18. Juli 2020 / 11:37 Uhr

Taktikgenie und Guardiola-Idol: Wie “der Verrückte” Marcelo Bielsa Leeds in die Premier League führte

Taktikgenie und Guardiola-Idol: Wie “der Verrückte” Marcelo Bielsa Leeds in die Premier League führte

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Marcelo Bielsa hat Leeds United zurück in die Premier League geführt. Die Rückkehr des Traditionsvereins auf die große Bühne ist vor allem sein Verdienst.
Marcelo Bielsa hat Leeds United zurück in die Premier League geführt. Die Rückkehr des Traditionsvereins auf die große Bühne ist vor allem sein Verdienst. © imago images/Montage
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Dass Leeds United nach 16 Jahren Abstinenz wieder zurück in der Premier League ist, lässt sich vor allem an einem Mann festmachen. Trainer Marcelo Bielsa, Spitzname “Der Verrückte”, brachte in der zurückliegenden Championship-Saison taktische Genialität mit Nervenstärke zusammen. Dafür wird er gefeiert.

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Leeds United hat es geschafft: 16 Jahre nach der letzten Saison des Traditionsvereins in der englischen Premier League ist der Mannschaft von Marcelo Bielsa die Rückkehr ins englische Fußball-Oberhaus geglückt. Das steht seit der Niederlage von Verfolger West Brom am Freitagabend gegen Huddersfield fest und ist nicht nur der Lohn für eine überzeugende Saison, sondern insbesondere das Verdienst eines legendären Trainers, der von Pep Guardiola sogar als der “beste der Welt” angesehen wird.

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Der Argentinier, der in seiner Heimat als “El Loco” (“der Verrückte”) bekannt ist, führte Leeds mit unerbittlichem Drill zurück in die Premier League. Bielsa, ein genialer Taktiker, bearbeitete seine Mannschaft in detailversessener Weise mit den immer gleichen Abläufen. “Es ist sehr streng hier, wie beim Militär”, sagte Leeds-Profi Mateusz Klich dem Guardian. “Es ist Taktik, Taktik, Taktik. Es ist nicht einfach, denn man braucht Power und Fitness. Aber wir haben nicht gewusst, wie gut wir sein können.” Ein treffender Satz, denn Bielsa hat einen chaotischen Klub auf Erfolg getrimmt und wird dafür zu Recht geliebt – nach der Partie am Freitag pilgerten einige Fans etwa spontan zu seinem Wohnhaus.

Leeds hatte vor Bielsa einen enormen Verschleiß an Spielern und Trainern

Dass Leeds für Trainer kein leichtes Pflaster ist, wissen spätestens seit “The Damned United” selbst Fans, die sich nicht im Detail mit der Geschichte des englischen Fußballs auskennen. Der Film begleitet den von Michael Sheen gespielten Brian Clough durch dessen ultrakurze und turbulente Ära als neuer, vermeintlich starker Mann eines Vereins, der gerade 13 Jahre lang unter Don Revie zu sämtlichen nationalen und internationalen Erfolgen spaziert war. Clough, der heute als einer der größten Trainer der Fußballgeschichte gilt, scheiterte im Jahr 1974 spektakulär an der Aufgabe Leeds United – nach nur 44 Tagen. Zu groß war die Erwartungshaltung nach den Titeln der Vergangenheit.



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In diesem Spannungsfeld bewegt sich seither jeder Mann, der sich der Herausforderung Leeds United stellt. Fast niemand konnte diesen Test bestehen. Zum letzten Mal wurden die “Peacocks” (Pfaue) im Jahr 1992 englischer Meister. Mit Ausnahme eines kurzen Aufflackerns zu Beginn der 2000er (als der Verein sich finanziell derart übernahm, dass man schließlich implodierte) begann für den Stolz der Grafschaft Yorkshire ein langsamer Abstieg in die Bedeutungslosigkeit, der erst in der drittklassigen League One gebremst werden konnte. Exzentrische Klubbesitzer und eine gewaltige Rotation beim spielenden und trainierenden Personal ließen selbst die treuesten der zahlreichen Leeds-Fans mitunter verzweifeln. Die erhoffte Rückkehr in die Premier League rückte in weite Ferne – bis Marcelo Bielsa kam.

Marcelo Bielsa und eine Handgranate: Darum wird er "El Loco" genannt

Als der Argentinier im Juli 2018 zum Klub stieß, glaubten nicht wenige an ein rasches Scheitern. Denn Bielsa eilt der Ruf eines genialen Grenzgängers voraus, der aber auch durchaus sperrig im Umgang ist. Legendär, wie er zu seinem Spitznamen "El Loco" gekommen sein soll: als Bielsa Anfang der 90er Jahre Trainer von Newell's Old Boys war, forderten etwa 20 gewaltbereite Fans (die sogenannten "Barra Bravas") nach einer 0:6-Niederlage gegen San Lorenzo in der Copa Libertadores, dass er aus seinem Wohnhaus kommt. Bielsa kam - der Legende nach bewaffnet mit einer Handgranate. "Wenn ihr jetzt nicht geht, dann ziehe ich den Stift", soll er Augenzeugen zufolge gesagt haben. Das jagte den Fans einen gewaltigen Schrecken ein - sie türmten. Einer von ihnen äußerte sich später in einem Interview mit dem Magazin Kaiser. "Man sah den Wahnsinn in seinen Augen. Niemand sah ihn an, alle blickten nur auf die Granate in seiner Hand."

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Er gilt als Besessener - auf auf dem Trainingsplatz, wo Bielsa unglaublich facettenreich arbeitet. Das passt nicht unbedingt zum englischen Fußball, wo wegen der vielen Spiele (allein in der 2. Liga sind es 46 pro Saison) weniger trainiert wird als anderswo. Und dann waren da ja noch die sprachlichen Probleme; Bielsa lässt sich nie ohne Übersetzer blicken, spricht auch auf Pressekonferenzen nur Spanisch. Doch befürchtete Anlaufschwierigkeiten blieben aus: Leeds gewann unter Bielsa, der an der Seitenlinie immer auf einem blauen Eimer sitzt, gleich viermal in Folge, erarbeitete sich rasch die Favoritenrolle.

Bayern-Profi Martinez: “Jeder sollte einmal in seinem Leben mit Bielsa zusammenarbeiten”

Der 64-jährige Bielsa, der selbst für englische Zweitliga-Verhältnisse gewaltige 4,5 Millionen Euro Jahresgehalt kassieren soll, aber trotzdem jeden Tag zu Fuß von seinem Haus zum Trainingsgelände geht, gilt vor allem im lateinamerikanischen Raum als einflussreichster “Fußball-Denker” überhaupt – als detailbesessener Tüftler und Taktiktheoretiker, der so akribisch arbeitet, dass er regelrechte Videoarchive aufbaut und die Taktik seiner Trainerkollegen zuweilen besser kennt als diese selbst. “Denkt in dieser Stunde an Bielsas Co-Trainer, die in den kommenden Wochen sämtliche Spiele des FC Burnley seit 2007 bringen müssen", frotzelte ein User auf Twitter. Seine Gründlichkeit ist weltbekannt, sein Offensivfußball mit andauernden Rotationen zwischen den Positionen ebenfalls.

Er vertritt die Theorie, dass es im Fußball 29 verschiedene Formationen gibt und dass jeder Spieler diese Systeme einmal erlernen sollte. “Jeder sollte mindestens einmal in seinem Leben mit ihm zusammenarbeiten”, unterstrich Bayern-Profi Javi Martinez, der unter Bielsa in Bilbao aktiv war. “El Loco” führte in Leeds eine 4–1–4–1-Formation ein, die je nach Gegner auch zu einer 3–3–1–3 werden kann – der Formation, die er selbst als Nationaltrainer von Argentinien und Chile bekannt machte. In Bielsas System hat jeder Spieler eine perfekt ausgearbeitete Rolle – wenn es ins Gegenpressing geht (dessen Pionier Bielsa war), weiß jeder wie in einem Bienenschwarm exakt, was zu tun ist und was jeder Teamkollege als Nächstes tun wird. "Mein Fußball ist sehr einfach. Ich bin besessen vom Angreifen. Wenn ich Videos sehe, geht es dabei ums Angreifen und nicht ums Verteidigen", sagte er selbst einmal.

“Ich verehre Bielsa ungemein, weil er die Spieler so sehr verbessert”, sagte Pep Guardiola, der Bielsa vor Beginn seiner Trainerkarriere 2006 zu einer elfstündigen Taktikschulung auf dessen Ranch im argentinischen Maximo Paz getroffen hatte. “Es ist nicht wichtig, wie viele Titel er in seiner Karriere gewonnen hat. Wir werden zwar danach beurteilt, wie erfolgreich wir sind. Aber das ist nicht mit dem Einfluss zu vergleichen, den er auf den Fußball genommen hat und auf seine Spieler. Deshalb ist er für mich der beste Trainer der Welt.” Stürmer-Ikone Gabriel Batistuta bezeichnet Bielsa als denjenigen, “der mir einfach alles beigebracht hat”.

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Harter Drill: Bielsa hat den Kader zu einer Einheit geformt

Trotz einer starken Saison verpasste Leeds 2018/19 zunächst den ersehnten Aufstieg. Es waren auch die Nerven, die den Whites den Zahn zogen – man rutschte in der Endphase noch vom ersten Platz ab. Zunächst sah es danach aus, als wäre das Experiment Bielsa nach nur einem Jahr gescheitert. Der Trainer, ohnehin nicht unbedingt bekannt dafür, eine lange Halbwertszeit zu haben, kokettierte mit dem Rücktritt, entschloss sich aber dann doch, einen zweiten Anlauf zu wagen. Bielsa, der schon in seiner ersten Saison nichts dem Zufall überlassen hatte, mit systematischer Spionage bei Gegnern einen Eklat provozierte und die fällige Strafe von 220.000 Euro nach einer 70-minütigen Pressekonferenz mit Power-Point-Präsentation (in der er detailliert erklärt, wie er seine Mannschaften auf Spiele vorbereitet und die Spielsysteme der Konkurrenz sezierte) aus eigener Tasche zahlte, nahm sich diesmal gezielt die Psyche seiner Profis vor. Es sei notwendig, Emotionen zu kontrollieren, "um im Wettbewerb bestehen zu können", sagte er kürzlich und wies auf die verbesserte Verfassung seiner Mannschaft im Vergleich zur Vorsaison hin. Was auch in schwierigen Situationen auffiel: Die taktisch ohnehin perfekt geschulten Spieler glaubten an das gemeinsame Ziel – gerade daran hatte es dem Klub zuvor oft gemangelt.

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Der Aufstieg von Leeds ist eng mit Bielsa verknüpft, der fast jeden seiner Spieler verbessern konnte und mit harter Hand eine Einheit formte, die ihm blind vertraut. Nach dem fixen Aufstieg soll er seinen auslaufenden Vertrag bald verlängern, um Leeds in der ersten Premier-League-Saison seit 2003/04 zum Klassenerhalt zu führen. Wenn einem diese Aufgabe zuzutrauen ist, dann “El Loco”.

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