01. Januar 2022 / 15:06 Uhr

"Eine Herzensangelegenheit": Jürgen Stern blickt zurück auf 22 Jahre RSE-Vorsitz

"Eine Herzensangelegenheit": Jürgen Stern blickt zurück auf 22 Jahre RSE-Vorsitz

Christian Purbs
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Entspannt: Jürgen Stern hat in 22 Jahren als RSE-Vorsitzender den Klub geprägt. Der Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit geworden, sagt er.
Entspannt: Jürgen Stern hat in 22 Jahren als RSE-Vorsitzender den Klub geprägt. "Der Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit geworden", sagt er. © Debbie Jayne Kinsey
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22 Jahre lang ist Jürgen Stern Vorsitzender des SV Ramlingen-Ehlershausen gewesen, kürzlich hat er den Stab an Kurt Becker abgegeben. "Der Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit geworden und Teil meines Lebens", sagt der 78-Jährige.

Es sei ein schöner Abschluss gewesen, sagt Jürgen Stern. Ein besonderer Augenblick, aber einer ohne Wehmut. Mit viel Beifall und stehenden Ovationen drückten die Mitglieder des SV Ramlingen-Ehlershausen auf der Jahresversammlung Mitte Oktober dem scheidenden Klubchef ihre Wertschätzung und ihren Dank für die vergangenen 22 Jahre aus, in denen Stern den Fußballverein geleitet und zu dem gemacht hat, was er heute ist: eine Topadresse in der Region.

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„Mir war bewusst, dass ich diese Versammlung an diesem Abend zum letzten Mal leiten werde. Der Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit geworden und Teil meines Lebens. Aber mit 78 Jahren muss man nicht mehr einen Fußballverein führen, da müssen jetzt Jüngere ran“, sagt Stern, der den Stab an seinen Nachfolger Kurt Becker weitergegeben hat.

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Über den Applaus bei seiner Verabschiedung habe er sich gefreut, er sei auch gerührt gewesen, sagt der Ehlershäuser. Stern ist jedoch keiner, der sich zurücklehnt und auf dem Erreichten ausruht. Auch dann nicht, wenn er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so kann, wie er gerne möchte. Er war und ist ein Macher, der die Menschen mitnehmen und begeistern kann. Und schon zu den Zeiten ein ausgezeichneter Netzwerker war, als es diese Wortschöpfung noch gar nicht gab.


So überrascht es auch nicht, wenn er erzählt, was ihm bei seiner Verabschiedung so durch den Kopf gegangen ist. „Nicht der sportliche Bereich, der ist ja seit Jahren bei Kurt in guten Händen. Mich hat die Frage bewegt, was wir im sozialen Bereich mit den Möglichkeiten, die wir im Verein haben, nicht noch mehr machen können.“

Soziale Projekt - "da geht noch mehr"

Viel Gutes hat Stern zusammen mit den zahlreichen Helfern im Klub und den mehr als 100 RSE-Sponsoren in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht. Mit der Aktion „Seid fair zu den Schiris“, fing der RSE vor 20 Jahren an, auch abseits von Toren und Tabellen ein Zeichen zu setzen. „Das war unsere Reaktion drauf, dass immer mehr Schiedsrichter beschimpft und bedroht wurden“, sagt der in Essen aufgewachsene Vater einer Tochter und eines Sohnes.

Andere Projekte wie etwa die Kampagne „Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ sowie eine Kooperation mit dem Klinikum Wahrendorff folgten. „Da geht aber noch mehr. Ich habe so viele Ideen und werde den Verein auch weiterhin bei den sozialen Projekten unterstützen“, sagt Stern.

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Viel von dem, was er im Sozialen und Sportlichen angeschoben hat, prägt den Verein auch heute noch. Ganz sicher trifft das auch auf seinen Nachfolger und jahrelangen RSE-Trainer Kurt Becker zu. Der Start der beiden vor mehr als 20 Jahren war jedoch etwas holprig, um ein Haar wäre die Entlassung von Becker die erste Amtshandlung des neuen RSE-Vorsitzenden gewesen.

„Kurt war gerade von meinem Vorgänger als Trainer engagiert worden. Kaum war ich Vorsitzender, da wollte er schon wieder weg. Er kam zu mir und sagte, dass er ein Angebot von TuS Celle habe. Da habe ich geantwortet: ,Dann geh doch‘“, erzählt Stern und lacht. „Wir haben uns dann in Ruhe unterhalten. Ich habe ihm gesagt, dass es schön werde, wenn er bleibt.“ Becker sagte in Celle ab und blieb bis heute. „Was ich damals ja noch nicht wusste, war, dass er genauso fußballverrückt ist wie ich. Mindestens“, sagt Stern.

Klaus Fischer und die Fischgräte

Ein bisschen verrückt war auch das „wahnsinnige Freundschaftsspiel mit den Altinternationalen“, das sich der RSE im September 1991 zu seinem 70. Geburtstag gönnte. Zum Promiteam gehörten auch ehemalige Nationalspieler wie Dieter Burdenski, Klaus Fischer, Bernd und Karlheinz Förster, Manfred Kaltz und Rüdiger Abramczik.

Der frühere Nationaltorwart Burdenski managte die Traditionsmannschaft und brachte zu der Verhandlung vor dem Spiel ein Fotoalbum mit nach Ramlingen, aus dem sich Stern die Spieler für den Kick in Ramlingen aussuchen konnte. „Er hat mich gefragt, wen ich habe möchte“, erinnert sich der ehemalige RSE-Klubchef. „Ich habe den Katalog durchgeblättert und bei 22 000 Mark aufgehört. Der nächste Spieler war Karl-Heinz Rummenigge, der hätte noch mal 8000 Mark gekostet. Das war mir zu viel“, erzählt Stern, der auch heute noch schmunzeln muss, wenn er an die Nationalspieler aus dem Katalog denkt. Zumal einer von ihnen für ein kurioses Nachspiel sorgte. „Klaus Fischer mussten wir sogar noch zum Arzt fahren, weil er sich beim Essen nach dem Spiel an einer Fischgräte verschluckt hatte“, berichtet Stern.

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2001: Die Ramlinger feiern ihr 80-jähriges Vereinsbestehen. Gernot Leipold schießt den damaligen Fünftligisten in Führung, doch 96 behält mit 4:1 die Oberhand. Zur Galerie
2001: Die Ramlinger feiern ihr 80-jähriges Vereinsbestehen. Gernot Leipold schießt den damaligen Fünftligisten in Führung, doch 96 behält mit 4:1 die Oberhand. ©

Prominenten Besuch am Akazienweg hat es jahrelang auch von Hannover 96 gegeben, Basis für die Spiele der Profis dort ist die Freundschaft zwischen Stern und 96-Chef Martin Kind. Ganz besonders am Herzen liegen dem 78-Jährigen jedoch die Duelle der Amateurteams aus der Region, die sich jeden Sommer genau wie Stern auf den Porta-Pokal in Ramlingen freuen. „34 Jahre Porta-Pokal, das ist schon Wahnsinn. Die halten schon so lange zu uns, auch in der Pandemie. Wir überlegen jedes Jahr aufs Neue, was wir noch tun können, um das Turnier noch attraktiver und populärer zu machen“, sagt der frühere Verlagsleiter von Madsack.

Der Porta-Pokal, die erfolgreiche Oberliga-Mannschaft, die sozialen Projekte, das große ehrenamtliche Engagement im Klub – all das sind Puzzleteilchen, die zusammengefügt das ausmachen, was Stern an seinem RSE so schätzt. „Martin Kind wollte 96 immer zu einer Marke entwickeln. Das habe ich für den RSE übernommen. Die Marke RSE soll stehen für Sport, Zuverlässigkeit, gute Führung, Menschlichkeit sowie Kampf gegen Rassismus und Gewalt. So ein Bild würde ich gern von dem Verein rund um unser Logo ma­len“, sagt Stern. Auch wenn das Bild noch ein paar Farbtupfer vertragen kann: Der Anfang ist längst gemacht.