10. Juni 2021 / 09:30 Uhr

„Tagebuch für Walter Fritzsch“: Eine Zeitreise durch vier Systeme

„Tagebuch für Walter Fritzsch“: Eine Zeitreise durch vier Systeme

Winfried Wächter
Leipziger Volkszeitung
Dynamo Dresdens Coach und Vereinslegende Trainer Walter Fritzsch neben Bayern-Trainer Udo Lattek.
Dynamo Dresdens Coach und Vereinslegende Trainer Walter Fritzsch neben Bayern-Trainer Udo Lattek. © imago/Fred Joch
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Dynamo Dresdens Legende Walter Fritzsch hat Geschichte geschrieben, nicht nur in seinem Tagebuch: Der Journalist Uwe Karte hat in mühevoller Kleinarbeit den Nachlass des Meistertrainers in einem dicken Druckwerk aufbereitet – eine lesenswerte Chronik über deutsche (Fußball-)Geschichte, die Dresdner Trainerlegende und den Umgang mit Stars.

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Leipzig/Dresden. Am 5. September 1941 ist der deutsche Überfall auf die Sowjetunion wenige Wochen alt, als Walter Fritzsch notiert: „Früh 7 Uhr ging es von Dresden-Neustadt ab.“ Der junge Mann gehört zur 18. Panzerdivision und fährt an die Ostfront. Seit drei Jahren führt er Tagebuch und wird es mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit bis 1995 tun. „Tagebuch für Walter Fritzsch“ nennt er es selbst. Der freie Journalist Uwe Karte, seit 2005 in Besitz dieser Aufzeichnungen sowie vieler anderer Dokumente aus dem Nachlass des bekannten Fußball-Trainers der DDR, hat unter diesem Titel nun mit vielen Zitaten aus dem Fundus ein Buch geschrieben.

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Von emotionslos bis „Schnauze voll

Klar, es geht vor allem um Fußball, der bestimmt schließlich das Handeln und die Motivation des gebürtigen Zwickauers seit dem sechsten Lebensjahr, als er von seinen Eltern beim Planitzer Sport-Club angemeldet wird. Aber es geht um mehr. Es geht um ein deutsches Leben, das vom 21. November 1920 bis zum 15. Oktober 1997 dauert. Eine Zeitreise, die in der Weimarer Republik beginnt, über das Dritte Reich und die DDR bis ins wiedervereinigte Deutschland reicht. Mit allem, was so häufig dazugehört, falsche Vorstellungen, große Pläne, heftige Enttäuschungen und überraschende Wendungen.

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Fritzsch steht als Soldat der Nazi-Ideologie nahe. Im Dezember 1941 heißt es in seinem Tagebuch: „Viele unserer Kameraden wurden von den Juden ermordet. Jeden Tag zwei bis drei Mann.“ Empathie für die Bevölkerung ist kaum zu erkennen. „55 Weiber gefangen und 3 Männer. Sonst das Wetter ist schön“, hält er am 27. Mai 1943 fest. Man hätte gerne erfahren, ob oder wie ihm das Schicksal der Gefangenen berührt. Der Chronist bleibt meistens emotionslos. Manchmal ist aber auch zu lesen: „Schnauze voll.“ Bis zum 10. Juli 1943 ist er zunächst in der Sowjetunion, dann wird er am Fuß verwundet und kommt nach Hause. Zum Glück, sein Regiment wurde kurz danach zerschlagen. Beim BC Hartha spielt er wieder Fußball und glaubt daran, dass der Krieg noch gewonnen werden kann. Das ändert sich auch nicht, als der Obergefreite im November 1944 wieder nach Osten geschickt wird und nicht mehr so weit fahren muss. Die Front ist schon sehr nahe gerückt. Der Sieg sei nicht mehr weit entfernt, schreibt er dennoch in einem der Briefe an seine Frau Käthe in dieser Zeit.



Walter Fritzsch war nicht nur Dynamos mit Abstand erfolgreichster Trainer, er war auch ein sehr akribischer Chronist seiner Zeit.Foto: Imago
Walter Fritzsch war nicht nur Dynamos mit Abstand erfolgreichster Trainer, er war auch ein sehr akribischer Chronist seiner Zeit.Foto: Imago © imago sportfotodienst

Nach dem Ende des Krieges behält Fritzsch seine kritische Meinung zu den Siegern. „Wir führten uns in Russland als Menschen auf, aber diese Mordbanditen!!!“, schimpft er am 21. Juni 1947. Zu diesem Zeitpunkt ist er Mitglied der SED, nachdem er im März 1946 in die SPD eintritt und sich einen Monat später nach der Zwangsvereinigung mit der KPD in der Einheitspartei wiederfindet. Seine Haltung zum „Iwan“ verändert sich erst, als er im März 1950 zum Betriebsdirektor des Mechanik-Werkes bestellt wird. Der ist ein Russe und kündigt an, dass die Cainsdorfer Spieler auch während der Arbeit trainieren sollen. Cainsdorf ist eine der ersten Trainerstationen von Fritzsch.

Fritzsche Durchsetzungskraft

Auf diese Begegnung als Wendepunkt verweist auch Frank Richter. Der ehemalige Direktor der Landeszentrale für politische Bildung ist im Buch einer von Kartes Gesprächspartnern, um das Leben von Fritzsch einzuordnen. Hans-Jürgen Kreische, Klaus Sammer, Hans-Jürgen Dörner, Ralf Minge und Matthias Müller, ehemalige Spieler von Dynamo Dresden, tun das ebenfalls. Unter Fritzsch erlebt ihr Verein seine Hochzeit. Hier endet 1978 seine Zeit als Vereinstrainer, die ihn unter anderem nach Aue, Dessau, Karl-Marx-Stadt, Rostock, Riesa und beinahe auch nach Leipzig geführt hat. Auf all seinen Stationen steht er zu seinen nicht unumstrittenen Prinzipien. Der Disziplin-Fanatiker will das alleinige Sagen haben, ältere Spieler haben es schwer bei ihm. So lässt er auch im Frühjahr 1974 den erfahrenen Sammer in den legendären EC-Spielen gegen Bayern München auf der Bank. Kreische liefert sich so manches Gefecht mit dem „kleinen General“ – Fritzsch misst nur 1,65 m –, so dass sich der Leser wundert, dass es der viermalige Oberliga-Torschützenkönig so lange unter ihm aushält und nicht wechselt. Fritzsch selbst nennt den Grund im Tagebucheintrag, als ihn Funktionäre über das Vorhaben des Publikumslieblings unterrichten. „Kreische will sich abmelden? Ich sagte, sie sollen es nicht genehmigen.“

Autor Uwe Karte bekam 2005 Fritzsches Tagebücher übereignet und hat sie nun ausgewertet.
Autor Uwe Karte bekam 2005 Fritzsches Tagebücher übereignet und hat sie nun ausgewertet. © Steffen Manig

Fritzsch hat sich durchgesetzt, wieder einmal. So wie er es auf allen seinen Stationen getan hat. Mit Stars kam er nirgendwo gut zurecht. Dennoch schuf er in Dresden mit fünf Meistertiteln und zwei Pokalsiegen eine Ära. Allerdings kam er auch nicht über das EC-Viertelfinale hinaus. An seinem Status unter den Dynamo-Fans ändert das nichts. Walter Fritzsch hat Geschichte geschrieben, nicht nur in seinem Tagebuch.

Uwe Karte: Tagebuch für Walter Fritzsch.ISBN-Nummer 978-3-00-063004-0

480 Seiten (ca. 400 Fotos und Abbildungen). Preis: 48 Euro.

Bestellung unter: www.uwekarte.de/fritzsch

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