21. März 2021 / 16:28 Uhr

Tabea Kemme erklärt Kandidatur als Turbine-Präsidentin: „Ich strebe einen Generationenwechsel an“

Tabea Kemme erklärt Kandidatur als Turbine-Präsidentin: „Ich strebe einen Generationenwechsel an“

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Die aktuell verletzte Nationalspielerin Tabea Kemme wurde vor dem letzten Saisonspiel des 1. FFC Turbine Potsdam gegen den SC Sand verabschiedet.
4383 Tage war Tabea Kemme Spielerin bei Turbine Potsdam, ist Publikumsliebling bei den Fans gewesen. Nun will sie Präsidentin des Vereins werden. © Jan Kuppert
Anzeige

Frauen-Bundesliga: Die ehemalige Spielerin von Turbine Potsdam hat am Sonntag ihre Kandidatur als Präsidentin des Frauenfußball-Bundesligisten angekündigt. Dem SPORTBUZZER hat Tabea Kemme ihre Beweggründe erklärt.

Anzeige

Als Spielerin prägte Tabea Kemme mehr als ein Jahrzehnt Turbine Potsdam, jetzt will sie dies auch als Präsidentin tun: Die Olympiasiegerin von 2016 kandidiert überraschend für das höchste Amt bei Turbine. „Ich strebe einen Generationenwechsel an“, sagte Kemme am Sonntag dem SPORTBUZZER, nachdem sie ihr Vorhaben via Bild am Sonntag öffentlich gemacht hatte.

Anzeige

Turbine, das ist ihr Herzensverein, das betont die 29-Jährige immer wieder. „Schon mit dem Wechsel zu Arsenal 2018 war glasklar, dass ich zurückkommen werde, um etwas zu bewirken und zu entwickeln“, sagte Kemme, die im vergangenen Jahr nach einem Knorpelschaden ihr Karriereende bekannt gegeben hatte. Drei Jahre nach ihrem Abschied will sie dieses Vorhaben in die Tat umsetzen, wofür sie ein Kompetenzteam mit rund zehn Leuten aus Politik, Wirtschaft und Medien zusammengetrommelt habe. Wer das ist, will sie nicht verraten, „eine Aufstellung gibt man ja auch erst kurz vor dem Anpfiff bekannt“, sagte sie mit einem Lachen. Es seien „Leute aus dem Turbine-Umfeld und aus dem Land Brandenburg“.

Vom 1. FFC Turbine Potsdam zu Arsenal: Die Karriere von Tabea Kemme in Bildern.

Vom 1. FFC Turbine Potsdam zu Arsenal: Die Karriere von Tabea Kemme in Bildern. Zur Galerie
Vom 1. FFC Turbine Potsdam zu Arsenal: Die Karriere von Tabea Kemme in Bildern. ©

Gemeinsam mit ihnen hat sie eine Mitteilung verfasst, die dem SPORTBUZZER vorliegt. Darin wird auch die bisherige Arbeit des Vereins kritisiert. „Die operative Vereinsarbeit ist geprägt von unökonomischem, eher kurzfristigem Handeln, welches in erster Linie auf den sportlichen Erfolg abzielt“, heißt es darin beispielsweise. Außerdem: „Potsdams Einwohnerzahl hat sich in den letzten 15 Jahren nahezu verdoppelt, unsere Mitgliederzahl hingegen nicht.“ Die Kritik zielt auf die bisherigen Verantwortlichen des ehemaligen Serienmeisters, der seit 2012 allerdings keinen Titel mehr gewonnen hat.

Präsident Rolf Kutzmutz, seit 2015 im Amt, hatte von Kemmes Kandidatur am Donnerstag von einem Vorstandsmitglied erfahren. „Ich will wieder antreten“, sagte Kutzmutz dem SPORTBUZZER. „Ich selbst war immer auf der Suche nach Frauen für den Vorstand von Turbine“, sagte Kutzmutz. Deshalb habe er sich gefreut, dass Kemme vor einiger Zeit auf ihn zugekommen sei und gefragt habe, was man tun müsse, um in den Vorstand zu kommen. „Dass sie sofort Präsidentin werden will, ist ihre Überlegung“, erklärt der 73-Jährige, der es lieber gesehen hätte, wenn Kemme zunächst Erfahrung im Vorstand gesammelt hätte. Ehrenpräsident Bernd Schröder (78), der Kemme als Spielerin gefördert hatte und zu dem sie ein besonderes Verhältnis hat, hat die Olympiasiegerin von 2016 persönlich von ihrem Vorhaben informiert. „Er hat mir die ganz klare Meinung gesagt, dass er es als zu früh empfindet“, erzählte Kemme. Und wie empfindet sie es? „Ganz ehrlich: Es ist eher zu spät.“

Kemme: Turbine schöpft Potenzial nicht aus

Andere Vereine hätten Turbine in vielen Bereichen den Rang abgelaufen, insbesondere bei der Professionalität, meinte die gebürtige Niedersächsin, das habe sie bei ihrer Station in London schnell gemerkt. „Der Verein hat ganz starke Probleme, was den Nachwuchs angeht. Zum Beispiel kommt jetzt RB Leipzig als Konkurrenz dazu, die haben ein gutes Scouting, wir müssen diesen Schritt schneller sein. Wir müssen primär eine größere Attraktivität schaffen“, sagte Kemme. „Wir haben eine Goldgrube mit dem Olympiastützpunkt, den kurzen Wegen, das war nicht mal bei Arsenal so.“

Daraus werde aus ihrer Sicht zu wenig gemacht, sogar der Deutsche Fußball-Bund habe sich schon bei ihr erkundigt und nachgefragt, warum das Potenzial nicht voll ausgeschöpft werde. Doch nicht nur mit eigenen Talenten will sie Turbine „zu alter Stärke“ zurückführen, wie sie es ausdrückt. „Wenn wir uns für die Champions League qualifizieren wollen, müssen wir eine starke Achse bilden. Wir brauchen erfahrene Spielerinnen, dafür müssen wir aber eine gewisse Attraktivität haben“, sagte Kemme. „Ich werde mich und die Ideen in Kürze auch Hertha BSC vorstellen, mit dem Turbine ja eine Kooperation hat. Diese will ich gerne stärken“, kündigte sie an.

In Bildern: Tabea Kemme und ihr Olympia-Bulli.


Nach dem Olympiasieg 2016 mit der Frauen-Nationalmannschaft kaufte sich Tabea Kemmen ihren VW Transporter. Zur Galerie
Nach dem Olympiasieg 2016 mit der Frauen-Nationalmannschaft kaufte sich Tabea Kemmen ihren VW Transporter. © Christoph Brandhorst

Am Freitag, vor der Abfahrt zum Pokal-Viertelfinale beim SC Freiburg, hat Kemme auch die Turbine-Mannschaft über ihr Vorhaben informiert. „Den Zeitpunkt finde ich unglücklich“, sagte Kutzmutz mit Blick auf mögliche Ablenkungen vor der wichtigen Partie, die 3:6 verloren ging.

Und noch ein Zeitpunkt sorgt für Dissens. Laut Kemme und ihrem Team findet am 30. Mai die nächste Mitgliederversammlung – die vor einem Jahr coronabedingt ausgefallen war – statt, bei welcher die Wahl stattfinden soll. *Kutzmutz sagte allerdings: „Der Termin ist völlig aus der Luft gegriffen.“ *