08. November 2019 / 17:36 Uhr

Steven Cherundolo im Interview: "Man ist wütend – fragt sich: Warum?"

Steven Cherundolo im Interview: "Man ist wütend – fragt sich: Warum?"

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Robert Enke und Steven Cherundolo im Dress der 96er im Hahr 2008.
Robert Enke und Steven Cherundolo im Dress der 96er im Hahr 2008. © dc3 Hannover
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Steven Cherundolo trug den Sarg mit Robert Enke bei der Trauerfeier in dem Stadion, in dem der 96-Torwart Nationalspieler wurde. Zehn Jahre danach ist Thema rund um Enkes Krankheit präsenter denn je. 

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Von den Sargträgern des 15. November 2009 (Hanno Balitsch, Arnold Bruggink, Teammanager Thomas Westphal, Altin Lala und Cherundolo) sind der Amerikaner und Lala in Hannover geblieben. Cherundolo macht bis April 2020 den Fußball-Lehrer, hat die U 17 von Hannover 96 als Cheftrainer sowie den VfB Stuttgart als Co-Trainer von Tayfun Korkut trainiert.

Zehn Jahre nach dem Tod von Robert Enke ist das Thema Depressionen im Fußball immer noch ein schwieriges Pflaster. Redakteur Dirk Tietenberg hat vor dem traurigen Jubiläum mit Cherundolo gesprochen.

Steven Cherundolo, wir gehen zehn Jahre in der Zeit zurück. Was haben Sie damals empfunden?

Wir waren zunächst alle schockiert. Das waren die ersten Gefühle. Dann ist man unglaublich traurig, auch für seine Familie. Dazu kommt ein seltsames Gefühl: Man ist wütend. Fragt sich: Warum? Das war bei mir das große Fragezeichen. Und dann beginnt die Aufklärung mit der Hilfe der Robert-Enke-Stiftung. Erst, als ich alles verstanden hatte, wurde es einfacher für mich, mit der Trauer umzugehen.

Sie haben mit Altin Lala, Arnold Bruggink, Hanno Balitsch und Jiri Stajner den Sarg mit Robert Enke im Stadion getragen. Was ging da in Ihnen vor?

Ich befand mich in zwei Welten. Es war eine Leere da und gleichzeitig musste ich funktionieren, ich hatte schließlich eine Aufgabe zu erfüllen. Gleichzeitig war ich gefangen in meiner persönlichen Trauer. Ich war zwar da, aber auch wieder nicht so richtig da. Ich glaube, ich war nicht der einzige, dem es so ging an dem Tag.

"Gefangen in meiner persönlichen Trauer."

War die Trauerfeier im Stadion mit 35 000 Trauergästen vor zu groß?

Robert war eine große Persönlichkeit, deshalb fand ich den Rahmen richtig. Andererseits ist Trauer etwas Persönliches. Es ist zehn Jahre her und ich kann sagen: Es hat sich für mich richtig angefühlt.

Zwölf Spiele hat 96 anschließend nicht gewonnen, elf davon verloren, darunter das 3:5 gegen Gladbach mit drei 96-Eigentoren. Wie ist damals in der Mannschaft passiert?

Wir hatten einen Top-Menschen verloren und, das darf man nicht vergessen, einen Super-Torwart. Er war ein Vorbild für alle. Das ist sportlich und psychologisch für jede Mannschaft schwer zu verkraften. Im Gladbach-Spiel ist alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Wir haben uns gefragt, wie wir überhaupt noch ein Spiel gewinnen wollen. Was sollte jetzt noch kommen? Später, nach dem Trainerwechsel und vielen Gesprächen haben wir eine Lösung gefunden und beschlossen, dass wir es als Team anpacken. Wir haben als Team verstanden: Es geht nur zusammen.

Haben sich die Gegner eigentlich mal nach dem Spiel entschuldigt oder gesagt, dass es ihnen leid tut, gegen 96 gewonnen zu haben?

Entschuldigt nicht. Aber ich habe das so empfunden, dass der Jubel nach dem Spiel bei den Gegnern der Situation entsprach. Unsere Gegner sind damals respektvoll mit uns umgegangen. Das wussten wir zu schätzen.

"Unsere Gegner sind damals respektvoll mit uns umgegangen."

Nach dem 3:0 und den Klassenerhalt in Bochum, was ist da passiert?

Es war Jubel, Trauer, alles. Wir hatten es unserer Hand, alles positiv zu drehen. Wir hatten das Ziel, für alle Fans, Mitarbeiter, Medienvertreter und vor allem für Roberts Familie, dieses Spiel zu gewinnen.

Eine Erinnerung an Robert Enke in Bildern

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Robert Enke: Eine Erinnerung in Bildern ©
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96 ist in der Saison danach sensationell Vierter geworden, hat in Europa gespielt. Hatten Sie den Tod des Torwarts trotzdem noch im Hinterkopf?

Das ist heute noch so. Wir haben beim Fußball-Lehrer das Fach Psychologie. Eine Übung war, eines der emotionalsten Erlebnisse noch einmal zu erzählen. Und ich habe diese Geschichte erzählt. Sie ist nach wie vor für mich wichtig, weil ich in der Zeit damit konfrontiert wurde, dass Fußball nicht das Wichtigste ist und auch nicht war.

Werden die Erkenntnisse über Depression und die Folgen nach Robert Enkes Tod heute im Fußball gelebt?

Für mich ja. Aber Spieler werden immer mehr zu Ich-AGs und Trainer auch. Das wird von außen auch eingefordert, ähnlich wie in unserer Gesellschaft. Den Prozess können wir nicht stoppen. Was ich aber beobachte ist, dass Burn-out oder Depression durch die Aufklärungsarbeit öffentlich wesentlich akzeptierter ist als früher. Vor zehn Jahren wärest du verbrannte Ware gewesen. Die Robert-Enke-Stiftung hat gute Arbeit gemacht und die Arbeit wird fortgeführt, sie geht weiter.

"Burn-out oder Depression durch die Aufklärungsarbeit öffentlich wesentlich akzeptierter ist als früher."

Wie waren damals die Reaktionen in den USA auf Robert Enkes Tod?

Ich war damals auf Länderspielreise in der Slowakei. Mir wurde freigestellt, ob ich vier Tage nach Roberts Tod spielen möchte oder nicht. Ich wollte spielen und habe gespielt. Ich bin dann mit dem Nachtzug aus der Slowakei nach Hannover gefahren, um für die Trauerfeier da zu sein. Es hat hohe Wellen geschlagen in den USA, aber das hat nicht lange angedauert. Nachhaltig hat sich bei dem Thema in Deutschland mehr getan als in den USA. In den USA war man damals, was Depression oder Burn-out angeht, sowieso schon etwas weiter.

Braucht jede Mannschaft einen Psychologen?

Es sollte ein Therapeut zur Verfügung stehen, wenn es gewollt oder gewünscht ist. Aber ich halte es nicht für nötig, dass immer einer da ist, der aufpasst. Vielleicht ist es sinnvoller, die Mitarbeiter, die da sind, zu sensibilisieren für Signale oder Symptome, die mit Depression zusammenhängen.

Ist das Thema Druck und Öffentlichkeit für einen Fußballprofi mit dem Krankheitsbild Depression heute ungünstiger als damals?

Ja, klar. Aber das hat der Fußball nicht exklusiv. Die Gesellschaft an sich baut sehr viel Druck auf. Obendrauf kommt der Druck, den jeder auf sich selbst ausübt. Der Fußball ist ein Spiegelbild, er ist schneller und extremer geworden. Man sollte aber nie vergessen: Es geht nur um Fußball. Die Situation mit Robert hat mich gelehrt, locker zu bleiben. Es ist zwar ein Privileg, Fußballspieler zu sein, aber das ist lange nicht alles.

Der Druck ist zwar extrem hoch, aber der Druck ist auch künstlich. Was passiert denn, wenn du absteigst? Du spielst in der zweiten Liga. Das ist nicht schön, aber wenn man das große Ganze sieht, geht es doch nur um Fußball. Ich kann inzwischen klar trennen zwischen beruflichen Zielen und privatem Glück. Das war auch mein Rat als Jugendtrainer an die Jungs. Mein Rat war, erstmal ein Teenager zu sein, ein guter Schüler, ein guter Mensch zu sein, und danach erst ein glücklicher Fußballspieler. Nur ein glücklicher Fußballer ist ein guter Fußballer.

"Wenn man das große Ganze sieht, geht es doch nur um Fußball."

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Damals gab es Vorschläge, beispielsweise Noten für einzelne Spieler abzuschaffen. Finden Sie das auch?

Ich habe ja selbst in meiner Karriere mit den Noten gekämpft. Ich konnte ja nicht so schlecht sein, wie die Noten immer sagten, weil ich schließlich von den Trainern immer aufgespielt worden bin. Die logische Konsequenz war für mich, Noten als Spaßfaktor zu genießen und nicht als persönliche Attacke. Ich habe mich mit Journalisten mal hingesetzt und gefragt: Wie kommt ihr denn auf diese Note? Dabei hat sich herausgestellt, wie viele Einblicke Journalisten in die Mannschaftstaktik und die Aufgabenstellung eines Spiels haben, beziehungsweise nicht haben. Aber Noten dürfen weder meine Laune noch meine Leistung beeinflussen. Wenn es das tut, dann muss ich etwas ändern. Noch besser ist: Ignorieren. Aber Noten muss man deshalb nicht abschaffen.

"Noch besser ist: Ignorieren."

Muss sich etwas Entscheidendes im Fußball verändern?

Ich glaube, dass der Druck auf Trainer und Schiedsrichter immens ist. Beide stehen ganz allein. Hier wäre es auch ratsam, nicht zu vergessen, dass es sich auch hier nur um Fußball handelt.

Der Torwart ist auch ein bisschen alleine, oder?

Der Torwart ist auch alleine. Aber heute werden die Torhüter mehr in das Spiel eingebunden als früher. In Zukunft werden die Torhüter im Spielaufbau eine noch größere Rolle spielen. Das sieht man heute schon bei den Topklubs Barcelona und Manchester City. Somit stehen Torhüter in der Zukunft nicht mehr ganz allein da. Das begrüße ich persönlich sehr.

War Robert Enke bei Hannover 96 eingebunden?

Er war nicht allein. Er war für uns ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft in der Kabine, auf dem Platz und ein Rückhalt für alle.

Torhüter sind Konkurrenten, in der deutschen Nationalmannschaft fordern gerade zwei Torhüter den Stammplatz. Ist das fördernd oder erhöht das den Druck?

In der Nationalmannschaft ist es etwas anderes als im Verein. Dort muss immer der Beste spielen. Aber es kann natürlich nichts Gutes dabei herauskommen, wenn zwei Torhüter gleichzeitig darüber sprechen, dass sie die Nummer eins sind oder sein wollen.

Was hat Robert Enke über seiner Rolle in der Nationalmannschaft gesagt?

Robert Enke war stolz über seine Rolle in der Nationalmannschaft, wie wir alle. Die deutsche Nummer eins bei Hannover 96 zu haben, hat alle stolz gemacht – ich glaube, das gilt für alle in Hannover. Genervt und enttäuscht waren wir von der überregionalen Berichterstattung um Robert. Das wurde ihm nicht gerecht. Was wir jeden Tag im Training und in der Kabine kennen lernen durften, ist nicht überregional wahrgenommen worden. Wir haben jeden Tag gesehen, was für ein super Torwart und was für ein super Mensch Robert war.

"Die deutsche Nummer eins bei Hannover 96 zu haben, hat alle stolz gemacht – ich glaube, das gilt für alle in Hannover."

Das ist der Torwarthandschuh "uhlsport-Sonderedition Robert Enke":

Der Handschuh ist jenem Modell nachempfunden, das Robert Enke zuletzt bei 96 und der Nationalmannschaft trug. Zur Galerie
Der Handschuh ist jenem Modell nachempfunden, das Robert Enke zuletzt bei 96 und der Nationalmannschaft trug. ©
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