06. Januar 2021 / 09:41 Uhr

Stimmungslage beim SV Lissa: „Genervt und gereizt“

Stimmungslage beim SV Lissa: „Genervt und gereizt“

Leon Heyde
Leipziger Volkszeitung
Samantha Feig gehört zu den Lissaer Leistungsträgerinnen.
Samantha Feig gehört zu den Lissaer Leistungsträgerinnen. © Alexander Prautzsch
Anzeige

Die einstige Frauenfußball-Hochburg Lissa steckt in einer tiefen Krise: Der Nachwuchs fehlt. Trainer Glöckner übersteht derweil eine Corona-Infektion.

Anzeige

Lissa. Wünsche fürs neue Jahr hat Tino Glöckner einige. Insbesondere die sportliche Situation des SV Lissa treibt dem passionierten Trainer Sorgenfalten auf die Stirn. Dass eine Entspannung des Infektionsgeschehens endlich wieder regelmäßigen Wettkampfbetrieb möglich macht, nicht allzu viele Spielerinnen die Lust am Fußball inzwischen verloren haben, das 30-jährige Vereinsjubiläum standesgemäß gefeiert werden kann – das Urgestein des SV Lissa könnte diese Liste wohl um einige Punkte verlängern.

Anzeige

Spielerinnen werden abgeworben

Seit Aufnahme des Spielbetriebs im Sommer 1991 im Verein, war der inzwischen 51-Jährige als Trainer der Frauenmannschaft maßgeblicher Teil der Entwicklung des SV zu einer Hochburg des Frauen- und Mädchenfußballs in Nordsachsen. Die konsequente Nachwuchsarbeit der ehrenamtlichen Trainer, von der F-Jugend bis zum Großfeld wurden Spielerinnen ausgebildet, zahlte sich aus: Bezirksligameister 2008 und 2012, Aufstieg in die Landesklasse Nord, von 2014 an holte der SV mit seiner Frauenmannschaft vier Saisons in Folge den Vizemeistertitel der Landesklasse.

Mehr zum Fußball in Nordsachsen

Seit einigen Jahren stockt es allerdings in Lissa, fehlender Nachwuchs und abwandernde Spielerinnen machen einen leistungsorientierten Wettkampfbetrieb fast unmöglich. „Schuld daran sind hauptsächlich zwei Faktoren. Zum einen die Demografie: Die Region ist ohnehin dünn besiedelt, noch dazu verschwanden immer mehr Frauenfußballmannschaften. Mädchen und Frauen zu finden, die sich für Fußball interessieren, wurde somit immer schwieriger“, erzählt Glöckner und sorgt sich zusätzlich um seine Leistungsträgerinnen: „Viele der besten Spielerinnen wurden immer wieder von RB Leipzig oder früher dem FFC Leipzig abgeworben, einige gehören heute zum erweiterten Kader der RB-Frauen.“ Für Studentinnen, die es nach Leipzig zieht, sei dieser Schritt naheliegend.

„Fußballerinnen wachsen nicht an Bäumen“

Die besseren Rahmenbedingungen bei den großen Vereinen ließen zudem die Attraktivität eines Dorfvereins sinken. Bemühungen, Kinder und Jugendliche an Schulen, über Printmedien oder soziale Netzwerke zu begeistern, liefen bisher ins Leere. Auch dringend benötigte Trainer zu finden, die bereit sind, ehrenamtlich im Verein zu arbeiten, gestaltet sich laut Glöckner schwierig: „Es gibt durchaus immer wieder Interessierte, die Mannschaften bei uns trainieren wollen, meistens kommt dann aber schnell die Frage: Was zahlt ihr denn? Derzeit ist es ein purer Kampf ums Überleben.“

Heute gibt es in Lissa keine reinen Mädchenmannschaften mehr. Die Frauenmannschaft des Vereins spielt in der Landesklasse gegen den Abstieg, die Pandemie verstärkt die prekäre Situation. „Wir sind genervt und gereizt von Corona – nicht wegen des ausgesetzten Spielbetriebs, das ist verständlich und absolut vernünftig. Aber wir würden sehr gern weiterspielen, sobald das Risiko für Ansteckungen minimiert ist. Für die Bestrebungen des Verbandes, so schnell wie möglich wieder einzusteigen, fehlt mir jegliches Verständnis“, sagt Glöckner, der selbst eine Infektion mit dem Virus überstehen musste. Er befürworte eine Fortsetzung der Saison zu gegebener Zeit ohne gewertete Punktspiele, befürchtet einen starken Leistungsabfall seiner Mannschaft: „Schon nach der ersten Pause waren technische und konditionelle Probleme zu spüren. Zu hoffen bleibt, dass sich nicht allzu viele an die freien Wochenenden gewöhnt und die Lust am Fußball verloren haben.“

So bleibt Glöckner im Jubiläumsjahr die Zuversicht auf bessere Zeiten. Ein Beispiel, das Mut macht, ist Melissa Heinemann. Nachdem sie 18 geworden war, entschloss sich die Lissaerin die Reitschuhe an den Nagel zu hängen und künftig die Schlappen für den SV zu schnüren. Auf weitere Verstärkung hofft Glöckner inständig – symbolisch dafür: Im Tor des SV musste mangels Alternativen zuletzt eine Feldspielerin stehen. Aufgeben, Spielerinnen und Übungsleiter der Region für leidenschaftlichen Vereinsfußball zu begeistern, wird Glöckner nicht so schnell, auch wenn er weiß: „Fußballerinnen wachsen nicht an Bäumen – gute noch dazu. Wir freuen uns über jede und jeden, der zu uns kommt“