12. Januar 2021 / 16:50 Uhr

Sven Schmelzer: Kompletter Umbruch in der Wendezeit

Sven Schmelzer: Kompletter Umbruch in der Wendezeit

Lars Sittig
Märkische Allgemeine Zeitung
Kampfstark, dynamisch, gut: Sven Schmelzer (M.) 1999 im Trikot der SG Bornim in einer Partie gegen Ketzin/Falkenrehde (l., Mike Swirkowski).
Kampfstark, dynamisch, gut: Sven Schmelzer (M.) 1999 im Trikot der SG Bornim in einer Partie gegen Ketzin/Falkenrehde (l., Mike Swirkowski). © Lothar Benesch
Anzeige

FK Dahme/Fläming: Der Defensivmann erlebte die Saison 1989/90 als Berufsfußballspieler – und musste sich völlig neu orientieren.

Anzeige

Der kalte Wind des Wendewinters pfiff durch das Stadion in Ostberlin, auf den Tribünen klafften große Lücken. Torjubel schallte nicht durch die Arena während der umkämpften DDR-Liga-Begegnung – die Momente damals in der Kultstätte an der Wuhlheide sind bei Sven Schmelzer trotzdem in guter Erinnerung geblieben. „Mein erstes Spiel in der DDR-Liga für Motor Ludwigsfelde, das ich ausgerechnet in der Alten Försterei gegen Union Berlin absolvierte, gehörte auf jeden Fall zu den Höhepunkten meiner Laufbahn und auch während der Saison 1989/90.“ Vor fast genau 31 Jahren hatte der damals 20-Jährige sein Debüt für die BSG Motor in der Staffel A der zweithöchsten ostdeutschen Spielklasse gegeben: Im Sommer 1989 war er als Nachwuchstalent in den gut besetzten Kader der Betriebs-Sport-Gemeinschaft gerutscht – die mit dem mächtigen IFA-Werk im Rücken ein gut bezahltes Ensemble unter Profi-Bedingungen unterhielt. Bevor der Defensivmann aber Fuß fassen konnte, war der Traum vom Leben als Berufsfußballer im VEB Automobilwerke Ludwigsfelde schon wieder vorbei. Die Saison 1989/90 sollte die letzte unter Regie der Trägerbetriebe und des DDR-Fußball-Verbandes DFV sein.

Anzeige

„Das war eine chaotische Spielzeit, das kann man definitiv so sagen“, erinnert sich Sven Schmelzer, „Motor hatte sich im Sommer noch einmal mit guten Spielern verstärkt, aber es kamen dann einige nicht mehr.“ Der schrumpfende Personalbestand, der bröckelte wie die DDR drumherum, wurde zur Chance für das Talent: In der Rückrunde stieg der Rechtsfuß zum Stammspieler auf, während der DDR-Fußball in die Vereinigungsmasse abrutschte. Brachiale Umwälzungen und Scouts gaben sich die Klinke in die Hand, auch im Sport herrschte Goldgräberstimmung – mit der Hoffnung auf große Gagen. Sven Schmelzer aber hatte die Bodenhaftung und einen realistischen Blick für Rubel und Realität nicht verloren. „Mir ist in diesem halben Jahr in der DDR-Liga klar geworden, dass es für ganz oben bei mir zu große Defizite gab. Zu meinen Mitspielern gehörte auch Norbert Rudolph, der sieben Jahre beim FC Vorwärts Frankfurt in der Oberliga gespielt hat. Ich habe viel von ihm gelernt – aber ich habe auch gesehen, dass ich von seinem Niveau weit entfernt war. Es gab zwei Anfragen von Westvereinen und die hätten mich auch nach einem Probetraining genommen, aber das hat mich nicht überzeugt. Ich hatte entschieden, mich um meine berufliche Laufbahn zu kümmern. In der kommenden Saison haben wir in der Bezirksliga gespielt, ich habe als Schlosser im IFA-Werk gearbeitet und mich später weiter qualifiziert. Seit 2006 bin ich als Meister im Werk tätig.“

Mehr zum Sport in der Region

Sportlich war die turbulente Wende-Saison für Sven Schmelzer und die Motor-Equipe wenig erfolgreich geendet: Das Team war im ersten Nachwendesommer in die dritte Liga abgestiegen. Sven Schmelzer hatte von Februar bis Ende Mai als Stammkraft drei Unentschieden und sieben Niederlagen, die Umbenennung in „SG“ und ein dramatisches Saisonfinale miterlebt, in dem Ludwigsfelde aus der zweithöchsten DDR-Punktspielklasse auf die Bezirksebene abrutschte. Am Ende der Spielzeit, nach der mehrere Vertretungen zurückgezogen oder aufgelöst wurden, hatte sich Prenzlau mit einem mehr erkämpften Zähler den Verbleib in der DDR-Liga gesichert, die ihre Abschlusssaison als „NOFV-Liga“ erlebte.

Als die Wirrungen und Wendungen des Systemwechsels verebbten, startete der gut ausgebildete und körperlich robuste Schmelzer abseits der ganz großen Arenen eine beachtliche regionale Laufbahn: In den 1990er Jahren prägte er die großen Zeiten der SG Bornim mit, die nach einem spektakulären Titelkampf mit dem SV Babelsberg in der Verbandsliga-Spielzeit 1994/1995 in die NOFV-Oberliga aufgestiegen war. Wie schon in Ludwigsfelde gehörte Uwe Patz zu seinen Mitstreitern. Zwischen 1995 und 1998 bestritt Schmelzer für die Sport-Gemeinschaft im Norden Potsdams in der vierthöchsten Spielklasse 53 Partien, darunter auch ein Duell, das wegen der Rückkehr an einen besonderen Ort der Vergangenheit bis heute haften geblieben ist. „Mit der SG Bornim bin ich in Magdeburg gegen den FCM angetreten. Auf dem Hauptplatz aufzulaufen im Ernst-Grube-Stadion, was mir während meiner aktiven Zeit beim Club verwehrt geblieben war, war schon ein besonderes Erlebnis.“ Beim FCM hatte Sven Schmelzer, der in Nordhausen in Thüringen zur Welt gekommen und später nach Wolmirstedt in der Nähe von Magdeburg gezogen war, von der siebenten Klasse an die Kinder- und Jugend-Sportschule (KJS) besucht. Am Ende seiner Zeit im Nachwuchsbereich hatte er in der Junioren-Oberliga gespielt – das Talent war auf der obersten Ebene angekommen. Der Schritt in das mit Stars gut bestückte Ensemble des Europapokalsiegers von 1974 aber gelang nicht. „In die von Hans-Joachim Streich trainierte erste Mannschaft führte kein Weg hinein. Ich bin deshalb nach Ludwigsfelde gewechselt, was ich aber überhaupt nicht als Abstieg gesehen habe, denn der Verein war ja auch bestens aufgestellt.“ Es sollte ein bleibender Ortswechsel werden – bis heute ist Ludwigsfelde Sven Schmelzers Lebensmittelpunkt geblieben.

Der Ehrgeiz packte Sven Schmelzer noch einmal: Mitte der 1990er Jahre zog es ihn wieder Richtung Profilager. „Meinen Beruf hätte ich nicht aufgegeben, aber ich hatte mir vorgenommen, nochmal zweigleisig zu fahren – zumal es entsprechende Angebote gab. Ich bin deshalb zum Spandauer SV gewechselt." Im Trikot des Vereins im Berliner Westen bestritt der Abwehrmann in der Spielzeit 1996/97 insgesamt 30 Partien in der Regionalliga Nord/Ost. Klangvolle Namen, regelmäßig große Kulissen und ein ordentlicher Hauch der großen Welt des Fußballs: Zu den Kontrahenten gehörten Clubs wie Rot-Weiß Erfurt, Erzgebirge Aue oder Dynamo Dresden – im Rudolf-Harbig-Stadion kickte Sven Schmelzer vor knapp 5000 Fans. „Das war sportlich sehr reizvoll, mit dem SSV habe ich in der dritten Liga gegen viele der großen Ostvereine und Gegenspieler mit großen Namen gespielt, unter anderem gegen den Chemnitzer FC mit Michael Ballack. Mir wurde aber der Aufwand zu groß. Letztendlich wurde das Leben vom Fußball dominiert. Als mein Sohn geboren wurde, haben sich die Prioritäten geändert. Ich bin nach Bornim zurückgekehrt und später nach Ludwigsfelde.“

Sven Schmelzer (hintere Reihe, 2. v. r.) 1989 im Trikot der Betriebssportgemeinschaft SG Motor Ludwigsfelde.
Sven Schmelzer (hintere Reihe, 2. v. r.) 1989 im Trikot der Betriebssportgemeinschaft SG Motor Ludwigsfelde. © privat

Noch einmal erlebt er mit dem Landespokalsieg 2003, dem DFB-Pokalspiel gegen Werder Bremen und dem Aufstieg in die Oberliga 2004 glanzvolle Momente, dann sind die wilden sportlichen Zeiten vorbei. Inzwischen kickt Sven Schmelzer im Altherren-Team des Ludwigsfelder FC. Auf die Vergangenheit blickt er mit der beruhigenden Gewissheit zurück, trotz aller Rivalität ein korrekter, fairer und respektierter Sportsmann gewesen zu sein und das Richtige getan zu haben – auch in Sachen Karriereplanung. „Ich bin froh, dass alles so gekommen ist. Klar würde man im Nachhinein mit dem Wissen von heute auch Dinge anders machen, aber im Großen und Ganzen war das okay und hatte seinen Sinn. Es gab viele schöne Erlebnisse auf dem Fußballplatz, an die ich gerne zurückdenke. Auch in der turbulenten Wendezeit vor 30 Jahren.“