26. März 2020 / 09:17 Uhr

Stillstand, Spielpause, Absagen: So geht der FSV Oschatz mit der Coronakrise um

Stillstand, Spielpause, Absagen: So geht der FSV Oschatz mit der Coronakrise um

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Viele Szenarien im Kopf: Steffen Wiesner rechnet mit einem vorzeitigen Saisonende.
Viele Szenarien im Kopf: Steffen Wiesner rechnet mit einem vorzeitigen Saisonende. © Gerhard Schlechte
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Zwölf Partien stehen für den FSV Oschatz eigentlich noch aus. Als Tabellenführer hat der Club den Aufstieg in die Nordsachsenliga fest im Blick. Ob die Elf von Coach Steffen Wiesner diese Ziel erreichen kann, ist unklar.

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Nordsachsen. Wo sonst große und kleine Fußballer über den Rasen flitzen, herrscht derzeit gespenstische Ruhe. Auch beim FSV Oschatz liegen die Plätze verwaist in der Sonne. „Die Stadt hat alles gesperrt, vorerst bis 19. April, wir können nichts machen“, sagt Steffen Wiesner. Und so muss der Trainer wie alle mit einer noch nie erlebten Situation klarkommen – mit einer langen Zeit ohne Fußball. Der war und ist sein Leben. Aber Wiesner weiß, dass es Wichtigeres gibt und die Gesundheit Priorität hat: „Der Sport ist auch für die Sportler zur Nebensache geworden.“

Deshalb hat er Verständnis für den vom Virus erzwungenen Stillstand, für Trainingspause und Spielabsagen. „Aber es ist schon schwer, wenn die Freiheit so eingeschränkt ist, dass man nicht mehr tun darf, wofür man brennt. Natürlich ist auch ein Stück Enttäuschung da.“ Wiesner betreut ja nebenbei auch auf 450-Euro-Basis als Wirt das jetzt geschlossene Oschatzer Sportlerheim. „Aber alles liegt auf Eis.“ Nur der bei der Stadt angestellte Platzwart darf wie gewohnt ran und kümmert sich ums Gelände.

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Und wenn seine Spieler Wiesner fragen, wie es weitergeht, kann er nur mit den Achseln zucken. „Ich habe keine Glaskugel, wir müssen abwarten und das Beste draus machen.“ Gemeinsam mit Mannschaftsleiter Rainer Schwurack hat er an seine Jungs appelliert, sich individuell fit zu halten und nach der Arbeit joggen zu gehen. „Zwingen können wir niemanden, zumal alle andere Sorgen haben. Aber einige haben mich schon gebeten, für sie die Laufschuhe aus der Kabine zu holen. Das hat mich gefreut.“ Einer seiner Kicker musste allerdings nach einem Urlaub in Österreich erst mal für 14 Tage in Quarantäne.

"Hoffnung stirbt zuletzt"

Liebend gern würde Steffen Wiesner die restlichen zwölf Partien in der Kreisliga noch absolvieren. „Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir die Saison zu Ende spielen. Es liegt ohnehin nicht in unserer Hand. Es wäre natürlich bitter, wenn unsere starke Hinrunde entwertet wird und wir unsere tolle Ausgangsposition nicht nutzen können.“

Der FSV ist Spitzenreiter, hat nach Jahren des Darbens und der Stagnation beste Karten, endlich wieder in höhere Regionen zu klettern und den Aufstieg in die Nordsachsenliga zu schaffen. „Mal schauen, wie der Verband entscheidend, wenn die Saison abgebrochen werden muss.“

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Und so geistern diverse Szenarien durch Wiesners Kopf. Gibt es einen Cut und die bisherige Tabelle wird gewertet? Werden alle ausgetragen Partien zu Freundschaftsspielen erklärt? Wird die Rückrunde erst im Herbst gespielt? Und dann? Fragen über Fragen, die Antworten stehen in den Sternen. „Wir können derzeit nicht planen, weil wir nicht wissen, in welcher Liga wir künftig spielen. Aber es macht auch keinen Sinn, Gedanken an die nächsten Monate oder an Neuverpflichtungen zu verschwenden, wenn schon die nächsten Wochen ungewiss sind.“

Prächtige Entwicklung

Klar ist nur: Die Mannschaft hat sich unter Wiesners Regie prächtig entwickelt. Nach dem wie so oft holprigen Saisonstart legte der FSV eine Siegesserie hin, gewann zehn seiner 14 Partien, begeisterte mit Angriffsschwung, schoss sagenhafte 66 Tore und ist drauf und dran, wie im Jahr zuvor die 100-Treffer-Marke zu knacken. „Mein Fußball ist ein offensiver, wir haben uns oft in einen Rausch gespielt und sind auch in der Abwehr deutlich stabiler geworden“, meint der Coach: „Ich glaube sogar, dass unser Kader schon jetzt stark genug für die Nordsachsenliga wäre und wir nicht unbedingt Verstärkungen brauchen.“

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Der Auftakt in die Rückrunde ging allerdings wie üblich schief. Nach glänzenden Vorbereitungsspielen gab es eine ernüchternde 1:2-Heimniederlage gegen den Tabellendritten und Aufstiegskonkurrenten FSV Beilrode. „Das tat weh, weil wir in den Zweikämpfen nicht aggressiv genug waren, keine Mittel fanden und verdient verloren haben“, räumt Wiesner ein, relativiert aber: „Unser Torjäger Johannes Runge hat verletzt gefehlt, die komplette Abwehr war noch im Urlaub. Sechs Stammspieler können auch wir nicht adäquat ersetzen.“ In der Woche darauf wollte sich die Mannschaft, dann wieder fast in Bestbesetzung, beim schärfsten Verfolger ESV Delitzsch II rehabilitieren, doch das Kreisliga-Gipfeltreffen fiel schon der Corona-Krise zum Opfer.

Wiesner, der einst in Süptitz als feiner Techniker in der Landesklasse kickte, hatte in der Hinrunde darauf verzichtet, selbst die Stiefel in der ersten Oschatzer Mannschaft zu schnüren und nur gelegentlich in der „Zweiten“ ausgeholfen. Dabei traut er sich auch mit 39 Jahren die Kreisliga durchaus zu. „Ich trainiere fast immer mit und denke, dass ich noch fit genug bin.“ Und das will er auch bleiben, selbst wenn der Ball bis auf weiteres ruht und „Joggen nicht mein Ding ist“, wie Wiesner gesteht. Dafür setzt er sich derzeit zweimal pro Woche für anderthalb Stunden aufs Mountainbike und radelt Richtung Collm. Dann kann er sich auspowern und versuchen, den Kopf frei zu bekommen. Es ist auch ein Strampeln gegen die Zweifel und die momentane Ohnmacht. „Es muss und wird irgendwie weitergehen. Kommt Zeit, kommt Rat.“

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