29. April 2021 / 19:03 Uhr

Maskenball auf matschiger Bühne: Als der RSE den Aufstieg in die 4. Liga feierte 

Maskenball auf matschiger Bühne: Als der RSE den Aufstieg in die 4. Liga feierte 

Dirk Drews
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Jubelrudel: Die Spieler des RSE kriegen sich nicht wieder ein. 
Jubelrudel: Die Spieler des RSE kriegen sich nicht wieder ein.  © Team zur Nieden
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Es gibt Momente im Sportlerleben, die vergisst man nie. Spiele, bei denen man jetzt noch genau weiß, wo man sie damals verfolgt oder wie man sie erlebt hat. Auch der SV Ramlingen/Ehlershausen hat eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Der SPORTBUZZER blickt zurück, wie der Traum vom Aufstieg in die Oberliga, damals als 4. Liga die höchste Klasse Norddeutschlands, im Jahr 2006 wahr wurde.

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Den Einband der zum diesjährigen Vereinsgeburtstag herausgegebenen und 113 Seiten umfassenden Chronik „Der Ball. Das Dorf. Der RSE. 100 Jahre SV Ramlingen/Ehlershausen von 1921 e. V.“ ziert als Titelfoto die jubelnde Aufstiegsmannschaft von 2006. Umringt von feiernden Fans liegen auf dem matschigen Rasen am Akazienweg siegestrunkene RSE-Kicker. Sie tragen über den verschmutzten Trikots weiße ­T-Shirts mit dem Aufdruck „Wer zuletzt lacht …“.

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„Auf der Rückseite stand groß ,Oberliga-Aufstieg 27.05.2006‘“, sagt Kurt Becker, der als Trainer die Partie hautnah miterlebte. „Bei strömendem Regen und ganz schwierigen Platzverhältnissen hatten wir vor 1150 Zuschauern im Herzschlagfinale der Niedersachsenliga den TSV Fortuna Sachsenross mit 3:0 besiegt und mit der Meisterschaft und dem Sprung in die Oberliga Nord den größten Erfolg der Vereinsgeschichte realisiert“, beschreibt Becker.

Maskiert im Matsch: Jörg Brüning trifft im „Finale“ binnen fünf Minuten gleich doppelt. 
Maskiert im Matsch: Jörg Brüning trifft im „Finale“ binnen fünf Minuten gleich doppelt.  © Team zur Nieden

Mit Gesichtsmaske zum Matchwinner

Zum Matchwinner wurde dabei mit Jörg Brüning ein Akteur, der zuvor im Spiel beim Aufstiegskonkurrenten VfB Oldenburg einen Hautriss am Jochbein erlitten hatte. Sein Einsatz stand auf der Kippe, aber mit einer extra angefertigten Gesichtsmaske ausgestattet, entpuppte sich der defensive Mittelfeldspieler als Torjäger. Der Aufstiegsheld traf in der 61. Minute nach Pass von Elvedin Sabotic und per 25-Meter-Kracher in der 65. Minute doppelt zum 2:0.

Nachdem Torwart Martin Kunka einen Elfmeter des Fortunen und heutigen Trainers des TSV Krähenwinkel/Kaltenweide Pascal Preuß abgewehrt hatte (74. Minute), setzte Sabotic in der 83. Minute den Schlusspunkt zum 3:0. „Es war ein dramatisches Saisonfinale mit unserem Maskenmann als Held. Wir haben bis in die frühen Morgenstunden gefeiert“, sagt Becker.

Berg macht gegen Oldenburg alles klar

Dass es für den RSE überhaupt noch zum Happy End kommen konnte, hängt mit dem großen Teamgeist zusammen. „Wir waren nach der Niederlage beim FC Schüttorf eigentlich schon weg vom Fenster, doch das Team hat Charakter gezeigt und innerhalb von drei Tagen mit Siegen gegen den VfB Oldenburg und die Fortunen den großen Triumph doch noch perfekt gemacht“, sagt Becker. „Ausnahmezustand auf dem Ramlinger Waldsportplatz“ lautete damals die Schlagzeile im „Anzeiger für Burgdorf“.

Zwei Tage vor dem finalen Erfolg gab es das vorentscheidende Match gegen den VfB Oldenburg. Nach dem 1:0-Sieg des RSE (das goldene Tor erzielte Andreas Berg) strömten zahlreiche der über 1000 VfB-Fans unter den 2150 Besuchern auf das Spielfeld. „Es wurden Bierbecher geworfen, es gab Rangeleien, und ein Teil unserer Bande wurde kaputt getreten. Gewaltbereite VfB-Fans mussten von Ordnungshütern bis in ihre Heimat begleitet werden“, erinnert sich Rüdiger Solisch, der damals als Sicherheitsbeauftragter des RSE eingesetzt wurde.

Komm in meine Arme: RSE-Trainer Kurt Becker (links) lässt am Seitenrand seiner Freude freien Lauf. 
Komm in meine Arme: RSE-Trainer Kurt Becker (links) lässt am Seitenrand seiner Freude freien Lauf.  © Team zur Nieden

"Wo liegt Rammelshausen?"

Während die Oldenburger direkt vor dem TSV Havelse auf dem zweiten Platz des Endklassements der Staffel West landeten, hatten die punktgleichen Ramlinger die Nase vorn – und krönten die tolle Saison noch mit einem weiteren Titel. Denn am 3. Juni wurde der SV Ramlingen/Ehlershausen mit einem 9:8-Sieg (nach Elfmeterschießen) und insgesamt fünf Toren von Alex de Andrade über den VSK Osterholz-Scharmbeck (Staffelsieger Ost) der 50. Niedersachsen-Meister.

In die höchste norddeutsche Liga startete der Aufsteiger im August mit einem 1:1 beim späteren Meister VfL Wolfsburg II vielversprechend. „Wo liegt Rammelshausen?“, fragten sich damals die Offiziellen vom Klub aus der Volkswagenstadt. Für den RSE war das Abenteuer 4. Liga aber letztendlich nur ein kurzes Intermezzo.

Mit Gasde zurück in die Oberliga

Als Schlusslicht stieg die Mannschaft direkt wieder ab. Nach Stationen in der Niedersachsenliga, der dann fünftklassigen Oberliga sowie zuletzt neunjähriger Zugehörigkeit zur Landesliga gelang dem RSE 2020 unter der Regie des aktuellen Trainers Philipp Gasde der Wiederaufstieg – passend zum Vereinsjubiläum.

Als Tabellenführer in der Oberliga hätte der Liganeuling an seinem 100. Geburtstag sogar für das nächste „ganz große Ding“ sorgen können – den Sprung in die Regionalliga. Der coronabedingte Saisonabbruch verhinderte jedoch den möglichen erneuten Aufstieg in die vierthöchste deutsche Spielklasse.