29. Dezember 2018 / 17:45 Uhr

Sven Thoß im Interview: "Gibt nicht den typischen Karriereplan"

Sven Thoß im Interview: "Gibt nicht den typischen Karriereplan"

Mirko Jablonowski
Märkische Allgemeine Zeitung
Seit knapp einem halben Jahr arbeitet Sven Thoß als Nachwuchstrainer in China.
Seit knapp einem halben Jahr arbeitet Sven Thoß als Nachwuchstrainer in China.
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Der 52-jährige gebürtige Potsdamer berichtet über seine Erfahrungen als Nachwuchstrainer in China.

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Mit einem freundlichen „nǐ hǎo“ und leichtem Händedruck eröffnet Sven Thoß seinen Redaktionsbesuch beim SPORTBUZZER. „Man drückt beim Handgeben in China nicht zu doll zu, das gehört sich nicht“, erläutert der gebürtige Potsdamer, der über Weihnachten und Neujahr in seiner Geburtsstadt weilt und im vergangenen Jahr den großen Schritt ins Reich der Mitte wagte. Im Interview spricht der 52-Jährige unter anderem über die größten Unterschiede zwischen dem chinesischen und europäischen Fußball, das Leben in einer Acht-Millionen-Einwohner-Stadt und die Bedeutung seines Dolmetschers.

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Roger Schmidt, ehemaliger Trainer von Bayer Leverkusen und jüngst chinesischer Pokalsieger mit Beijing Sinobo Guoan sagte jüngst: „Es gibt Sachen, die man in China akzeptieren muss. Sonst ist es schwer, dort zu arbeiten.“ Stimmen Sie ihm zu?

Sven Thoß: Absolut!

Haben Sie ein Beispiel parat?

Man lässt sich in China nicht zu 100 Prozent auf die Art und Weise ein, wie in Europa Fußball gespielt und trainiert wird. Das geht bei der Trainingsintensität los. Bei mir ist es zum Beispiel vorgeschrieben, dass ich mit meinen Spielern im B-Jugend-Alter acht Mal in der Woche trainieren muss…

…was bei subtropischen Klimaverhältnissen und einer Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent besonders skurril erscheint.

Ja. In China hat man aber noch immer die Denke aus Fleißsportarten wie Turnen oder Schwimmen verinnerlicht, dass viel auch viel hilft. Zudem geht es vorrangig um ein starkes Kollektiv – Individualisten und Unterschiedsspieler sind nicht gewollt. Die Spieler dürfen bei Nachwuchsturnieren keine Tattoos zeigen und müssen ihre ursprüngliche Haarfarbe tragen. Das wird vorgeschrieben und hat dann auch so umgesetzt zu werden. Auf Trainingssteuerung oder physiotherapeutische Betreuung wird anders als in Europa aber gar kein Wert gelegt. Auch darüber hinaus muss man sich auf einige Unterschiede einstellen.

In Bildern: Die Trainerstationen von Sven Thoß.

In Bildern: Die Trainerstationen von Sven Thoß seit 1997. Zur Galerie
In Bildern: Die Trainerstationen von Sven Thoß seit 1997. ©

Wir sind gespannt.

Zum Beispiel müssen Spieler und Trainer vor einem großen Turnier alle zum Gesundheitscheck. Da ist im Krankenhaus dann ein Gewusel wie in einer Bahnhofshalle. Auch bei Ein- und Auswechslungen gibt es Unterschiede. Zudem muss jeder Akteur eine Mindesteinsatzzeit bekommen.

Sie sind als Trainer an einer Berufsschule angestellt – mit 6000 Schülern und drei Fußball-Mannschaften. Die jungen Kicker sollen auf den Job des Fußballtrainers oder Sportlehrers vorbereitet werden.

Das ist alles wahnsinnig groß. Die Sportschule in Potsdam hat 600 Schüler. Da wird man aber auch vor riesige Herausforderungen gestellt. Auf unserem Platz findet jeden Tag der Morgenappell mit Frühsport von 6000 Jugendlichen statt – deshalb sieht der Rasen inzwischen auch aus wie ein Kartoffelacker und wir müssen auf einen anderen Platz – 20 Minuten von der Schule entfernt – ausweichen.

Dabei gibt es im Nachwuchsbereich nicht einmal einen geregelten Spielbetrieb, wie man es aus Deutschland kennt.

Genau. Es gibt zwar eine Liga, aber keinen festen Rhythmus. Bei uns spielen fünf Männermannschaften mit – das ist eine Katastrophe. Da stehen die Jungs nur hinten drin, können körperlich überhaupt nicht mithalten und die Weiterentwicklung ihres eigenen Spiels bleibt auf der Strecke.

Wie bewerten Sie trotz dieser Schwierigkeiten ihr erstes Halbjahr in Asien? Das Engagement kam nach Ihrer Entlassung beim jetzigen Oberligisten FSV 63 Luckenwalde ja ziemlich plötzlich.

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Ich habe schon immer gesagt: Wo eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Wie die Trennung in Luckenwalde gelaufen ist, ärgert mich noch immer. Aber wer weiß, wofür das alles gut war. Als Fußballtrainer gibt es ohnehin nicht den typischen Karriereplan wie in anderen Berufen – dafür ist man von zu vielen Zufällen und Unwägbarkeiten abhängig.

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So wie in China, als Sie kurz nach Beginn ihrer Tätigkeit gleich an einem wichtigen Turnier teilnehmen mussten.

Da hatten wir sechs Spiele in acht Tagen, sind am Ende im Viertelfinale gegen den späteren Sieger ausgeschieden. Im Oktober haben wir dann das Halbfinale erreicht – mussten dort nach Elfmeterschießen die Segel streichen.

Eine Enttäuschung?

Für die Chinesen schon. Die sehen nur, dass im Vorjahr der Titel geholt wurde. Ich bin aber auch sehr zufrieden, wie ich trotz aller Schwierigkeiten einen Zugang zu meinen Jungs gefunden habe und sie entwickeln konnte – auch wenn das Leistungsgefälle innerhalb der Mannschaft sehr extrem ist.

Was waren die größten Herausforderungen?

Vor allem natürlich die Sprache. Ohne meinen Dolmetscher Marco, ein Hongkong-Chinese, der früher selbst Fußball gespielt hat, würde es nicht funktionieren. Er war zwischendurch eine Woche nicht da – das war der Horror.

Mit Englisch kommen Sie nicht weit?

Kaum. Die Jungs haben zwar Englisch in der Schule, aber das macht es nicht einfacher. Wenn man nicht im rund eineinhalb Stunden entfernten Hongkong ist, kann man sich von seinen Englisch-Kenntnissen hier nichts kaufen.

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Die Sportbuzzer-Wechselbörse ©

Sie kommen aus dem beschaulichen Potsdam und leben jetzt in der Acht-Millionen-Einwohner-Stadt Dongguan. Ein Kulturschock?

Natürlich ist es eine ganz andere Welt, die Dimensionen sind viel größer. Aber man gewöhnt sich an alles: Zum Beispiel den Verkehr. Mit dem Roller fährt man hier immer im Gegenverkehr – mittlerweile bin ich da selbst wie ein Chinese unterwegs. Was Infrastruktur und Technologie angeht ist man Deutschland hier um Längen voraus. Hier zahlt – bis auf die älteren Chinesen, die kein Handy haben – keiner mehr mit Bargeld. Alles läuft über das Smartphone. Das ist schon beeindruckend.

Was fehlt Ihnen aus der Heimat am meisten?

Vor allem der Austausch mit anderen Fußballern und Trainern, das Anschauen von anderen Spielen. Hier kann man sich nur schwer verständigen und der Besuch eines Spiels in einer anderen Stadt ist aufgrund der riesigen Entfernungen nicht so einfach.

Verfolgen Sie trotzdem das Sportgeschehen in Brandenburg?

Na klar! Ob Sport im Osten, Artikel im SPORTBUZZER, die Spiele der Volleyballerinnen des SC Potsdam oder Brandenburgliga-Fußball per Livestream. Ich versuch, so viel wie möglich aufzusaugen.

Bis 2034 hat China das Ziel ausgegeben, Fußball-Weltmeister zu werden. Halten Sie das für realistisch?

Aktuell und mit Blick auf die fehlenden Strukturen nicht. Würde man den Vergleich zum Hausbau ziehen: Die Chinesen fangen nicht beim Fundament, sondern irgendwo in der Mitte an. Die Man-Power wäre sicherlich vorhanden. Wenn der Fußball hier irgendwann einmal den Stellenwert vom Basketball hat, wäre das aber sicher möglich. Da sind alle Plätze immer voll – anders als beim Fußball.

Am 19. Januar 2019 steigt die 24. Auflage des Potsdamer Taverpack-Hallenmasters, das Sie einst ins Leben gerufen haben. Sie können zum ersten Mal in der Turniergeschichte nicht dabei sein. Wie viel Wehmut ist da dabei?

Natürlich schmerzt das. Aber Sebastian Michalske, mein Neffe Felix Thoß und Sven Lange haben das gut im Griff und ich wirbel im Hintergrund natürlich trotzdem mit. Wir wollen der Potsdamer Fußball-Familie wieder ein Fest bieten und ich versuche gerade, einen Livestream für mich zu organisieren.

Sieht man Sie bei der 25. Auflage im Jahr 2020 dann wieder in der MBS-Arena?

Das wird man sehen. Mein Vertrag in China läuft bis zum 6. Juli 2019. Wie es danach weitergeht, kann ich selbst noch nicht sagen. Vielleicht kehre ich in die Heimat zurück, vielleicht bleibe ich im Ausland. Ich halte mir alle Optionen offen.