16. Juni 2021 / 16:28 Uhr

Trotz Jungbrunnen: Lehrtes Shirwan Shamo hängt Schuhe (so halb) an den Nagel

Trotz Jungbrunnen: Lehrtes Shirwan Shamo hängt Schuhe (so halb) an den Nagel

Nicola Wehrbein
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Runde Sache: Shirwan Shamo hat seine Karriere als Herrenfußballer beim SV 06 Lehrte begonnen - und beendet.
Runde Sache: Shirwan Shamo hat seine Karriere als Herrenfußballer beim SV 06 Lehrte begonnen - und beendet. © Debbie Jayne Kinsey
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Mit dem Aufstieg in den Bezirk mit dem SV 06 Lehrte hat sich für Shirwan Shamo ein Kreis geschlossen, jetzt hat der 36-Jährige seine Karriere beendet - wenngleich er so fit ist wie nie. Davon könnten andere Teams profitieren: "Ich wäre bereit, in der zweiten oder bei den Alten Herren auszuhelfen."

Ein Großer tritt ab. Mit Shirwan Shamo beendet ein Lehrter Fußballjuwel seine aktive Karriere. Der Angreifer war viele Jahre und bis zum Saisonabbruch bei seinem Heimatverein SV 06 Lehrte am Ball, stürmte auch erfolgreich für den FC Lehrte und im Trikot des TSV Limmer. Auf den Plätzen der Region ist er wohlbekannt, ob seiner Torgefährlichkeit geschätzt – und gefürchtet.

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„Es war ein Geschenk, mit ihm zusammenzuarbeiten. Wir hätten uns gewünscht, der Tag des Abschieds von der sportlichen Bühne möge nie kommen, aber auch an einem Shirwan Shamo nagt irgendwann der Zahn der Zeit“, sagt 06-Trainer Markus Olschar. Wobei der 36-Jährige Offensivakteur im Laufe der Zeit einem Jungbrunnen entsprungen zu sein scheint - je älter „Sh7“ wird, desto fitter ist er.

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Im Rückblick auf seine fußballerische Laufbahn hat sich Shamo vor allem ein Moment eingeprägt. Diese unbändige Freude nach dem Aufstieg mit seinem SV 06 Lehrte in die Bezirksliga im Juni 2019. 13 Jahre und mehrere Anläufe, in denen sie nur knapp gescheitert sind, haben die Gelb-Schwarzen gebraucht, bis es endlich geklappt hat.

"Die Krönung auf meine alten Tage"

„Es gab in meiner langen aktiven Zeit viele schöne Erlebnisse, die ich immer in meinem Herzen tragen werde. Aber dieser Augenblick, als wir die Rückkehr in den Bezirk geschafft haben, das war etwas ganz Besonderes für mich, die Krönung auf meine alten Tage.“ Für den Stürmer schloss sich damit ein Kreis, er feierte seinen wohl emotionalsten Triumph an dem Ort, wo einst alles begonnen hatte.

1996 kam Shamo aus dem Irak nach Deutschland, es verschlug die Familie nach Lehrte. Der damals Elfjährige schloss sich dem SV 06 an und durchlief bis zu den A-Junioren alle Nachwuchsteams der Gelb-Schwarzen. „Ich habe mich weiterentwickelt, gerade in puncto Dribblings und Schnelligkeit. Schritt für Schritt bin ich von der Verteidigerposition immer weiter nach vorne gerückt, bis in den Sturm.“

Schon in jungen Jahren lernte er die Olschar-Brüder, Julius und Markus, kennen, als Mitschüler und Mitspieler. Weggefährten, die zu Freunden wurden und es bis heute sind. Andere Vereine wurden auf das Talent aufmerksam.


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Hozan Partawie (SG Letter 05): Im Auswärtsspiel beim SV Türkay Spor Garbsen hat der 35-jährige Torhüter drei Elfmeter binnen drei Minuten pariert. Dafür wurde er mit 29,4 Prozent der Stimmen der Held der Woche. ©

„Ich habe als A-Jugendlicher gute Angebote erhalten. Aber dann hätte ich viermal die Woche trainieren müssen. Und ich hatte keine Eltern, die mich chauffieren. Außerdem musste ich sehen, dass ich beruflich auf sicheren Beinen stehe, das hatte Vorrang. Ich musste mir im Leben alles hart erarbeiten. Hätte ich die Freiheit gehabt, es einfach mal mit dem professionellen Fußball ausprobieren zu können, wer weiß ... So war es für mich immer ein Hobby.“

Shamo folgt Gramann zum Lokalrivalen

Shamo blieb also bei 06 Lehrte, schaffte unter Coach Willi Gramann auf Anhieb den Sprung in die Bezirksliga-Stammelf. Als Gramann 2004 zum Lokalrivalen FC Lehrte wechselte, folgte ihm der junge Stürmer. „Wir sind mit dem FC in die Bezirksklasse und danach direkt in die Bezirksliga aufgestiegen“, erzählt Shamo. Parallel rutschte 06 in die Kreisliga ab. „Das hat mich immer gewurmt. Deswegen wollte ich unbedingt dazu beitragen, den SV 06 wieder in den Bezirk zu bringen.“

Doch zunächst – Shamo wohnte mittlerweile in Davenstedt – führte ihn sein Weg zum TSV Limmer. Die Verbindung zu Gramann riss nie ab, und als der Stürmer noch mal angreifen wollte, heuerte er 2012 wieder beim FC Lehrte an. Zwei Jahre später lotste ihn sein Kumpel Markus Olschar, der noch selbst am Ball war, heim zu den Gelb-Schwarzen. „Ich bin mit dem Ziel dort angetreten, dem Team zum Aufstieg zu verhelfen.“ Lars Bischoff coachte, später übernahm Markus Olschar.

Hinter die Mission Aufstieg konnte Shamo 2019 einen Haken setzen. „Eigentlich wollte ich direkt danach aufhören. Aber ich hatte das Gefühl, es fehlen Typen, die Verantwortung übernehmen. Und die nötige Fitness, um den Jungs auf dem Platz weiterhelfen zu können, hatte ich ja noch“ – wohl wahr: Nie war er so fit wie heute.

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Von den Rücken- und Bandscheibenproblemen, die den Angreifer früher plagten, ist seit längerem nichts mehr zu spüren. „Es gab Zeiten, da hatte ich locker 15 Kilo mehr drauf, vor ein paar Jahren habe ich meine Ernährung umgestellt“, sagt Shamo und fügt schmunzelnd hinzu: „Vom Pummelchen zum Athleten in Bestform. Hätte ich mit 20 so hart an meinem Körper gearbeitet, hätten sich womöglich ganz andere Wege aufgetan.“

Plötzlich hat Shamo die Figur

In Teamkreisen nennt man ihn scherzhaft „Benjamin Button“, in Anspielung auf den Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, in dem Brad Pitt als Greis zur Welt kommt und immer jünger wird.

„Shirwan war immer etwas füllig, jetzt hat er plötzlich die Figur eines 20-Jährigen“, sagt Markus Olschar lachend. Der Coach verzichtet nur schweren Herzens auf seinen Stürmer und Kumpel: „Wir kennen uns seit der Kindheit, haben einen Großteil unseres Lebens zusammen Fußball gespielt. Shirwan ist ein herausragender Kicker, technisch klasse, schwer vom Ball zu trennen, einer, der den Unterschied ausmacht. Und er hatte immer schon diesen unbedingten Siegeswillen. Wenn wir ein Spiel verloren haben, mochte ich nie in seine Augen schauen, dieser enttäuschte Blick ...“

Nicht allein der Fußballer Shamo werde fehlen, vor allem auch der tolle Mensch, der er sei. „Betritt er einen Raum, freuen sich alle, dass er da ist.“

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Beim SV 06 Lehrte wird der Umbruch eingeleitet. Shamo macht Platz für die nächste Generation: „Es ist an der Zeit, dass die Jüngeren Verantwortung übernehmen und sich nicht länger hinter meinem Rücken verstecken.“ Dem Nachwuchs rät er: „Talent ist eine Sache, aber es braucht auch Fleiß, Disziplin und Respekt, nur dann kann man etwas erreichen.“

Während der Pandemie verzichtete der 36-Jährige auf alle finanziellen Zuwendungen. „Ich werde von dem Geld nicht reich, da sollte man die Größe zeigen, zurückzustecken und seinen Klub zu stärken“, erklärt Shamo.

So ganz geht der Vater zweier Töchter (acht und zwölf Jahre alt) dann aber wohl doch nicht: „Ich wäre bereit, in der Zweiten oder bei den Alten Herren auszuhelfen“, sagt er. Der torgefährliche Jungbrunnen würde sicher mit offenen Armen aufgenommen.