05. November 2020 / 16:48 Uhr

"Noch mehr Konstanz": Philipp Gasde und der RSE geben sich nicht zufrieden

"Noch mehr Konstanz": Philipp Gasde und der RSE geben sich nicht zufrieden

Ole Rottmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Spieler des SV Ramlingen/Ehlershausen hatten im bisherigen Saisonverlauf reichlich Grund zum Jubeln.
Die Spieler des SV Ramlingen/Ehlershausen hatten im bisherigen Saisonverlauf reichlich Grund zum Jubeln. © Michael Plümer
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Der SV Ramlingen/Ehlershausen ist als Tabellenführer der Oberliga in die Zwangspause gegangen - für einen Aufsteiger ist das, gelinde gesagt, aller Ehren wert. Zufrieden gibt sich Philipp Gasde damit jedoch nicht: "Wir müssen noch mehr Konstanz reinbekommen", fordert der Erfolgstrainer des RSE.

Wer von der Bundesstraße 3 in Richtung Ramlingen fährt, bekommt vor den Toren des Ortes direkt etwas vom Selbstverständnis der rund 550 Einwohner mit. „Dorf der Könige“ – dieser Zusatz prangt nebst Krone am Ortsschild. Nun bezieht sich der Slogan sicher nicht auf die Oberligakicker des SV Ramlingen/Ehlershausen, sondern eher auf den lokalen Brauch, Jahr für Jahr einen Erntekönig zu küren.

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Doch auch die Fußballer schwingen nach dem Durchmarsch in der Landesliga eine Etage höher als Tabellenführer selbstbewusst das Zepter. Warum läuft es schon wieder so gut?

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Die Mannschaft

Da wächst was zusammen. Die wenigen Neuzugänge haben mit dem Erfolgsstamm der Vorsaison rasch eine gemeinsame Linie gefunden. In der Kabine aufgenommene und den sozialen Netzwerken veröffentlichte Jubelfotos mit blanken Oberkörpern, sonst eher von Profis bekannt, dokumentieren den Zusammenhalt. Wie gefestigt eine Gruppe in Wahrheit ist, zeige sich vor allem im Misserfolg, werfen Skeptiker gern mahnend ein.

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Nachdem das Team in der vergangenen Saison fast nur gewonnen hatte, ging es nach dem Aufstieg mit drei Siegen ohne Gegentor zunächst so weiter. Es folgten zwei Niederlagen, doch den plötzlichen freien Fall – häufiges Schicksal von Aufsteigern in der Vergangenheit – konnte der RSE verhindern. Auch das Verlieren samt Ziehen der richtigen Lehren daraus gelingt ihm also.

Sicher ist es dabei ein Plus, dass Ausfälle von der Bank kompensiert werden können. Egal, ob in der Abwehrreihe, der Offensive oder – nach der Kopfverletzung des unumstrittenen Marcel Maluck – mit dem jungen Blazej Gajda im Tor. Trainer Philipp Gasde kann ohne große Qualitätseinbußen nachlegen. Im Mai hatte der Sportliche Leiter Kurt Becker versprochen, jede Position doppelt besetzen zu wollen. Seine Worte haben dem Belastungstest im Echtbetrieb standgehalten.

Der Trainer

Seit knapp zwei Jahren ist Gasde nun in Ramlingen der Chef am Spielfeldrand. Nach dem misslungenen Versuch mit Philippe Harms hat die Klubführung nach der Ära Becker nun offenbar den Richtigen gefunden. Mit Ruhe, Akribie und Sachverstand übt der Lehrer aus Hameln sein Amt aus.

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Levestes Sascha Romaus überwindet Kirchdorfs Schlussmann Jens Trampenau und trifft zum vermeintlichen 1:1-Ausgleich. Zur Galerie
Levestes Sascha Romaus überwindet Kirchdorfs Schlussmann Jens Trampenau und trifft zum vermeintlichen 1:1-Ausgleich. ©

An der Linie sieht man den 37-jährigen Ex-Kicker der PSV Eindhoven und des FC St. Pauli II meist hockend. „Ich gehe gerne runter“, sagt er lachend. „Dann sehe ich das Ganze für mich besser. Auf einen Stuhl kann ich mich nicht setzen.“ Dass er sich im Verein wohlfühlt, hat er schon häufiger kundgetan. „Und wenn man sieht, wie die Entwicklung ist, scheine ich nicht alles falsch zu machen“, ergänzt Gasde. Doch er mahnt auch: „Klar sind wir Erster. Aber wir haben bloß 17 Punkte. Optimal wären 27 gewesen – da fehlen also zehn.“

Die Stärken

Die Ausgeglichenheit. Nicht nur anhand der Vielzahl verschiedener Torschützen (hinter den intern führenden Utku Kani und Louis Engelbrecht mit je vier Treffern tummeln sich sieben weitere Ramlinger in der Torschützenliste) lässt sich erahnen, dass die Stärke des RSE 2020 vor allem darin besteht, dass er keine echte Schwäche hat.

Dennoch hebt Gasde ein paar Akteure heraus: Christopher Weindl („Letzte Saison hat er nur ein einziges Spiel gemacht, diese Saison war er bisher extrem stark“), Linksverteidiger Lasse Neubert, der vor der Saison vom 1. FC Wunstorf nach Ramlingen wechselte und sich direkt in den Fokus spielte, sowie Steffen von Pleß („In der ersten Corona-Zeit hat er einiges im Fitnessbereich getan“) und Johannes Lübow („Er hat über meine gesamte Zeit den größten Schritt gemacht“).

Und Kani, der im Sommer vom 1. FC Germania Egestorf/Langreder kam und bei neun Einsätzen achtmal eingewechselt wurde? „Der stärkste Joker, den ich als Trainer je gesehen habe“, lobt Gasde.

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Die Schwächen

Wenn der Gegner zum Standard anläuft, kann Vizekapitän Maluck im Kasten sich schon einmal auf brenzlige Momente einstellen. So setzte es die erste Niederlage gegen den 1. FC Germania Egestorf/Langreder (1:2) bezeichnenderweise nach Gegentoren, die beide einem Freistoß entsprangen.

„Da müssen wir uns definitiv entwickeln“, weiß auch Gasde, der damit jedoch nicht ausschließlich das Verteidigen der bereits ruhenden Bälle meint. „Wir sollten vor allem daran arbeiten, dass es gar nicht erst zu Standardsituationen kommt“, sagt er. „Überhaupt müssen wir noch mehr Konstanz reinbekommen und in jedem Spiel über 90 Minuten die richtige Einstellung zeigen.“

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Hozan Partawie (SG Letter 05): Im Auswärtsspiel beim SV Türkay Spor Garbsen hat der 35-jährige Torhüter drei Elfmeter binnen drei Minuten pariert. Dafür wurde er mit 29,4 Prozent der Stimmen der Held der Woche. ©

Die Aussichten

Eine seriöse Prognose fällt zum jetzigen Zeitpunkt schwer, zumal noch nicht klar ist, wie mit der unterbrochenen Saison weiter verfahren wird. Klar ist jedoch, dass ein Tabellenerster – und sei es wie im Ramlinger Fall auch mit einer höheren Zahl absolvierter Partien als die Konkurrenz – nicht das Ziel Klassenerhalt ausgeben kann.

Hinter dem Ortsschild passieren Besucher auf dem Weg zur Sportanlage übrigens die Einmündung zur Vizestraße. Platz zwei am Ende – das wäre als Neuling fraglos ein Erfolg. Doch muss das ja noch nicht das Ende sein. Rechter Hand folgt direkt die nächste Abzweigung. Zur Goldkuhle. Im Dorf der Könige geht es schließlich feudal zu.