18. Januar 2021 / 08:26 Uhr

Ex-Referee Rafati kritisiert VAR nach Elfmeter-Wirbel in Stuttgart: "Funktioniert immer noch katastrophal"

Ex-Referee Rafati kritisiert VAR nach Elfmeter-Wirbel in Stuttgart: "Funktioniert immer noch katastrophal"

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ex-Schiedsrichter und SPORTBUZZER-Kolumnist Babak Rafati übt Kritik am Videobeweis.
Ex-Schiedsrichter und SPORTBUZZER-Kolumnist Babak Rafati übt Kritik am Videobeweis. © imago images/Montage
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Es war die Aufreger-Szene des Bundesliga-Wochenendes: Im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach bekam der VfB Stuttgart in der Nachspielzeit nach Videobeweis einen Elfmeter zugesprochen. Eine strittige Entscheidung - und für Ex-Schiedsrichter und SPORTBUZZER-Kolumnist Babak Rafati ein Anzeichen dafür, dass der Videobeweis in Deutschland weiter nicht funktioniert.

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Nach dem Elfmeter-Wirrwarr von Stuttgart diskutiert die Bundesliga erneut über den Videobeweis - und auch etwas über das Krisenmanagement des DFB. "Der Videobeweis ist an sich ein gutes Mittel. Man muss allerdings sagen, dass er im mittlerweile vierten Jahr immer noch katastrophal funktioniert", sagte der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati dem SPORTBUZZER.

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Hintergrund der Debatte sind die Vorfälle, die sich in der Nachspielzeit der Partie zwischen dem VfB Stuttgart und Borussia Mönchengladbach (2:2) ereigneten. Schiedsrichter Felix Brych sprach den Stuttgartern nach einem Zweikampf zwischen dem Gladbacher Ramy Bensebaini und dessen Gegenspieler Sasa Kalajdzic nach Intervention von Videoassistentin Bibiana Steinhaus einen Strafstoß zu. Bensebaini hatte Kalajdzic zwar mit den Armen gehalten, dieser war jedoch anschließend über die Beine seines Teamkollegen Waldemar Anton gestolpert. Brych ließ weiterlaufen, dann meldete sich Steinhaus. Nachdem Brych sich die Situation noch einmal vor dem Monitor ansah, gab er letztlich Strafstoß. Diesen verwandelte VfB-Stürmer Silas Wamangituka zum 2:2. Die Gladbacher ärgerten sich maßlos, Jonas Hofmann sprach von einer "absoluten Frechheit". FIFA-Referee Brych gestand später, den Kontakt zwischen Kalajdzic und Anton nicht gesehen zu haben, dieser sei jedoch "wohl mitentscheidend" gewesen. Sein kleinlautes Fazit: "Stuttgart kann mit dem Elfmeter glücklich sein."

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Am Sonntag rechtfertigte DFB-Projektleiter Jochen Drees die Entscheidung. "Es ist ein Strafstoß, den man geben kann. Es ist keine sachlich falsche Entscheidung getroffen worden", sagte der Ex-Schiedsrichter, der ebenfalls im Kölner Keller zugegen war und "Aspekte für und gegen einen Strafstoß" erkannte, bei Sky90 und klärte über die Entscheidungsfindung auf: Für Steinhaus stellte sich allein das Halten von Bensebaini als elfmeterwürdig dar. Der Einsatz des Algeriers habe Steinhaus auch bewogen, Brych auf die Szene hinzuweisen, so Drees. Sie habe "den Aspekt des Fußvergehens (von Anton an Kalajdzic, d. Red.) für sich eingeschätzt und als nicht relevant angesehen".

Bensebaini-Klammern elfmeterwürdig? "Sprechen nicht über Basketball"

Für Rafati ist dies ein Unding. "Was wir im Schiedsrichterwesen mit dem Videobeweis machen, ist detektivische Arbeit und viel weniger eine Beurteilung nach Sinn und Geist der Fußball-Regeln", sagte der frühere Bundesliga-Schiedsrichter (2005 bis 2012). Das "Foul" von Anton an seinem Mitspieler gehöre schließlich nicht nur zur Szene, sondern sei sogar "der entscheidende Faktor" – während das Klammern des Gladbach-Profis nach Meinung von Rafati nicht für einen Strafstoß ausgereicht habe. "Wir sprechen über Fußball, nicht über Basketball", stellte er klar.


Brych erkannte vor dem Monitor nur das Vergehen Bensebainis, nicht aber den Kontakt der beiden VfB-Spieler. "Den habe ich nicht gesehen - auch nicht auf dem Bildschirm. Es ist eine komplexe Szene, weil zwei Kontakte vorliegen. Der Kontakt unten ist uns leider verborgen geblieben", sagte Brych. Drees räumte "Missverständnisse" bei der internen Kommunikation ein – für Rafati sind allerdings weder Brych noch Steinhaus letztlich verantwortlich.

Rafati-Plädoyer: Kein Videobeweis bei Hand- oder Foulspielen

Vielmehr sei der Verband in der Pflicht, den VAR vier Jahre nach seiner Einführung praxistauglicher zu machen. "Was nicht passieren darf, ist dass jeder Hinz und Kunz diese Szene im Fernsehen sieht und der DFB dann trotzdem sagt: Den Elfmeter kann man so geben. Du musst dich, um die Akzeptanz herzustellen, als Verband hinstellen und sagen: Ja, okay, das war ein Fehler, den wir aufarbeiten werden", sagte Rafati. Drees kündigte bei Sky90 an, die Szene "ausdrücklich analysieren" zu wollen, einen Irrtum habe es aber nicht gegeben.

Rafati plädiert dafür, den Einsatz des Videobeweises grundsätzlich zu beschränken. "Er wird uns beim Abseits in 1000 Fällen wahrscheinlich 999 Mal helfen, genauso bei klassischen Innerhalb-Außerhalb-Diskussionen", sagte der 50-Jährige, der 84 Bundesliga-Spiele leitete. "Wenn aber über Hand- oder Foulspiel gesprochen wird, werden wir immer Probleme mit dem Videobeweis bekommen. Ich wäre dafür, deshalb bei Hand- oder Foulspiel kein Videobeweis anzuführen." Schließlich gäbe es hier konkrete Hindernisse: "Mit dem Videobeweis lassen sich Szenen, die Auslegungssache sind, wo Schiedsrichter individuell subjektiv entscheiden müssen, nicht gut lösen. Das ist ein großes Problem."