29. Juni 2021 / 16:07 Uhr

Taktik-Analyse: Deutschland als Vorbild – So will Southgate den DFB-Lieblingsspielzug verhindern

Taktik-Analyse: Deutschland als Vorbild – So will Southgate den DFB-Lieblingsspielzug verhindern

Tobias Escher
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Gareth Southgate (l.) und Joachim Löw stehen sich beim Fußball-Klassiker an der Seitenlinie gegenüber.
Gareth Southgate (l.) und Joachim Löw stehen sich beim Fußball-Klassiker an der Seitenlinie gegenüber. © IMAGO/Schüler/Shutterstock/Jan Huebner/PA Images (Montage)
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England-Trainer Gareth Southgate will aus seinem Team eine Turniermannschaft machen. Eine Fünferkette soll der DFB-Auswahl das Leben schwer machen. Taktik-Experte Tobias Escher blickt vor dem Klassiker im EM-Achtelfinale auf den Match-Plan von England und Deutschland.

Kaum ein Duell im Fußball hat so eine lange Geschichte wie Deutschland gegen England. Da wundert es, dass der englische Trainer Gareth Southgate bereits 2017 den Rivalen als Vorbild ausgerufen hat. Seine Engländer sollen eine Turniermannschaft werden.

Tatsächlich scheint er seinem Team eine neue Mentalität eingeimpft zu haben. Im Fokus stehen nicht die individuellen Stärken der Spieler, sondern die Stabilität der Mannschaft. In der Vorrunde haben die Engländer nur zwei Tore erzielt, keins kassiert.

Die deutschen Auftritte lassen sich irgendwo zwischen überambitioniert im Ballbesitz und vogelwild einordnen. Das verspricht Spannung vor dem Duell mit England – denn es ist keineswegs ausgemacht, welcher Trainer die taktisch richtigen Lösungen findet.

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England kommt über Kompaktheit in der Zentrale

Southgate setzte bisher auf eine Mischung aus 4-3-3- und 4-2-3-1-System. Nur in den Anfangsphasen übte sein Team hohen Druck auf den Gegner aus, zog sich nach zwanzig Minuten zurück. Die Stürmer bewachten die Passwege ins Mittelfeld, hier soll der Ball erobert werden. Eine hohe Dominanz über das Zentrum ist ein wichtiges Prinzip. Die Doppelsechs im Mittelfeld positioniert sich vergleichsweise tief. Zugleich schafft das zurückhaltende Mittelfeld Probleme in der Offensive: Die Angreifer sind häufig auf sich allein gestellt. Harry Kane lässt sich dann in den Zehnerraum fallen, um von dort Bälle hinter die Abwehr zu spielen. Diese kamen bislang nur selten an.

Joachim Löw dürfte an seinem 3-4-3-System festhalten. Defensiv bietet dies Vorteile. Mats Hummels könnte als zentraler Verteidiger Kane folgen, ohne dass sich in der Abwehrkette eine Lücke auftut. Antonio Rüdiger und Matthias Ginter können diese Lücke schließen und die Läufe der Außenstürmer aufnehmen. Eine Viererkette wäre anfälliger gegen die vielfältigen Bewegungsmuster der englischen Stürmer.

Southgate hingegen könnte seine Formation umbauen. Ihm wird nicht entgangen sein, wie leicht Deutschland Portugals Viererkette über die Flügel aushebelte. Der liebste Spielzug der Deutschen ist eine Spielverlagerung von Rechtsverteidiger Joshua Kimmich hinüber zu Linksverteidiger Robin Gosens. Diese Pässe gilt es aus englischer Sicht zu verhindern – daher dürfte Southgate mit einer Fünferkette starten und könnte so die Außen besser abdecken. Auch die Bewegungen von Deutschlands Stürmern ließen sich so leichter verfolgen.


Probleme dürften die Engländer dafür im Mittelfeld erhalten. Starten sie in einem 5-2-3, könnte Deutschland hier mit einem zurückfallenden Kai Havertz oder einem vorstoßenden Matthias Ginter Überzahlen erzielen.

Die spannende Frage wäre, ob Deutschland diese Überzahl auch gewinnbringend einsetzt. Wie gegen Frankreich und Ungarn wird Deutschland viel Ballbesitz erhalten, da England auf Stabilität und schnelle Umschaltsituationen baut.

Müller und Goretzka als potenzielle Schlüssel

Zwei Rückkehrer könnten helfen: Thomas Müller beschäftigt mit seinen unorthodoxen Läufen jede Abwehr. Leon Goretzka wiederum könnte aus dem Mittelfeld in den Strafraum starten und Tiefe ins deutsche Spiel bringen. Beide wären auch mit ihren Qualitäten nach Ballverlust gefragt. Die Engländer sind allein aufgrund ihrer individuellen Klasse auf den Außen ein starkes Konterteam.

Die Deutschen brauchen eine Leistungssteigerung, um gegen stabile Engländer das Viertelfinale zu erreichen. Sie müssen beweisen, dass noch immer Deutschland die Turniermannschaft ist – und nicht England.

Tobias Escher ist Mitbegründer des preisgekrönten Fußball-Taktikblogs spielverlagerung.de. Außerdem publizierte Escher mehrere Sachbücher zum Thema, u. a. "Vom Libero zur Doppelsechs".