20. April 2021 / 16:59 Uhr

Stillstand in der Nordsachsenliga: "Richtig und die logische Konsequenz"

Stillstand in der Nordsachsenliga: "Richtig und die logische Konsequenz"

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Die Fußballer in Nordsachsen sehnen den Neustart herbei.
Die Fußballer in Nordsachsen sehnen den Neustart herbei. © Tobias Hase/dpa
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Zwischen Frust und Hoffnung: Die Fußball-Nordsachsenligisten Blau-Weiß Wermsdorf, Wacker Dahlen, SV Mügeln-Ablaß und FSV Oschatz haben zwar Verständnis für den Saisonabbruch, sind aber sauer auf die Pandemie-Bestimmungen der Politik. Wermsdorf und Oschatz setzen darauf, dass der Pokalwettbewerb fortgesetzt werden kann.

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Nordsachsen. Zerplatzte Träume auf der einen, Erleichterung auf der anderen Seite. Der Saisonabbruch auf Kreisebene hat bei den vier Fußball-Nordsachsenligisten der Oschatzer Region unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Bis zum Sommer wird in den Punktspielen kein Ball mehr rollen, alle bisherigen Ergebnisse sind Makulatur, alles wird ohne Wertung auf Null gestellt, es wird weder Ab- noch Aufsteiger geben. Es ist ein verlorenes Jahr für Ambitionen jeder Art, und ob der Pokalwettbewerb (TZ-Bärenpokal) noch wie ersehnt zu Ende geführt werden kann, liegt eher in der Hand der Politik mit ihren unwägbaren Pandemiebestimmungen als in der des Verbandes.

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Neuer Anlauf Richtung Aufstieg

Für dessen Abbruch-Entscheidung zeigt Rene Naujoks Verständnis. „So schlimm und traurig das für uns auch ist, es war richtig und die logische Konsequenz“, sagt der Präsident von Blau-Weiß Wermsdorf, „die Zeit ist einfach zu knapp. Für die Ansetzer im Verband wäre das ein Horror-Szenario gewesen und für die Mannschaften eine irrsinnige Belastung. Wir können ja nicht mehrmals pro Woche und an jedem Feiertag antreten.“

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Dennoch trifft es die Hubertusburger besonders hart. Sie waren mit fünf Siegen und einem Remis gestartet, besaßen als Tabellendritter mit die beste Ausgangsposition und hatten sich den Aufstieg auf die Fahnen geschrieben. „Wir hatten in diesem Jahr eine große Chance, auch wenn es keine Garantie gegeben hätte“, weiß Rene Naujoks, „wir können nur hoffen, dass sie noch einmal wiederkommt. Wir werden auch nächste Saison eine schlagkräftige Truppe haben und es erneut versuchen.“ Der Abbruch sei für die Wermsdorfer extrem ärgerlich, „Aber wir müssen jetzt da durch und das abhaken. Ich bin davon überzeugt, dass Trainer und Mannschaft stark genug sind, das zu verarbeiten“, meint der Vereins-Chef, „die Jungs sind verrückt genug und werden wieder angreifen.“

Er hofft nun zumindest auf weitere Pokal-Auftritte. Nach ihrem Sensations-Coup im Vorjahr haben die Wermsdorfer Blut geleckt und peilen nun im Achtelfinale gegen den SV Naundorf den letzten freien Viertelfinal-Platz an. „Es wäre schön, wenn wir spielen könnten, es würde wieder ein Stück Normalität einziehen, die Mannschaft hätte noch ein Ziel, das würde ihr Motivation und einen Schub geben“, so der Präsident.

Abstiegskampf bleibt erspart

Dierk Kupfer sieht das ähnlich. „Es wäre wichtig für die Köpfe der Spieler, noch ein oder mehrere Highlights zu haben“, weiß der Wermsdorfer Coach, „wir wollen den Pokal verteidigen, aber dafür müssen wir erst mal wieder ins Training einsteigen dürfen. Drei Wochen Vorbereitungszeit würden wir schon brauchen, um bestehen zu können.“ Den Saisonabbruch betrachtet Dierk Kupfer mit Gelassenheit. „Das war abzusehen, deshalb bin in bei aller Enttäuschung auch nicht emotional angefressen. Wir haben schon oft bewiesen, dass wir oben mitspielen können und werden das wieder schaffen. Die nächste Chance kommt bestimmt, meine Jungs werden heiß bleiben.“

Abwarten und geduldig bleiben: FSV-Trainer Steffen Wiesner.
Abwarten und geduldig bleiben: FSV-Trainer Steffen Wiesner. © Gerhard Schlechte

Auch Steffen Wiesner begrüßt das Saisonende. „Dem Verband blieb keine andere Lösung, es wäre nur noch Krampf und Terminhatz gewesen“, sagt der Trainer des FSV Oschatz, dem nun der Abstiegskampf erspart bleibt. Sein Team hatte nach dem Aufstieg aus der Kreisliga nur viermal gespielt, einen Sieg und drei Niederlagen verbucht. „Wir hätten den Klassenerhalt lieber sportlich geschafft, aber nun können wir in Ruhe die nächste Saison planen“, meint der Coach, „ich denke, dass die Mannschaft weitgehend zusammenbleibt.“

Corona-Meister ohne Wert

Auch Steffen Wiesner hofft jetzt auf den Pokal, in dem die Oschatzer erstmals das Viertelfinale erreicht haben und in Schildau antreten würden. „Meine Jungs sind geil auf dieses Spiel. Das wäre mal wieder ein Ziel und ein Lichtblick in dieser dunklen Zeit. Die Situation ohne Training nervt einfach nur.“ Alle Langzeitverletzten seien wieder an Deck, der FSV könnte endlich mal mit voller Kapelle aufspielen. „Und im Pokal ist vieles möglich.“

Thomas Patommel war mit Wacker Dahlen früh aus dem Cup geflogen, hatte aber im Punktekampf geglänzt, grüßt nach fünf Siegen und einem Remis in sieben Partien überraschend von der Tabellenspitze und dürfte sich nun Corona-Meister nennen. „Ach was, das sehe ich nur als schöne Momentaufnahme ohne Wert“, wehrt der Trainer ab: „Aber meine junge Mannschaft weiß nun, was mit Fleiß und Engagement möglich sein kann. Wir haben uns sehr gut entwickelt und sind da längst noch nicht am Ende. Die nächste Saison wird interessant, der Favoritenkreis wird größer. Ich freue mich darauf und wünsche mir, dass wir bald wieder gegen den Ball treten können.“ Den Abbruch der jetzigen Spielzeit ohne Wertung hält Thomas Patommel für die fairste Lösung und trauert auch der verpassten Meisterchance nicht nach. „Es wäre zudem absurd, wenn irgendeine Mannschaft nach so wenigen Spielen am grünen Tisch aufsteigen dürfte.“

Minimalist mit Schmerzen

Der SV Mügeln-Ablaß war erzwungenermaßen der „Minimalist“ in der Nordsachsenliga, hatte nur drei Einsätze mit zwei Siegen und einem Remis. „Es ist sinnlos, darüber nachzudenken, wo wir am Ende gelandet wären“, erklärt Präsident und Torwart Arne Schütze, „alle Vereine haben in dieser Saison gelitten, und ich bin froh, dass das Herumeiern vorbei ist und vorerst Klarheit herrscht.“ Schlimmer als der alternativlose Abbruch ist für ihn etwas anderes: „Mir und allen anderen Fußballern tut unendlich weh, dass wir unserem geliebten Hobby immer noch nicht wieder nachgehen können.“

Einen gravierenden Mitgliederschwund verzeichnen bisher weder die Mügelner noch die Wermsdorfer. Die Langzeitfolgen der Corona-Krise seien aber besonders im Nachwuchs noch nicht abzusehen, meint Rene Naujoks. „Irgendwann wird man einfach nur müde“, sagt der Blau-Weiß-Präsident, „ich bin sehr enttäuscht über die einseitige Sicht der Politik auf den Amateursport, wir werden ständig nur vertröstet. Ich halte die Pandemie-Bestimmungen für fragwürdig, vermisse Lösungsansätze und eine gewisse Logik. Die Bevölkerung versteht das nicht mehr und wird nicht mitgenommen.“

Auch Thomas Patommel fehlt das Verständnis für die Zwangsstilllegung des Sports. „Wir spielen und trainieren im Freien, da ist laut Wissenschaft die Ansteckungsgefahr sehr gering. Jetzt dürfen zwar die bis 18-Jährigen in Gruppen wieder auf den Platz, die Erwachsenen aber nicht. Wo ist der Unterschied? Das will nicht in meinen Kopf.“ Steffen Wiesner macht ebenfalls seinem Frust Luft: „Was mit dem Fußball in ländlichen Regionen passiert, ist der Wahnsinn, eine Katastrophe, sportlich und gesellschaftlich.“