12. Mai 2020 / 10:21 Uhr

"Halte es für selbstverständlich": Steffen Knappe lebt beim VfL Nordstemmen das Ehrenamt

"Halte es für selbstverständlich": Steffen Knappe lebt beim VfL Nordstemmen das Ehrenamt

Ulrich Bock
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Vorsitzender und Spielertrainer: Steffen Knappe hat beim VfL Nordstemmen alle Hände voll zu tun. Und wenn es kurz vor dem Anpfiff ist.
Vorsitzender und Spielertrainer: Steffen Knappe hat beim VfL Nordstemmen alle Hände voll zu tun. Und wenn es kurz vor dem Anpfiff ist. © Dennis Michelmann
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Steffen Knappe ist Arbeitnehmer, Lebensgefährte, Vater – wie viele andere auch. Allerdings ist er mit gerade einmal 32 Jahren beim VfL Nordstemmen zusätzlich Vereinsvorsitzender und Trainer einer Fußballmannschaft. Und das ist beileibe keine ganz gewöhnliche Konstellation mehr.

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„Ach, der Steffen. Der zieht das einfach an.“ Wahrscheinlich, nein, ganz offensichtlich sogar hat Konrad Schneider damit nicht ganz Unrecht, als auf dem Weg in den wohlverdienten Feierabend – zwischen den Regalen einer großen Drogeriemarktkette im hannoverschen Hauptbahnhof – die Sprache auf die Aktivitäten seines langjährigen Mitschülers kommt. Die Einschätzung des 32-jährigen Mittelfeldkämpfers vom VfL Nordstemmen mag ein Stück weit dahingesagt sein, aber ist sie deswegen falsch?

Fußball ist als Hobby wichtig, aber nicht über die Maßen

Unerheblich. Ungleich wichtiger ist, dass Steffen Knappe mit seinen ebenfalls gerade mal 32 Jahren eben all das macht, was er einfach anzuziehen scheint. Er ist Vorsitzender eines Sportvereins, trainiert eine Fußballmannschaft, mischt in der Kommunalpolitik mit. Nebenher ist er Freund seiner Freundin, Vater eines dreimonatigen Jungen und ganz gewöhnlicher Arbeitnehmer mit einer 40-Stunde-Woche. Warum? Warum bürdet sich ein junger Erwachsener das alles bloß auf?

Steffen Knappe wächst im beschaulichen Jeinsen, einem kleinen Stadtteil Pattensens mit gut 1000 Einwohnern, auf. Er legt 2007 sein Abitur am Gymnasium Sarstedt ab, spielt seit jeher Fußball – erst bei der JSG Pattensen/Koldingen, kurz in Schliekum, dann von den C- bis A-Junioren in Grasdorf. Was ihm an Schnelligkeit abgeht, fängt Knappe mit Spielintelligenz auf. Fußball ist als Hobby wichtig, aber nicht über die Maßen. Zur Saison 2007/08 zieht es ihn zu seinem Heimatverein in die Kreisklasse. Bei der TuSpo Jeinsen greift Knappe auch zum Tischtennisschläger – und wird Beisitzer im Vorstand für den Bereich Presse/Arbeitsdienst. „Das war aber nur kleines Beiwerk, ganz human, so ein, zwei Aktionen im Jahr“, erinnert sich Knappe.

Schnell ist Steffen Knappe beim VfL Nordstemmen Schriftführer, mittlerweile führt er den Verein - und das mit 32 Jahren. 
Schnell ist Steffen Knappe beim VfL Nordstemmen Schriftführer, mittlerweile führt er den Verein - und das mit 32 Jahren.  © Dennis Michelmann
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Anfang 2009 hat der Student der Sozialwissenschaften die „gute Idee, in die SPD einzutreten“. Beweggrund: „Ehrlich, keine Ahnung mehr. Ich hatte damals einfach Bock drauf.“ Im Ortsverein Pattensen gibt es schnell Neuwahlen, Knappe wird Schriftführer. So etwas in der Art macht er ja schon bei der TuSpo. „Die haben mir gleich den schlechtesten Posten gegeben, den es gibt – als Schriftführer musst du ja immer da sein“, lacht Knappe.

Einer muss es ja machen

Einige Monate später ist er zusätzlich Vorsitzender der Abteilung Jeinsen. Einer muss es ja machen, als es den bisherigen Amtsinhaber nach Dänemark zieht. 2012 rückt Knappe, der längst nicht mehr Sozialwissenschaften in Osnabrück, sondern Wirtschaftswissenschaften an der Fernuni Hagen studiert, in die SPD-Fraktion im Stadtrat nach. „Es wurde mehr, aber ich habe nichts so ausgeführt, dass es – vor allem im Nachhinein betrachtet – befriedigend gewesen wäre“, blickt Knappe zurück.

Der Mittzwanziger ist in dieser Phase in allen Bereichen noch auf der Suche, unorganisiert, vielleicht auch orientierungslos, was in diesem Alter alles, aber nicht außergewöhnlich ist. Er studiert und jobbt, mal hier, mal da. Struktur kommt erst in Knappes Leben, als er das Fernstudium nur mehr stiefmütterlich behandelt und als Disponent bei Lidl anfängt und den Berufsalltag kennenlernt. Und sogleich zu Hause auszieht.

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Zwar wohnt er fortan nur ein paar Straßen weiter im selben Ort, aber in der WG mit Freund und Mitspieler Philipp Stahlberg warten neue Pflichten, die – ob sie Spaß machen oder nicht – erledigt werden wollen. Neben Arbeit und Ehrenamt. „Wenn man ehrlich ist, war ich zu diesem Zeitpunkt bei allen Sachen, die ich gemacht habe, nur bei 50 Prozent“, gesteht Knappe. Angefühlt habe es sich damals freilich nicht so. Man wächst mit den Aufgaben –es steckt viel Wahrheit in dieser Redensart.

"Das war auch ein Euphorieding"

Weil die Ära von Trainer Thomas Busse bei der TuSpo im Juni 2013 endet, gönnt sich auch der Ur-Jeinser Knappe eine Luftveränderung. Er schnürt, überzeugt vor allem von Kumpel Sebastian Plage, seit jenem Sommer für den VfL Nordstemmen die Schuhe. Beim Einsatz auf dem grünen Rasen bleibt es jedoch nicht lange.

Teammanager Peter Zirkenbach bekommt von den ehrenamtlichen Tätig- und Fähigkeiten Knappes Wind und gewinnt diesen für den vakanten Schriftführerposten. „Das war auch ein Euphorieding“, erinnert sich der 2015 in dieses Amt Gewählte. Beide Herrenteams seien erfolgreich unterwegs gewesen, es habe eine tolle Stimmung im Verein geherrscht. „Und da ich eh schon hin und wieder Presseberichte geschrieben hatte, konnte ich dann auch gleich das Amt übernehmen.“

Aus einem Innenverteidiger ist aus der Not heraus der Spielertrainer der VfL-Reserve geworden. An diesem Posten klebt Steffen Knappe allerdings nicht.
Aus einem Innenverteidiger ist aus der Not heraus der Spielertrainer der VfL-Reserve geworden. An diesem Posten klebt Steffen Knappe allerdings nicht. © Dennis Michelmann

Ein gutes Jahr später, im September 2016, erklärt der Vorsitzende Jörg Sandvoß, dass er sich aus privaten Gründen nicht erneut wählen lassen wird. Stellvertreter Andreas Peterke möchte lieber weiter im Hintergrund wirken, es ist kein Nachfolger in Sicht. „Da haben sie irgendwie mich vorgeschlagen“, sagt Knappe, damals 28 Jahre jung. „In gewisser Weise war ich schon überrascht, ich war doch erst seit ein paar Jahren im Verein.“

"Meine Mutter hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen"

Andererseits: „Irgendwer aus dem inneren Kreis musste es doch machen. Von außen kriegst du keinen für dieses Amt – schon gar nicht so schnell.“ Knappe bittet um ein paar Wochen Bedenkzeit, aber wie er sich entscheidet, ist eigentlich längst klar: „Meine Mutter hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ich ihr davon erzählt habe.“

In Nordstemmen sind sie einfach nur froh, dass einer es macht und es geordnet weitergeht. Nur gut für sie alle, dass der neue Vorsitzende inzwischen wesentlich strukturierter ist und arbeitet als noch wenige Jahre zuvor. Denn: „Ich habe bei Weitem nicht das Ausmaß an Arbeit erahnt, das da auf mich zugekommen sollte. Es war ein völlig verrücktes erstes halbes Jahr“, blickt Knappe zurück.

Ich freue mich über jeden, der ein paar Stunden seiner Freizeit für die Gemeinschaft opfert. Wo auch immer. Steffen Knappe findet es aber auch schade, dass sich immer weniger Menschen ehrenamtlich engagieren.
"Ich freue mich über jeden, der ein paar Stunden seiner Freizeit für die Gemeinschaft opfert. Wo auch immer." Steffen Knappe findet es aber auch schade, dass sich immer weniger Menschen ehrenamtlich engagieren. © Dennis Michelmann

Erst meldet der Pächter der Clubhausgaststätte Insolvenz an, dann meldet sich das Damenteam des reinen Fußballvereins ab, später folgen noch zwei Juniorenmannschaften. Und die Asbestplatten, die im Wortsinn jahrelang ein Schattendasein fristeten, müssen jetzt aber auch wirklich zügig vom Sportplatz weggeschafft werden. Tiefschlag auf Tiefschlag für Knappe, der im April 2017 nach Nordstemmen gezogen ist, seinem Amt hinterher. Ganz oder gar nicht.

Nun also auch noch Spielertrainer...

Apropos: Sein Vorstandsamt bei der TuSpo hat er zu diesem Zeitpunkt niedergelegt, und auch im Ortsverein Nordstemmen ist er seither nur noch einfaches SPD-Mitglied. Ob da nicht wieder mehr geht? „Wer weiß“, sagt er mit Blick auf die Kommunalwahlen in Niedersachsen im kommenden Jahr – Stand jetzt allerdings definitiv augenzwinkernd statt ernst gemeint. Denn seit 2017 ist da neben dem VfL „Viktoria“ Nordstemmen auch Linda, Knappes Lebensgefährtin.

Dass ihr Partner seit Beginn der Saison 2018/19 nicht nur für die zweite Mannschaft „seines“ Vereins spielt, sondern auch ihr Trainer ist, sei an dieser Stelle nur kurz angerissen. Ursprünglich übergangsweise, inzwischen seit anderthalb Jahren. „Wenn wir jemand anderes finden – ich hänge nicht dran“, betont Knappe, der die Aufgabe ernst nimmt, aber den Faktor Zeit in diesem Fall auch nicht zu hoch hängen will.

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Muss auch mal sein: Koldingens Imad Saadun muntert Sehndes Daniel Neitzke mit einem Klaps auf. ©

Klar, er trägt noch ein wenig mehr Verantwortung, aber am Ende sei eine Reserve nur der Unterbau, viermal pro Woche sei er ohnehin mindestens auf dem Gelände des 300-Mitglieder-Vereins anzutreffen. „Du musst immer ein offenes Ohr haben, für jeden die Wünsche wenigstens umzusetzen versuchen.“ Die Kollegen aus dem Vorstand packen mit an, „aber manches könnte man ruhig auf mehr Schultern verteilen, dafür bräuchte es allerdings die Leute“.

"Die Leute haben aber leider keinen Bock mehr, sich zu engagieren"

Und an denen mangelt es. Knappe sieht diese, seiner Meinung nach nicht zu übersehende Entwicklung in der Gesellschaft kritisch: „Dass das ehrenamtliche Element zusehends ausstirbt, finde ich sehr schade. Ich halte es eigentlich für selbstverständlich. Die Leute haben aber leider keinen Bock mehr, sich zu engagieren.“

Oft bekomme er speziell von Gleichaltrigen oder Jüngeren zu hören, dass es an Zeit mangele. „Im Einzelfall mag das auch so sein, insgesamt halte ich es aber für vorgeschoben.“ Andere brächten Beruf, Familie und Ehrenamt auch unter einen Hut. Es bringe aber auch nichts, sich darüber zu ärgern. „Ich freue mich über jeden, der ein paar Stunden seiner Freizeit für die Gemeinschaft opfert – ob im Sportverein, in der Kommunalpolitik, in der freiwilligen Feuerwehr. Wo auch immer.“

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Zum Saisonauftakt in der Bezirksliga 2 erlebte Marius Fennel mit der SG Blaues Wunder ein Wechselbad der Gefühl. Erst lief gegen Iraklis Hellas fast nichts zusammen, dann wendete der 29-Jährige mit zwei Treffern das Blatt. Doch in der Nachspielzeit gab es noch den Ausgleich. Die beiden Tore - per Direktabnahme aus 20 Metern und nervenstark vom Punkt - und 40,6 Prozent der Stimmen machten ihn zum ersten Held der Woche der Spielzeit 2019/20. ©

Knappe hat im Laufe der Jahre unzählige Stunden seiner Freizeit geopfert, falsch, investiert. Und das Investment, wie es neudeutsch so schön heißt, zahlt sich aus: „Ich haben gelernt, mit Menschen umzugehen, auch mit solchen, denen ich vielleicht lieber aus dem Weg gegangen wäre. Und ich habe gelernt, zu führen, strukturiert und konsensorientiert vorzugehen, schnelle Lösungen zu finden.“ Jedes Lob und Anerkennung, wie die zweifache Einladung zum Bürgerfest des Bundespräsidenten im Park von Schloss Bellevue, tue für den Moment sehr gut, taugt aber nicht dauerhaft als Antrieb für ehrenamtliches Wirken.

Entscheidend ist "Dass", nicht das "Warum"

Und, hat Konrad Schneider nun recht? Zieht sein alter Mitschüler all die Dinge schlichtweg an? „Keine Ahnung. Meine Mutter würde sagen, dass ich nicht nein sagen kann“, sagt Knappe. „Ich organisiere aber auch einfach gern, immer schon.“ Erziehung und Sozialisation werden noch eine nicht unerhebliche Rolle spielen und auch die Tatsache, dass Knappe den Nutzen seines Engagements sieht und nicht, wie die meisten, bloß die Kosten. Die Frage nach dem „Warum“ ist letzten Endes jedoch auch völlig unerheblich. Entscheidend ist das „Dass“.