16. Mai 2022 / 08:31 Uhr

Stuttgart zieht Lehren aus Fast-Abstieg: Wieso vor allem Sportdirektor Mislintat auf dem Prüfstand steht

Stuttgart zieht Lehren aus Fast-Abstieg: Wieso vor allem Sportdirektor Mislintat auf dem Prüfstand steht

Oliver Trust
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Nach der Freude über den Klassenerhalt kommen auf den VfB Stuttgart um Sportdirektor Sven Mislintat entscheidende Wochen zu.
Nach der Freude über den Klassenerhalt kommen auf den VfB Stuttgart um Sportdirektor Sven Mislintat entscheidende Wochen zu. © IMAGO/ULMER Pressebildagentur
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Der VfB Stuttgart rettete sich in der Bundesliga in letzter Minute vor dem Abstieg. Doch wenn die Freude über den Ligaverbleib langsam abgeklungen ist, steht ein großer Umbruch bei den Schwaben bevor. Sven Mislintat steht im Zentrum der Kritik.

Ein endloser Tross von "Hobbygärtnern" schob sich am Samstag durch die baden-württembergische Landeshauptstadt: Selten haben die Stuttgarter Verkehrsbetriebe wohl solche Mengen an Rollrasen transportiert. Dass der örtliche Fußballklub dringend einen neuen Untergrund braucht, nachdem sich tausende Fans ein Stück Erinnerung an diesem atemberaubenden VfB-Tag sicherten und die Spielfläche zerpflückten, versteht sich von selbst.

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Das späte Tor von Wataru Endo sicherte nicht nur den Stuttgarter Klassenerhalt mit dem 2:1-Sieg über den 1. FC Köln, es löste einen Feiertsunami auf den Rängen und dem Platz aus, den die Fans nach dem Abpfiff um 17:28 Uhr stürmten – und unschön endete. Die Polizei teilte mit, dass sechs Personen verletzt wurden, mindestens ein Fan musste ins Krankenhaus gebracht werden. Schon vor dem Anpfiff kam es zu Zwischenfällen. Einsatzkräfte mussten die Fanlager trennen, nachdem Heimfans offenbar Flaschen und Pyrotechnik in Richtung der Beamten geworfen hatten. Ein 23-Jähriger wurde vorläufig festgenommen.

Die VfB-Helden kamen nach ihrem nicht mehr für möglich gehaltenen direkten Verbleib in der Bundesliga erst nach einer Stunde wieder aus der Kabine, um dann mit den Anhängern zu feiern – in gebührendem Sicherheitsabstand. Manches erinnerte an die Meisterfeiern von 2007. Die Biergärten waren voller Feierbiester. Überall saßen, lagen und tanzten Menschen, bekleidet mit einem VfB-Trikot. Doch dieses Mal ging es nicht um Titel, sondern um den Klassenerhalt. Es wäre der dritte Abstieg in sieben Jahren für einen Klub gewesen, der seit geraumer Zeit in Schieflage durch die Liga schippert.

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Trainer Pellegrino Matarazzo spürte irgendwann "wie Fritzle auf mir lag"; das ein Krokodil darstellende Vereinsmaskottchen. "Wer heute dabei war, wird das nicht mehr vergessen, sein Leben lang." Die Klubführung postete ein Foto, das es mühelos in die Top Ten der besten Karnevalsaufnahmen bringt und mutmaßlich entstand, weil sich Vereinschef Alexander Wehrle in seiner Kölner Zeit fundiertes Fachwissen aneignete.

Sportdirektor Sven Mislintat im Fokus: Der VfB Stuttgart muss heikle Fragen klären

Wenn der Party-Hangover verklungen ist, muss sich der Vorstandschef allerdings mit heikleren Fragen beschäftigen. Die Mannschaft, die die Rettungsachterbahnfahrt erfolgreich abschloss, wird kaum zu halten sein. Sasa Kalajdzic (Bayern/Dortmund), der gegen Köln das 1:0 erzielte, Borna Sosa (Barcelona), Konstantinos Mavropanos (West Ham) und Orel Mangala sind nur die Spitze des Eisberges der potenziellen Wechselkandidaten. Und es gilt, über die zukünftige Struktur des Vereins zu reden.

An der Machtfülle des Sportdirektors Sven Mislintat gab es zuletzt offene Kritik. Es fehle an ausreichendem Controlling für den Mann, der bei kolportierten 2,25 Millionen Jahresgehalt über den ungewöhnlichsten Vertrag der Liga verfügt. Explosiver Inhalt: Ein einseitiges Kündigungsrecht, ohne Begründung, bei gleichzeitiger Weiterbezahlung bis 2023.

Dass Mislintat den einst für seinen guten Nachwuchs bekannten Klub in einen Import-Export-Verein umkrempelte, missfällt einigen. Andere sagen, die knappe Rettung sei nur möglich gewesen, weil sich Coach Matarazzo emanzipierte und sich der direkten Einflussnahme des mächtigen Sportdirektors in der Schlussphase der Saison widersetzte. Inzwischen formiert sich eine Art Opposition im Klub, die eine Rückbesinnung zur Klubtradition und sich eine stärkere lokale Identifikation wünscht. Der große unmittelbare Knall blieb durch die Last-Minute-Rettung vorerst aus, aber Mislintat muss damit rechnen, eingebremst zu werden. Ganz sicher, scheint man sich in Stuttgart in Sachen Rettung übrigens nicht gewesen zu sein. Im Vorfeld hatten Mislintat und die Klubführung die mögliche Relegation als Erfolg verkauft – am Ende wurde es die totale Ekstase.

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