13. Januar 2020 / 17:50 Uhr

Wildcats-Chef: 1. Liga – wir arbeiten dran

Wildcats-Chef: 1. Liga – wir arbeiten dran

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Der stille Wildcats-Macher hofft auf den großen Wurf: Steffen Täubrich
Der stille Wildcats-Macher hofft auf den großen Wurf: Steffen Täubrich © Farbspielfotografie/André Gschweng
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Die Stralsunder Volleyballerinnen stehen sportlich brillant da, für die 1. Liga reicht es aber noch nicht. Das sind die Baustellen, die für einen Aufstieg geschlossen werden müssen.

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Die Stralsunder Wildcats – das Aushängeschild des 1. VC Stralsund – marschieren derzeit in der 2. Volleyball-Bundesliga Nord vorneweg. Seit Ende November haben die Volleyballerinnen vom Sund in sieben Partien keinen Satz mehr abgegeben, haben ein Spiel nach Rückrundenstart acht Zähler Vorsprung auf den Verfolger und kommenden Gegner BBSC Berlin. Die Wildcats stehen so gut wie noch nie in der Vereinsgeschichte da. Obwohl die 1. Bundesliga sportlich greifbar scheint, ist sie in der Praxis doch weit weg. Noch, meint Steffen Täubrich. Der Vorsitzender des 1. VC Stralsund ist optimistisch: „Die 1. Liga ist in Stralsund definitiv machbar! Wenn alle an einem Strang ziehen und sich ein paar Denk- und Verhaltensweisen ändern, ist ein Aufstieg möglich. Wir arbeiten dran.“ Täubrich und die OSTSEE-ZEITUNG analysieren die Baustellen für einen möglichen Aufstieg.

Etat vervierfachen

Selbst wenn die Wildcats am Saisonende immer noch ganz oben stehen würde, das damit verbundene Aufstiegsrecht würde verfallen. „Wir werden in der nächsten Saison weiter in der 2. Liga spielen“, bestätigt Täubrich. Der Entschluss sei schon im November gefallen. Zu diesem Zeitpunkt hätte der 1. VC Stralsund an der Vorizenzierung für die Volleyball-Bundesliga teilnehmen müssen. Damals standen die Wildcats noch nicht an der Spitze der 2. Liga. Die sportliche Situation war aber nicht ausschlaggebend, dass die Stralsunder den Termin haben verstreichen lassen. Denn noch ist die 1. Liga finanziell nicht machbar für den Klub, der 1995 gegründet wurde. Der Etat des Zweitligateams müsste von derzeit 150 000 Euro etwa vervierfacht werden, um eine Klasse höher nachhaltig konkurrenzfähig zu sein.

Kaderkonzept umschmeißen

„Zudem müssten unser Trainer und unsere Spielerinnen aus dem Job genommen werden, um zwei Mal am Tag trainieren und das ganze Wochenende für ein Auswärtsspiel verplanen zu können“, gibt Täubrich zu bedenken. Derzeit lebt etwa die Hälfte der Spielerinnen in Stralsund, der Rest in Rostock. Nur zwei Mal pro Woche trainieren die Wildcats zusammen – dienstags in Rövershagen und freitags in Stralsund – an den anderen Tagen sind die beiden Standorte unter sich. Dieses Konzept wäre bei einem Aufstieg nicht mehr tragbar.

„Und wenn unsere Spielerinnen sagen, sie wollen gar nicht 1. Liga spielen, müssen wir uns vielleicht mit ausländischen Profis behelfen. Das wären grob überschlagen 30 000 bis 40 000 Euro zusätzliche Kosten an den internationalen Verband“, rechnet der Vereinschef vor.

Das ist der Erfolgsgarant am Seitenrand

Verein muss sich personell breiter aufstellen

Um bei einem Aufstieg Ausnahmegenehmigungen oder gar Lizenzstrafen zu umgehen, muss der 1. VC Stralsund auch abseits vom Spielerkader personell zulegen. So fordert die Bundesliga beispielsweise einen hauptamtlichen Nachwuchstrainer. „Die Suche nach einem Jugendtrainer ist derzeit unsere wichtigste Aufgabe“, beteuert Täubrich. Ein Scout und Mannschaftsarzt sind weitere personelle Baustellen. Einen Posten hat der Verein seit Kurzem besetzt: Co-Trainerin Ariane Voelkner kümmert sich um die Jugend-, PR- und Managementarbeit des Zweitligisten.

Heimspielstätte langfristig nicht erstligatauglich

Der einzige Faktor, bei dem die Wildcats keine großen Veränderungen zur derzeitigen Situation befürchten müssen, sind die Auswärtsreisen. Die 2. Bundesliga Nord erstreckt sich von Berlin bis nach Köln. 1000 Kilometer und mehr für ein Punktspiel in der Fremde sind keine Seltenheit. „Allerdings kämen zwingend jedes Auswärtswochenende ein bis zwei Übernachtungen dazu, um am Spieltag vor Ort Frühtraining machen zu können“, weiß Täubrich. Geld, das momentan nur in Ausnahmefällen ausgegeben wird.

Die Heimspiele könnten wahrscheinlich mit Ausnahmegenehmigung weiterhin in der heimischen Diesterweg-Sporthalle, die regulär knapp 500 und mit zusätzlicher Bestuhlung 790 Zuschauer fasst, stattfinden. „Langfristig bräuchten wir aber eine andere Lösung“, ist sich Täubrich sicher. Planungen für eine neue Sporthalle in Stralsund laufen bereits.

Der Kader der Stralsunder Wildcats 2019/20

Die Stralsunder Wildcats sind die Frauenmannschaft des 1. VC Stralsund Zur Galerie
Die Stralsunder Wildcats sind die Frauenmannschaft des 1. VC Stralsund ©

Die Lücke zwischen 1. und 2. Bundesliga verringern

Auf die Verantwortlichen kommt viel Arbeit zu, wenn es nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich und infrastrukturell mit der Eliteklasse klappen soll. Die Hürden scheinen groß. Täubrich erwidert: „Ich glaube nicht, dass die Forderungen so unrealistisch sind. Du kannst nicht dauerhaft ohne Jugendarbeit überleben oder etwa bei Auswärtsspielen auf einen fremden Physiotherapeuten zurückgreifen, weil du selbst keinen hauptberuflichen im Staff hast.“

Dennoch wurden in den vergangenen fünf Jahren nicht einmal die Hälfte aller Aufstiegsrechte bei Männer- und Frauen-Zweitligisten wahrgenommen. Für den VC-Vorsitzenden ist das aber kein Problem, das von der Volleyball-Liga oder dem Deutschen Volleyball-Verband verursacht wurde. Vielmehr sieht er die Zweitligisten in der Pflicht. „Die Lücke ist groß, aber nicht weil die 1. Liga so hohe Anforderungen stellt, sondern weil die 2. Liga so hinterherhinkt. Natürlich haben wir auch über neue Auflagen wie Werbebanden oder Spieltagshefte geschimpft. Aber gäbe es die nicht, würden wir noch weiter abfallen. Schauen Sie sich Handball oder Fußball an – da sind in der 2. und 3. Liga alle Profis. Das gibt der Volleyball im Moment nicht her.“

So lief es zuletzt sportlich für die Wildcats

Traum 1. Bundesliga lebt

Steffen Täubrich lässt sich aber nicht entmutigen. Schritt für Schritt arbeiten er und seine Mitstreiter an der Professionalisierung des Stralsunder Volleyballs. „Unsere Heimspiele sind zu einem richtigen Event geworden. Für die Fans ist das ein echtes Erlebnis. Auch die meisten Sponsoren haben ihre Zusage gegeben, nachdem sie einmal bei einem Heimspiel waren“, berichtet der 63-Jährige stolz.

Die Unterstützer wurden am Sonntag zum Bankett eingeladen. Dort erläuterte Täubrich die aktuelle Situation des Vereins und blickte voraus – auch auf die 1. Bundesliga. Um das nötige Geld für einen Aufstieg, der wohl nicht in den nächsten zwei Jahren realisierbar sei, zu generieren, steht der Verein womöglich an einem Scheideweg. Viele Bundesligateams wie SSC Palmberg Schwerin sind in der Hand eines Großsponsors. Für Täubrich ist die Öffnung für einen Mäzen eine knifflige Angelegenheit: „Der Vorteil wäre, wir könnten wie jetzt genau planen. Mir wäre es allerdings lieber, wenn die finanzielle Last auf mehrere Schultern verteilt ist.“

So wird die Arbeit am Aufstieg hinter den Kulissen noch etliche Monate in Anspruch nehmen. Der sportliche Grundstein scheint aber schon jetzt gelegt.