04. Februar 2021 / 22:05 Uhr

Super Bowl: Wenn Brady wirft, schaut Wolfsburgs Sportdirektor ganz genau hin

Super Bowl: Wenn Brady wirft, schaut Wolfsburgs Sportdirektor ganz genau hin

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Super Bowl in Tampa: Tom Brady (r.) und Co. gehen als Favorit ins große Spiel, Marcel Schäfer (r. mit Buccaneers-Wide-Receiver Mike Evans) drückt die Daumen.
Super Bowl in Tampa: Tom Brady (r.) und Co. gehen als Favorit ins große Spiel, Marcel Schäfer (r. mit Buccaneers-Wide-Receiver Mike Evans) drückt die Daumen. © (c) AP / privat
Anzeige

Das weltweit größte Einzelsport-Event steht an: In der Nacht auf Montag findet in Tampa/Florida der Super Bowl statt, die Buccaneers haben Heimrecht im Finale der NFL. Marcel Schäfer, Sportdirektor des VfL Wolfsburg, kennt die Stadt und die "Bucs" besonders gut - aus seiner Zeit in den USA.

Anzeige

Super Bowl in Tampa - dass Marcel Schäfer, Sportdirektor des VfL Wolfsburg, die Nacht auf Montag vor dem Fernseher ganz genau hinschaut, versteht sich von selbst. Zum einen, weil der 36-Jährige schon immer ein großer Fan des US-Sports war. Aber vor allem, weil er zu den Tampa Bay Buccaneers, Endspiel-Gegner des Titelverteidigers Kansas City Chiefs und Gastgeber im NFL-Finale, eine ganze besondere Beziehung hat.

Anzeige

Die Tampa Bay Area, eine Region im Südwesten Floridas mit den Großstädten St. Petersburg, Tampa und Clearwater, war 2017/18 eineinhalb Jahre lang Heimat für Schäfer und seine Familie. Er spielte für die Rowdies in der United Soccer League, auf der anderen Seite der Bucht sind die Buccaneers daheim. Regelmäßig war der Fußballer dort, schaute sich Spiele und Training an, sprach mit Verantwortlichen - die Rowdies hatten das für ihn organisiert. „Dass ich die Buccaneers und auch das Eishockey-Team der Tampa Bay Lightning oder die Baseballer der Rays kennenlernen konnte, war Teil meiner Vereinbarung mit den Rowdies und einer der Hauptgründe, warum ich nach Tampa gegangen bin“, erzählt er. „Ich wollte lernen.“

Marcel Schäfer: Seine Karriere beim VfL Wolfsburg

Felix Magath holte Marcel Schäfer im Sommer 2007 für 1,2 Millionen Euro von 1860 München zum VfL Wolfsburg Zur Galerie
Felix Magath holte Marcel Schäfer im Sommer 2007 für 1,2 Millionen Euro von 1860 München zum VfL Wolfsburg ©

Vieles ist anders im US-Sport, vieles war inspirierend für den Job, den Schäfer heute macht. „Das Training ist viel stärker individualisiert“, so Schäfer, „das meiste läuft in Gruppen ab. Die Trainerteams sind enorm groß; während es hier beim Fußball üblicherweise einen Chefcoach und zwei, drei Co-Trainer gibt, hat ein Footballteam einen Trainerstab von 17 Leuten.“ Und: „Die US-Teams sehen sich stark in sozialer Verantwortung, tun viel für die Community. Da sind auch schon mal Kindergruppen beim Training auf dem Platz. “

Nach den Spielen ist zudem die Kabine keine „geschützte Zone“, viele Menschen - auch Journalisten - tummeln sich dort. „Das war toll, weil ich auch in die Kabinen konnte, aber für die Bundesliga kann man sich das absolut nicht vorstellen.“


Was ebenfalls stark in Erinnerung blieb: „Überall auf dem Gelände wird im US-Sport viel visualisiert. Da hängen große Bilder und Zitate überall, davon wird man fast erschlagen.“ Bei den Buccaneers etwa standen überall Saisonziele, Wertevorstellungen, die Yards, die man erlaufen wollte, die Zahl der Sacks, der Touchdowns. „Zu der Zeit als ich dort war, waren die Bucs allerdings meistens weit davon entfernt, ihre Ziele zu erreichen“, so Schäfer schmunzelnd.

Football, Baseball, Basketball, Eishockey - schon vor seiner Zeit bei den Rowdies hatte Schäfer immer wieder seinen Urlaub genutzt, um sich US-Sport vor Ort anzugucken - von den LA Lakers in der NBA bis zu den New York Giants in der NFL, Schäfers Lieblingsteam. „Mit 18 oder 19 war ich das erste Mal drüben“, erinnert er sich. „Und ich fand es immer wieder faszinierend.“ Als er dann für Tampa spielte, nutzte er die Auswärtsreisen auch für Besuche bei anderen Sportarten, oft mit seinem dänischen Mitspieler Martin Vingaard. „Wenn ich zu Marcel sagte: Oh, da ist ein Spiel, das können wir im Fernsehen schauen, dann sagte er: Nein, ich möchte ins Stadion“, erzählt der heutige Jugendtrainer des FC Kopenhagen. Was die Sache einfacher machte: Den Abend vor einer Partie hatten die Rowdies-Kicker in der Regel zur freien Verfügung. Schäfer: „Es gab auch keine gemeinsamen Mahlzeiten, wir hatten einfach Freizeit. Und dann sind wir eben in die Stadien gegangen.“ Die Baseball-Arenen der MLB hat der ehemalige Linksverteidiger bis auf vier alle gesehen. „Da bin ich quasi ein Groundhopper...“

Wem Schäfer im Super Bowl die Daumen drückt, ist klar. Von Mike Evans, Wide Receiver der Buccaneers, hat er sogar ein Trikot. Dass die Bucs mit ihrem neuen Superstar-Quarterback Tom Brady nach durchwachsenen Jahren (keine Play-Off-Teilnahme seit 2007) im Finale stehen, hatte sich zu Saisonbeginn noch nicht abgezeichnet, erst in der Endphase drehten Brady, Evans und Co. auf. „Trotzdem“, so Schäfer, „sind für mich die Kansas City Chiefs klarer Favorit.“

Erstmals überhaupt hat ein NFL-Team im Super Bowl Heimrecht, über 22.000 Fans dürfen mit Maske im Raymond-James-Stadium dabei sein. Darunter sind 7500 geimpfte Mitarbeiter des Gesundheits- und Pflegewesens. „Dass man es diesen Helden der Corona-Krise ermöglicht, ins Stadion zu gehen, finde ich klasse“, so Schäfer. Er selbst wird - wie so oft, wenn Football im Fernsehen läuft - mit seinen beiden Söhnen (11 und 9) gespannt vorm TV sitzen, um 0.30 Uhr geht es in der Nacht auf Montag los. „Wir zelebrieren das sowieso immer“, erzählt er, „vor allem der Große freut sich schon Tage vorher darauf. Und der Kleine schafft es ja diesmal vielleicht, nicht in der Halbzeit einzuschlafen...“