23. September 2020 / 09:43 Uhr

Allianzen auf höchster Ebene: Das steckt hinter der Supercup-Austragung in Budapest

Allianzen auf höchster Ebene: Das steckt hinter der Supercup-Austragung in Budapest

Frank Hellmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
 Die UEFA um Präsident Aleksander Ceferin hält am umstrittenen Pilot-Projekt, dass der Supercup in Ungarn vor Fans ausgetragen werden soll, fest.
Die UEFA um Präsident Aleksander Ceferin hält am umstrittenen Pilot-Projekt, dass der Supercup in Ungarn vor Fans ausgetragen werden soll, fest. © imago images/PuzzlePix
Anzeige

Die UEFA bleibt hart: Obwohl sich in Budapest täglich mehr Menschen mit dem Coronavirus anstecken, wird die Supercup-Partie zwischen Champions-League-Sieger FC Bayern und Europa-League-Sieger FC Sevilla vor Zuschauern ausgetragen. Das hat wohl auch mit den Allianzen auf höchster Ebene zu tun.

Anzeige

Aleksander Ceferin mag sein Versprechen nicht brechen. Der Supercup am Donnerstag zwischen dem FC Bayern München und dem FC Sevilla (21 Uhr), so die Verlautbarung des Präsidenten der Europäischen Fußball-Union (UEFA), werde "so sicher sein wie kein Spiel zuvor". Das ist eine recht kühne Aussage für einen Testballon, um angeblich über die Teilzulassung von Zuschauern besser urteilen zu können. Als die UEFA diesen Entschluss am 25. August mit Zustimmung ihrer 55 Mitgliedsverbände fällte, konnte niemand die fatale Entwicklung in der Pandemie voraussagen.

Anzeige

Am Austragungsort Budapest stecken sich gerade mehr als 100 Menschen pro 100.000 Einwohner – gerechnet auf sieben Tage – mit dem Coronavirus an. Mehr als doppelt so viele Menschen wie in München.

Mehr vom SPORTBUZZER

Markus Söder befürchtet ein "Fußball-Ischgl"

Deshalb haben die UEFA-Verantwortlichen am Dienstag geredet, mit Gesundheitsbehörden der Stadt und der ungarischen Regierung, weil es ja einen "point of no return" gebe. Die UEFA teilte mit, an der Austragung mit Zuschauern unverändert festzuhalten. Viele halten das für unverantwortlich – Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fürchtet ein "Fußball-Ischgl". Budapests Oberbürgermeister Gergely Karacsony ist ebenfalls besorgt. "Hätte ich die rechtlichen Möglichkeiten, das zu entscheiden, würde ich das Match hinter geschlossenen Toren stattfinden lassen“, sagte der grün-liberale Politiker der oppositionellen Tageszeitung Nepzava. "Die Verantwortung liegt bei denen, die die Entscheidungsgewalt haben", fügte er mit Blick auf die rechtsnationale Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban hinzu.

Bereits am Montag hatten 800 von ursprünglich 2100 Bayern-Fans ihre Karten zurückgegeben, Tendenz am Dienstag stark steigend. Aus Sevilla hatten ohnehin weniger als 500 bei dem Kontingent von 3000 Tickets zugegriffen. Womöglich kommen jetzt weniger als 10.000 Besucher in das 67 .155 Plätze bietende Stadion. Die UEFA weiß sehr wohl, was sie mit einem über eine Kerze fliegenden Ballon aufs Spiel setzt: Sollte der Supercup zum "Superspreader" werden, würde das auf absehbare Zeit auch Europapokal-und Länderspiele mit Zuschauern fast unmöglich machen. Wie wenig geheuer mittlerweile auch dem FC Bayern dieses Experiment ist, zeigt die Tatsache, dass keine Sponsoren und VIP-Gäste zur Delegation gehören, die spontan verkleinert wurde.

Wer ergründen will, warum alles durchgezogen wird, muss die osteuropäischen Allianzen in den UEFA-Gremien durchleuchten. Vor zehn Monaten reiste UEFA-Boss Ceferin als Ehrengast zur Einweihung der nach dem ungarischen Fußballidol Ferenc Puskas benannten Arena nach Budapest. Bei dieser Stippvisite traf der Slowene Ceferin auch Un­garns Ministerpräsidenten Viktor Orbán, freundschaftlich soll es zugegangen sein.

Ceferin: Budapest-Stadion "auf Jahrzehnte das Juwel in der Krone des ungarischen Fußballs"

Ceferin sagte, das teure Schmuckkästchen werde "auf Jahrzehnte das Juwel in der Krone des ungarischen Fußballs" sein. Die UEFA hatte hier im Mai 2019 bereits das Finale der Women’s Champions League ausspielen lassen. Doch als eigentlicher Zweck war die erste paneuropäische EM 2020 auserkoren. Budapest ist als Gruppenspielort mit München gekoppelt. Die Vergabe des Supercups 2020 galt als Verbeugung vor dem mächtigen UEFA-Vizepräsidenten Sandor Csanyi, dem erfolgreichsten Banker, größten Weinhändler und vermögendsten Mann im Orbán-Reich, der auch gleich noch dem ungarischen Fußballverband vorsteht.

Ceferin und Csanyi hielten es dann für eine gute Idee, den Supercup mit dem Zuschauerversuch aufzuwerten. Die Idee entstand in enger zeitlicher Nähe zum Cham­pions-League-End­tur­nier, als hochrangige UEFA-Funktionäre erstmals die abschreckende Erfahrung der Geisterspiele machten. Ihnen dämmerte, dass Sponsoren oder Fernsehanstalten bald erhebliche Rückforderungen stellen würden, sollten Champions League und Europa League weiterhin in diesem gruseligen Rahmen abgehalten werden. Die Medienrechte machten vor Corona mit 3,3 Milliarden Euro fast 86 Prozent der UEFA-Einnahmen aus.