10. September 2020 / 17:07 Uhr

SV Azadi: Ein Klub auf der Suche nach einer Heimat

SV Azadi: Ein Klub auf der Suche nach einer Heimat

Christoph Staffen
Lübecker Nachrichten
Die Spieler des SV Azadi bei ihrer Meisterfeier - sie wurden Staffelsieger der Lübecker Kreisklasse A.
Die Spieler des SV Azadi bei ihrer Meisterfeier - sie wurden Staffelsieger der Lübecker Kreisklasse A. © SV Azadi
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Lübecks jüngster Fußballverein SV Azadi ist dreimal in Serie aufgestiegen und hat seit seiner Gründung 2017 bereits die dritte Spielstätte bezogen. Auf der Sportanlage des SC Buntekuh fühlt man sich schon heimisch und startet am Koggenweg in die Kreisliga.

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Sie scheinen endlich angekommen zu sein: „Gut 60 Kinder waren bei einem ganz normalen Testspiel unserer Herren dabei. Familien, Freude, Cousins – hier können sich alle treffen“, schwärmt der 1. Vorsitzende Firat Özden (28) vom neuen Domizil des SV Azadi. Ist der jüngste Lübecker Fußballverein vor seiner vierten Saison wirklich endlich ihn seinem Zuhause?

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„Wir sind offen für alle, jeder ist bei uns herzlich willkommen“

Vom Norden über den Osten in den Südwesten: Dreieinhalb Jahre nach der Gründung und drei Aufstiegen in Serie hat der SV Azadi zum dritten Mal eine neue Heimat gefunden. Azadi ist kurdisch, bedeutet aber auch in vielen anderen Sprachen und Dialekten der Region Iran, Irak, Türkei und Syrien „Freiheit“. Mit Politik habe man allerdings nichts zu tun: „Wir sind offen für alle, jeder ist bei uns herzlich willkommen“, sagt Özden.

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Ziel war die Verbandsliga

Das Ziel war schon bei der Gründung 2017, „irgendwann in der Verbandsliga zu kicken“. Für Spieler Ashty Sindy war damals die Gründung des Klubs eine Herzensangelegenheit: „Ich möchte mit meinen Freunden etwas Neues für die Kids erschaffen und ihnen neue Möglichkeiten bieten und dabei auch sportlich, als auch menschlich, etwas weitergeben.“ Und Özden ergänzt: „Klar wollen wir bald auch Fußball-Jugendmannschaften haben, das ist doch die Basis eines jeden Vereins.“ Bislang haben sie neben zwei Herrenmannschaften erst eine Gruppe für Kinder und Erwachsene, die kurdische Volkstänze machen. „Wir sind offen für alles. Wenn jemand gerne Tischtennis spielen möchte, können wir auch darüber reden.“

Einmal um Lübeck herumgezogen

Gründungsfest war am 17. Februar 2017 im Vereinsheim von Rot-Weiß Moisling, für die erste Saison in der Kreisklasse C stellte der VfL Vorwerk den Azadis seinen Kunstrasen dreimal pro Woche zur Verfügung, ehe der VfL den Eigenbedarf geltend machte. Vom Norden ging es in den Osten Lübecks nach Schlutup, wo man beim dortigen TSV mit offenen Armen empfangen wurde. Problem: Für die meisten Spieler war die Anfahrt zum Training fast zu weit, da ein Großteil der Mannschaft aus dem Südwesten – den Stadtteilen Moisling und Buntekuh – stammt.

Furore ab der ersten Saison - Niwar Jasim mit 58 Toren

Schon in ihrer ersten Saison machten die Azadis Furore. Ganz unten, in der Kreisklasse C, mussten sie beginnen. Das besagen die Statuten. Man entschied sich trotzdem für den langen Weg, wurde 2018 mit Spielern, die schon höherklassig gekickt hatten, Meister der C-Klasse (21 Siege, 1 Niederlage, 211:24 Tore) und 2019 Meister der B-Klasse (21 Siege, 1 Remis, 163:18 Tore). 2017/18 deutschlandweit ganz vorn in den Torjägerlisten war Niwar Jasim mit stolzen 58 Buden zu finden. Gleich mit 29:0 hatte man im Jahr zuvor gegen DJK Lübeck gewonnen – da fehlte Toptorjäger Jasim. Die wegen Corona abgebrochene Saison der Kreisklasse A beendeten sie auf Platz eins – punktgleich, aber dank der besseren Tordifferenz vor dem Lübecker SC II.

Neue Heimat in der "Blockhütte"

Die Zwangspause seit März nutzte der nun mehr als 100 Mitglieder zählende Klub für Verhandlungen mit der Stadt Lübeck und schließlich für den Umzug zum SC Buntekuh – der vorerst neuen Heimat. Die städtische Anlage verfügt über je einen Rasen- und einem Kunstrasenplatz. Zwar ist die Azadi-Postadresse ein Container, doch die Einrichtungen am Klubheim „Blockhütte“ dürfen alle mitbenutzen. Und die Vereinsarbeit wird eh meist im Homeoffice erledigt. Trotzdem bleibt der Traum von einem eigenen Sportplatz: „Wann das aber Wirklichkeit wird, das steht völlig in den Sternen“, sagt Özden.

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„Wir wollen weiter gesund wachsen"

„Ein Aufstieg fehlt nur noch zur Verbandsliga“, sagt Özden. Der Aufstieg sei aber kein Muss, obwohl die Spieler „megaehrgeizig“ sind und von Trainer Inan Akyol in der Vorbereitung „ordentlich gescheucht“ wurden. „Wir wollen weiter gesund wachsen, bei uns gibt es kein Geld“, pocht Özden – ganz deutsch – auf eine schwarze Null im Haushalt. Deutsch ist auch die Sprache auf dem Platz: „Wir haben bei uns Menschen aus zwölf verschiedene Nationen. Es gibt 30 bis 40 verschiedene kurdische Dialekte, die würden sich teilweise auch untereinander gar nicht verstehen.“

Kreisliga-Opener gegen Türkischen SV

Dass der SV Azadi den Lübecker Kreisliga-Opener am 18. September beim Türkischen SV bestreitet, ist für Özden trotz der aktuellen Spannungen zwischen Kurden und Türken kein Problem: „Wir haben auch einen türkischen Spieler in unseren Reihen. Die Jungs kennen sich alle und wollen nur ein schönes Fußballspiel machen. Wenn, dann wird da höchstens von außen etwas hereingetragen.“