonst eine Anordnung – was soll das bringen? Eine Mannschaft muss ein Gesicht haben und eine gewisse Ordnung. Wenn ich zum Beispiel sehe, was Jens (Härtel) bei Hansa Rostock macht, dann hat das eine klare Struktur.

Was heißt das konkret, auf was kommt es im Fußball an?

Du arbeitest an der Struktur der Mannschaft, brauchst bestimmte Spielertypen und schon wirst du auf lange Sicht Erfolg haben. Warum lieben wir den Fußball denn so, warum gehen wir ins Stadion?

Zum Beispiel für die Attraktivität, für das Spektakel, für Siege.

Zunächst mal ist Fußball ein Arbeitssport, da wird gekämpft und gerackert, da wird gearbeitet. Übersteiger und Heber sind schön – wir brauchen aber nicht nur Einzelkönner. Fußball ist vor allem ein Mannschaftssport.

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Was würde einem ihrer Spieler passieren, wenn er nach einem Übersteiger den Ball verliert und der Gegenzug zum Tor führt?

Das kommt auf die Situation an. Vor allem darauf, ob die Aktion im Sinne und zum Wohle der Mannschaft hätte gewesen sein können. Grundsätzlich gilt: Wenn es für die Mannschaft ist, darf es auch mal ein Heber sein.

Reden wir über die Kommerzialisierung im Fußball. Ist Ihnen der Traditionsverein lieber oder Klubs wie Hoffenheim oder RB Leipzig?

Tradition ist das, was den Fußball ausmacht. Ich weiß aber auch, dass man Geld braucht. Es wird mit dem Fußball viel Geld verdient, zum Beispiel über Werbung und Fernsehvermarktungen. Also muss und kann auch Geld investiert werden. Allerdings muss ich sagen, dass nicht alles, was wir aktuell machen, dem Fußball dient. Zusätzliche Wettbewerbe wie zum Beispiel die Nations League haben einen zweifelhaften sportlichen Wert. Die Belastung der Spieler wird mittlerweile so hoch, dass man bisweilen keine zufriedenstellenden Leistungen mehr sieht. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht selbst abschaffen.

Stichwort Geld: Der Amateurfußball leidet enorm unter den Lockdown-Maßnahmen. Warum kann der Fußball in diesen Ligen nicht auch weitergehen?

Ich glaube, dass die Saison im Amateurbereich gelaufen ist. Man kann die Saison abhaken. Es ist bestenfalls noch ein Abschluss der Hinrunde drin, alles andere ist nicht mehr möglich. Viel schlimmer finde ich jedoch, dass wir eine ganze Menge an Jugendlichen in den Vereinen allgemein verlieren. Wir müssen konstruktiv überlegen, wie wir den Jugend- und Freizeitsport wieder hinbekommen. Das Schwierigste ist allerdings, ein Konzept aufzustellen und dieses dann auch umzusetzen.

Sie sind – zumindest seit dem Aufstieg 2005 – der dienstälteste Trainer beim SC Paderborn. Ist Ihnen das bewusst?

Damit beschäftige ich mich nicht. Es geht um die Philosophie, die dieser Klub hat, und die ist nicht von mir. Das war die Idee von Markus Krösche, und der Erfolg gab und gibt uns Recht. Es hat immer geheißen, die von uns gewählte Spielphilosophie funktioniert nicht in der 3. Liga. Erst recht nicht in der 2. Liga, und schon gar nicht in der Bundesliga. Wir haben dem Verein mit dieser Spielphilosophie ein Gesicht gegeben.

Wie passt das mit 81 Transfers in vier Jahren zusammen?

Ich glaube nicht, dass das bei anderen Vereinen anders ist. Man darf auch nicht vergessen, dass wir in jedem Jahr in einer anderen Liga gespielt haben. Und genau für diese Aufgaben entsprechende Spieler brauchten.

Diese Spieler genießen bei den Fans besondere Sympathien:

Oliver Hüsing (*1993): Umsichtiger Abwehrchef, Kapitän und Liebling der Fans. Kam 2016 für die Rückrunde aus Bremen und kehrte von 2017 bis 2019 noch mal zu Hansa zurück. Wechselte anschließend in die 2. Liga nach Heidenheim. Zur Galerie
Oliver Hüsing (*1993): Umsichtiger Abwehrchef, Kapitän und Liebling der Fans. Kam 2016 für die Rückrunde aus Bremen und kehrte von 2017 bis 2019 noch mal zu Hansa zurück. Wechselte anschließend in die 2. Liga nach Heidenheim. ©

Denis Srbeny, Ben Zolinski, Philipp Klement, Marcel Hilßner, Christian Bickel – alles (ehemalige) Paderborner Spieler mit Hansa-Vergangenheit. Gucken Sie noch oft nach Rostock?

Ich bin mit Herz und Seele Rostocker, das schüttelt man nicht ab. Der Verein hat mir wahnsinnig viel gegeben, das ist und bleibt meine Heimat. Und es ist und bleibt mein Verein. Zu den Spielern kann ich nur Folgendes sagen: Es gibt viele, die in Rostock nicht mehr gut genug waren, für zu leicht befunden und weggeschickt wurden. Jetzt bringen sie bei anderen, höherklassigen Vereinen gute Leistungen.

Wann stehen Sie im Ostseestadion an der Seitenlinie als Trainer der Heimmannschaft?

Das ist ganz weit weg (lacht). Es ist natürlich klar, dass es Leute gibt, die sich sagen: ,Der könnte ja mal Trainer bei Hansa werden’. Ich beobachte schon, wer wo steht und und freue mich aktuell für Jens Härtel und Martin Pieckenhagen. Mein Ziel ist es, so lange wie möglich Trainer zu sein, egal wo. Aktuell bin ich überzeugt, dass Rostock mit Jens Härtel alle Ziele erreichen kann, wenn man ihn in Ruhe arbeiten lässt.