18. März 2021 / 17:30 Uhr

"Zweiklassengesellschaft im Frauenfußball": Wie der SV 90 Lissa um seine Existenz kämpft

"Zweiklassengesellschaft im Frauenfußball": Wie der SV 90 Lissa um seine Existenz kämpft

Leon Heyde
Leipziger Volkszeitung
Im Laufe des Jahre konnten die Frauen des SV 90 Lissa viele Erfolge feiern.
Im Laufe des Jahre konnten die Frauen des SV 90 Lissa viele Erfolge feiern. © Verein
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Aus einer Spaßveranstaltung entwickelte sich beim SV 90 Lissa eine erfolgreiche Frauensparte - samt Fifa-Schiedsrichterin und großen Talenten. Doch die Geschichte des Klubs aus Nordsachsen zeigt auch, welche strukturellen Problemen es im Frauenfußball gibt.

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Als vor 30 Jahren erstmals eine Frauenmannschaft auf dem Sportplatz zu Voigts Mühle ans runde Leder trat, ahnte wohl noch niemand, was sich aus dem Freundschaftskick entwickeln würde. Nicht einmal Tino Glöckner. Das Urgestein des 1990 neu gegründeten SV 90 Lissa ist maßgeblicher Bestandteil einer Erfolgsgeschichte, die in Sachsen ihresgleichen sucht.

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1991, beim Lissaer Sportfest wurde die Idee geboren: Eine Mannschaft von fußballbegeisterten Frauen der Region sollte der Alten-Herren-Mannschaft des Vereins ordentlich einheizen. Mit Erfolg – ein Jahr später wurde das Spektakel wiederholt. Doch der Funke war längst auf die Fußballerinnen übergesprungen, die Mannschaft wollte mehr. In den kommenden dreieinhalb Jahren wurde unter Anleitung des inzwischen 51-jährigen Glöckner trainiert, Grundlagen für den nahenden Einstieg ins Wettkampfgeschehen gelegt.

Erfolgreiche Anfangsjahre

1995 wurde es dann Ernst. Nach einem Hallenturnier im März, 300 Zuschauer verfolgten die Feuertaufe in Delitzsch, starteten die Lissaerinen zwei Monate später in ihre erste Bezirksligasaison. Lange ließen sich die Fußballerinnen nicht bitten, ihr Vereinsheim mit Edelmetall zu schmücken. Im Februar 1996 feierte das Team von Glöckner in Halle sieben des Leipziger Messegeländes die Bezirkshallenmeisterschaft. Damals mit dabei: Anja Kunick. Nach Verletzungspech beendete sie ihre aktive Zeit als Spielerin, griff fortan zur Pfeife und schaffte es bis zur Fifa-Schiedsrichterin.

Bereits in seiner zweiten Saison feierte der SV den Aufstieg in die Landesliga und hielt sich dort zwei Spielzeiten. Als 1998 rund 500 Zuschauer in Lissa ein Freundschaftsspiel gegen den FC Bayern München verfolgten, war die Euphorie für den Frauenfußball in der Region endgültig geweckt. Nachdem es wieder in die dreigleisige Bezirksliga ging, holten die Lissaerinnen dreimal in Folge das Double aus Meisterschaft und Bezirkspokal.

Besonders in Erinnerung geblieben ist der Pokalsieg im Jahr 2001. „Der Sieg damals gegen den VfB Leipzig war etwas ganz Besonderes. Die waren klarer Favorit und spielten nur wenige Jahre später in der 2. Bundesliga“, erinnert sich Glöckner, der mit dem Erfolg auch den Erwartungsdruck steigen sah. „Wenn wir in der Landesliga ein Spiel knapp verloren, mussten wir uns Kritik gefallen lassen. Gewannen wir in der Bezirksliga, wurden wir für eine Leistung gelobt, die im Vergleich dazu deutlich schlechter war.“

Probleme mit Mannschaftsschwund

Ein zweiter Anlauf in der Landesliga scheiterte aus finanziellen Gründen 2005, nachdem im ersten Jahr sogar der dritte Platz erreicht wurde. Erfolgreiche Jahre in der Bezirksliga gingen einher mit einer stärkeren Nachwuchsförderungen. Ab 2007 bediente Lissa teilweise alle Altersklassen mit reinen Mädchenmannschaften, die bis in die Landesliga vordrangen.

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SV 90 Lissa - Roter Stern Leipzig (4-1) (Alexander Prautzsch) (15) Zur Galerie
SV 90 Lissa - Roter Stern Leipzig (4-1) (Alexander Prautzsch) (15) © Alexander Prautzsch

„Es ist schon ein enormer Aufwand gewesen, sich überregional im Fußball zu behaupten. Bei Auswärtsfahrten ging es bis nach Aue, Dresden oder Chemnitz – das konnten wir mit unseren Strukturen irgendwann nicht mehr stemmen“, erzählt Glöckner, für den das Umfeld eine entscheidende Rolle für die Misere der letzten Jahre spielt. „Anfangs gab es zum Beispiel noch in Süptitz, Oschatz, Krostitz oder Eilenburg Frauenmannschaften, seit einigen Jahren ist davon vieles weggestorben.“

Auch Lissa musste seinen Mädchenfußball aufgrund fehlender Mitglieder wieder einstellen, aus zwei Frauenmannschaften mit insgesamt 40 Spielerinnen ist ein Team übrig geblieben, das heute in der Landesklasse ums Überleben kämpft.

Ungewissheit bleibt

Viele der Lissaer Nachwuchstalente trauten sich den Übergang in den Frauenbereich nicht zu oder gingen nach Leipzig, wo Frauenteams mit professionellerem Umfeld aus dem Boden schossen. Den Sprung in den Leistungssportbereich hat Nathalie Bretschneider geschafft. Die 20-Jährige wurde in Lissa ausgebildet, steht aktuell vor dem Sprung ins Bundesligateam von Turbine Potsdam. „Heute existiert im Frauenfußball eine Zweiklassengesellschaft. Bis zur Landesliga geht es relativ professionell zu, darunter sprechen wir von absolutem Hobbyfußball. Viele Vereine müssen sich die Frage stellen, ob es für sie überhaupt weitergeht.“

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Auch Tino Glöckner lässt die Ungewissheit nicht unberührt: „Natürlich besteht immer die Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht. Dennoch habe ich stets eine Träne im Knopfloch. Die Angst, dass der Frauenfußball in Lissa endet, ist existent.“

Vorerst wird es am Sportplatz zu Voigts Mühle aber weitergehen. Aus Liebe zum Sport und zu denen, die noch geblieben sind.