25. November 2020 / 17:22 Uhr

SV Germania Breitenberg: Innenverteidiger wird zum Harzer Bürgermeister

SV Germania Breitenberg: Innenverteidiger wird zum Harzer Bürgermeister

Kathrin Lienig
Göttinger Tageblatt
Vor einigen Jahren ist Daniel Quade (l.) mit dem VfB Bad Sachsa gegen den SV Rotenberg im Kreispokal angetreten.
Vor einigen Jahren ist Daniel Quade (l.) mit dem VfB Bad Sachsa gegen den SV Rotenberg im Kreispokal angetreten. © Foto:
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Auf dem Fußballplatz sorgt er beim SV Germania Breitenberg für Stabilität in der Abwehr, im Berufsleben läuft es für Daniel Quade (FDP) gerade etwas unruhiger: Nach einem souveränen Wahlsieg wird der 35-jährige Fußballer Bürgermeister und damit Verwaltungschef in Bad Sachsa.

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Familie, Beruf, Politik und Sport: Für Daniel Quade könnte ein Tag manchmal mehr als 24 Stunden haben. Der Fußballer des Bezirksligisten SV Germania Breitenberg ist am Sonntag zum neuen Stadtoberhaupt von Bad Sachsa gewählt worden und übernimmt das seit 2018 vakante Amt des Bürgermeisters, das sein Vorgänger Axel Hartmann (CDU) aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben hatte.

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Der 35-Jährige ist seit November 2019 spielberechtigt für die Breitenberger, ist mit ihnen in die Bezirksliga aufgestiegen und hat in der neuen Spielklasse bis zur coronabedingten Unterbrechung alle Begegnungen als linker Innenverteidiger durchgespielt. Alte Kontakte zu René Jung und Tim Kneusels haben den Fußballer, der seit seinem vierten Lebensjahr gegen den Ball tritt, ins Eichsfeld gebracht.

„Ich bin mit Abstand der Älteste in der Mannschaft. In den vergangenen Monaten bin ich 850 Kilometer allein gelaufen und habe zehn Kilo abgenommen, um mit den jungen Spielern mithalten zu können“, erzählt der Vater eines vierjährigen Sohnes. Das neue Amt soll ihn nicht vom Fußball abhalten. „Ich bin schon regelmäßig zum Training gefahren und habe mir vorgenommen, die Saison auf jeden Fall in Breitenberg noch zu Ende zu spielen und mit der Mannschaft den Klassenerhalt zu schaffen.“

Daniel Quade
Daniel Quade ©

Thomas Müller als Zuschauer

In seinem Heimatverein SV Südharz hat er lange gespielt, gehörte als junger Fußballer zum Oberliga-Kader („Da hatte ich nur Kurzeinsätze“), wurde später beim Bezirksoberligisten VfR Osterode im linken Mittelfeld zum Stammspieler. Als es ihn beruflich für fünf Jahre an den Starnberger See zog, hat er dort mit Zweitspielrecht in der 1. Kreisklasse gespielt und ist auch mit dem FC Penzberg gegen Simon Müller, den Bruder von Bayern-Stürmer Thomas Müller, angetreten. „Der hat dann auch manchmal zugeschaut. Wer kann das schon behaupten, einen Weltmeister als Zuschauer gehabt zu haben“, sagt Quade.

Beruflich hat es ihn dann zurück nach Niedersachsen verschlagen. Inzwischen ist der ausgebildete Sparkassen-Kaufmann als Vertriebstrainer und Coach rund um das Wertpapiergeschäft in Niedersachsen tätig, arbeitet auch mit der Sparkasse Göttingen und der Sparkassen Akademie in Hannover zusammen. „Ja, ich brauche ein gutes Zeitmanagement. Mein Arbeitstag endet nicht pünktlich um 18 Uhr. Meine Frau hat mich so kennengelernt, wir nehmen uns als Familie den Freiraum, den wir brauchen. Und den Sport brauche ich als Ausgleich, um den Kopf frei zu bekommen“, erzählt Quade.

Seit 2016 im Stadtrat vertreten

Seit 2016 engagiert er sich in der Lokalpolitik, sitzt im Stadtrat. Drei Jahre später rückte er in den Kreistag auf. Über einen Freund fand er Zugang zur Politik. „Ich möchte Bad Sachsa und die Ortsteile voranbringen. Wir können von der Krippe bis zum Abitur alles bieten, was Familien brauchen. Die Gegend ist strukturschwach, früher waren wir Zonenrandgebiet, und es ging nur in eine Richtung. Heute ist es durch die gute Verkehrsanbindung nach Göttingen und Nordhausen nicht weit.“

Quade hat Visionen, und die sind auf mehr als eine sechsjährige Wahlperiode ausgelegt. Er sei zwar FDP-Mitglied, habe seinen Wahlkampf aber überparteilich geführt und versucht, viele Brücken zu bauen. Das muss er auch, denn mit nur zwei FDP-Sitzen im Stadtrat ist er auf die Kooperation mit anderen Parteien angewiesen.

Stichwahl war zunächst das Ziel

Dass er gleich im ersten Wahlgang der Bürgermeisterwahl 52,5 Prozent der Stimmen erreicht hat, habe ihn gewundert. Zur Wahl war es gekommen, weil durch einen Bürgerentscheid die Fusion mit Walkenried und Bad Lauterberg zu einer Südharz-Region abgelehnt worden war und zwangsläufig danach – binnen sechs Monaten – ein neuer Bürgermeister gewählt werden musste. „Ich bin angetreten, um in die Stichwahl zu kommen. Dass es so läuft, hätte ich im Traum nicht gedacht.“ Seine Mitbewerber kamen auf 35,3 Prozent (SPD) und 12,1 Prozent (CDU).

Mehr vom Sport in der Region

Den Grund für diese hohe Akzeptanz sieht er vor allem darin, dass er sich als Erster der drei Kandidaten entschlossen hatte anzutreten. „Ich hatte schon ein Programm, als die anderen noch über Personalien gesprochen haben. Und dann ist es mir gelungen, die Initiatoren des Bürgerentscheids, die damals eigentlich gegen die von mir favorisierte Fusion gestimmt hatten, auf meine Seite zu ziehen. Jetzt werde ich sechs Jahre Vollgas geben“, verspricht der 35-Jährige. Noch steht allerdings nicht fest, wann er auf das Gaspedal treten darf, mit seinem Arbeitgeber verhandelt er noch über die Kündigungsfrist. Er rechnet aber damit, im ersten Quartal des Jahres 2021 seinen Schreibtisch im Rathaus von Bad Sachsa zu besetzen.

Gemeinsamer Beschluss der Familie

Beruflich sei der Wechsel „ein großer Einschnitt, den der Familienrat gemeinsam beschlossen hat und für den es keinen Weg komplett zurück gibt. Meine Vision ist es, mich mehrere Wahlperioden lang für Bad Sachsa zu engagieren. Bis jemand kommt, der neue Ideen mitbringt“, blickt Quade weit voraus und nennt es ein „schönes Gefühl“, so viel Akzeptanz zu erfahren. Mehr als 700 Nachrichten sind über die verschiedenen Kanäle seit Sonntagabend bei ihm eingetrudelt. „Ich bin einfach nur überwältigt.“