16. November 2017 / 12:37 Uhr

Teil 1: Ex-96-Profi Uli Borowka spricht über seine Alkoholsucht - "Wir geben den Menschen keine Chance"

Teil 1: Ex-96-Profi Uli Borowka spricht über seine Alkoholsucht - "Wir geben den Menschen keine Chance"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Im Sommer 1996 wechselte Uli Borowka zu Hannover 96 und spielte ein halbes Jahr für die Roten.
Im Sommer 1996 wechselte Uli Borowka zu Hannover 96 und spielte ein halbes Jahr für die "Roten". © imago/Rust
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Uli Borowka war ein beinharter Verteidiger. Nach dem Ende seiner Fußballerkarriere kam raus: Borowka hat ein Alkoholproblem. Im Jahr 2000 begab er sich auf Entzug. Seither ist er abstinent, schrieb ein Buch über sein Fußballerdasein, während seiner Sucht und kritisiert die deutsche Gesellschaft in ihrem Umgang mit Menschen, die mal einer Sucht verfallen sind.

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Uli Borowka galt trotz seiner Alkoholsucht als einer der besten Verteidiger seiner Zeit, sie nannten ihn „die Axt“. Vor dem Spiel seines Ex-Club Werder Bremen gegen Hannover 96, wo er auch mal unter Vertrag stand, haben wir den 55-Jährigen in Hämelerwald besucht, wo er mit seiner Frau Claudia (39) und der gemeinsamen Tochter wohnt.

Hallo, Herr Borowka, wir sind überrascht, dass Sie hier in Hämelerwald in der Nähe von Hannover leben. Wie kam das denn?

Wir wohnen seit etwa mehr als zwei Jahren hier. Ich war 15 Jahre in Berlin, meine Frau ist Berlinerin. Wir wollten in unserem Leben was verändern, haben hier Freundschaften aufgebaut. Unsere Tochter Melina ist jetzt acht Jahre alt und geht hier zur Grundschule Ich machte in der 1., 2. und 3. Klasse die Fußball-AG mit einem anderen Vater zusammen. Hämelerwald ist ideal - ich bin in zwei Stunden in Dortmund, in zwei Stunden in Berlin, in einer Stunde in Bremen, in Hamburg in anderthalb, den Rest fliege ich. Denn ich habe teilweise drei, vier Vorträge die Woche.

Sportbuzzer-Redakteur Jonas Freier im Interview mit Ulrich Borowka. Seine Frau Claudia bastelt im Hintergrund.
Sportbuzzer-Redakteur Jonas Freier im Interview mit Ulrich Borowka. Seine Frau Claudia bastelt im Hintergrund. © Florian Petrow
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Von den Vorträgen und Ihrem Buch leben Sie, aber Sie haben zusammen mit Ihrer Frau in Hämelerwald auch eine kleine „Kreativwerkstatt“ aufgemacht.

Ich bin hochzufrieden. Ich habe viel weniger Geld, aber ich habe eine Lebensqualität, die hatte ich als Fußballprofi nicht. Wir haben uns hier unser Reich aufgebaut, um runterzufahren. Meine Frau übt ihr Hobby aus, und ich habe mir gedacht: Wir trockenen Suchtkranken brauchen ja irgendwas, dann kann ich auch wieder was werkeln, wie früher als Schlosser. Dann kann ich mir auf den Finger hauen, dann blutet es, dann tut es weh. Ich brauche die Stunden einfach nach diesen schweren Vorträgen, um wieder runterzukommen.

Sie haben den Verein „Uli Borowka Suchtprävention und Suchthilfe gegründet“ ...

Das ist alles dem Buch („Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“, d. Red.) geschuldet, das vor fünf Jahren auf den Markt kam. Die Deutschen haben damals gesagt, das einzige, was uns noch fehlt, ist eine banale Biografie von Uli Borowka. Aber: Wir haben damit Millionen von suchtkranken Menschen angesprochen. Dadurch sind viele Menschen in eine Gruppe oder in eine Klinik gegangen. Was daraus geworden ist, damit haben wir im Leben nicht gerechnet.

Es zeigt uns die massiven Probleme, die wir haben. Und dafür kämpfe ich. Unser Land bricht auseinander, es ist an Erbärmlichkeit nicht zu übertrumpfen, was passiert. Das Land Niedersachsen hat einen Suchtvertrag mit den Schulen – toll. Aber dann lässt das Land Niedersachsen die Schulen alleine. Ich habe gerade einen Vortrag in Lüneburg vor über 200 Schülern und Lehrern gehalten. Ergebnis: Wir machen jetzt einen Kooperationsvertrag und arbeiten miteinander. Wir lassen in Deutschland unsere Kinder im Stich. Wir haben auch nicht, wie der Bundesdrogenbeauftragte sagt, 1,5 Millionen Alkoholiker, wir haben in Deutschland acht Millionen alkoholkranke Menschen.

Ihnen müssten ja als Promi die Türen offen stehen, wenn es um Hilfe für suchtkranke Menschen geht …

Ich gehe in ganz Deutschland Klinken putzen, aber das Thema ist natürlich nicht salonfähig. Ich habe zweimal mit anderthalb Beinen im Grab gestanden. Aber wie wir mit Menschen umgehen, die etwas gegen ihre Krankheit getan haben und trockenen Alkoholiker sind, das ist ein erbärmlicher Zustand.

Uli Borowka im Interview: Seine Karriere, seine Erfolge, sein Leben

1986: Bevor Uli Borowka (Mitte) zu Werder Bremen ging, schnürrte er für Borussia Mönchengladbach seine Schuhe. Insgesamt lief er 189 für die Fohlen auf. Hier jubelt er mit Michael Frontzeck (rechts) und Jörg Jung (links) über einen Sieg im Europapokal. Zur Galerie
1986: Bevor Uli Borowka (Mitte) zu Werder Bremen ging, schnürrte er für Borussia Mönchengladbach seine Schuhe. Insgesamt lief er 189 für die "Fohlen" auf. Hier jubelt er mit Michael Frontzeck (rechts) und Jörg Jung (links) über einen Sieg im Europapokal. ©

Und welche Türen stehen Ihnen im Fußball offen?

Türen offen? Da lache ich drüber (lacht laut). Jeder, der Probleme hatte oder sich geoutet hat, bekommt keine Chance mehr im Fußball. Wir Deutschen sind doch gar nicht bereit, um über gewisse Problem zu reden. Wir sagen immer, wir sind offen. Wir haben einen schwulen Bürgermeister gehabt in Berlin, Wowereit. Jetzt stell dir doch mal vor, ich als Fußballprofi outete mich am Mittwoch und habe am Samstag ein Spiel.

Ewald Lienen hat gerade gesagt, er würde das unterstützen, wenn sich schwule Spieler outen, das sind dumme Aussagen von Ewald Lienen, weil er die Hintergründe nicht kennt. Es gab in den letzten Jahren fünf oder sechs junge Sportler auf der Welt, die sich geoutet haben. Davon haben sich drei umgebracht. Das ist die Wahrheit, weil sie mit dem Druck der Öffentlichkeit nicht umgehen konnten. Ich habe 16 Bombenjahre gehabt mit Höhen und Tiefen, aber ich habe alles aufgearbeitet, ich weiß, wo es langgeht.

Erzählen Sie über die Höhen und Tiefen.

Ich war 16 Jahre Profi, 16 Jahre alkoholabhängig, 14 Jahre medikamentenabhängig, wir reden jetzt nicht von Aspirin, sondern von mehreren Voltaren 100 am Tag, weil: Schmerzen für einen Profi sind ja das Schlimmste, was es gibt. Es gibt leistungsbezogenen Verträge, da musst du schon mal mit Bänderriss spielen. Später hatte ich dann eine Suchtverlagerung, ich war dreieinhalb Jahre spielsüchtig. Nach der Entzugsklinik. Ich war blank, ich hatte Schulden im sechsstelligen Bereich.

Damit musst du erstmal klarkommen. Dann bin ich nach Berlin, habe da Romméspielen gelernt, das habe teilweise 32 Stunden am Stück gespielt. Ich habe zu meiner Zeit in Bremen am Tag einen Kasten Bier, ne Flasche Wodka und ne Flasche Whiskey gesoffen. Ich habe bis drei Uhr nachts gesoffen und war um neun Uhr wieder auf dem Trainingsplatz, hatte keinen dicken Kopf. Jahre später haben wir rausgefunden, dass das mit meinem Stoffwechsel zu tun hat. Mein Körper kann brutalst schnell den Alkohol abbauen. Aber das ist nicht die Normalität.

Erzählen Sie das auch in Ihren Vorträgen?

Ja, klar. Ich war gerade in Hamburg-Billwerder, im Gefängnis. Die haben eine Suchtabteilung, wo die Gefangenen für draußen vorbereitet werden. Die von der Gefängnisleitung haben zu mir gesagt: „Herr Borowka, das habe ich ja noch nie erlebt, die Gefangenen haben zugehört, sie haben Fragen gestellt. Das ist unglaublich. Wir müssen unsere Arbeit überdenken, wir können die nicht erreichen.“

50 Legenden von Hannover 96 - und was aus ihnen wurde

Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der <b>SPORT</b>BUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  Zur Galerie
Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der SPORTBUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  ©

Aber im Fußball will man Ihre Erfahrung nicht nutzen.

Ich habe keine Chance im Fußballgeschäft. Ich habe es versucht, nachdem ich mich aus meiner tiefen Krise rausgekämpft hatte. Ich habe Oberligisten trainiert, den Berliner AK, Türkiyemspor – für das halbe Jahr Türkiyemspor hätte ich eigentlich das Bundesverdienstkreuz verdient, was da abging … Und dann wollte ich mich eigentlich weiterempfehlen. Eins war für mich klar: Ich bin kein Cheftrainer. Aber ich bin der richtige Co-Trainer. Hundertprozent loyal, vernünftiger Umgang mit den Spielern. Das wäre mein Ding gewesen: Co-Trainer oder Jugendtrainer. Ich habe mich bei 20 Vereinen beworben, bei zehn Erstligisten und zehn Zweitligisten, ich habe 20 Absagen bekommen.

Weil wir Deutschen nämlich nicht sagen: „Mensch, der hat was gegen seine Krankheit getan.“ Sondern: „Jetzt stell dir doch mal vor, der wird rückfällig!“ Wir geben den Menschen keine Chance. Da sind wir Deutschen inzwischen schlimmer als die Engländer. Und diese Aussage müsste uns Deutsche richtig treffen. Ich habe inzwischen guten Kontakt zu Tony Adams (englischer Ex-Nationalspieler und Alkoholiker, d. Red.), der leitet eine eigenen Klinik in London für ganz Großbritannien, ein sensationeller Mensch. Jeder von uns hat ein, zwei Suchtkranke in seiner Familie und seinem Freundeskreis. Wenn ich auf Veranstaltungen gehe, muss ich mein Glas festhalten, wenn ich auf Toilette gehe oder ich trinke es vorher aus. Mir haben sie hinter meinem Rücken Alkohol ins Glas geschenkt, obwohl sie wissen, dass ich alkoholkrank bin. Das ist die Gesellschaft, und das ist die Wahrheit. Aber im Fußball will man Ihre Erfahrung nicht nutzen.

Wie ihm der damalige Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach Christian Hochstätter und Präsident Wilfried Jacobs retteten und warum seine Zeit bei Hannover 96 unrühmlich endete, erklärt Uli Borowka in Teil 2 unserer großen Interviews mit ihm (Link).

Lesetipp: Teil 2: "Die haben mir das Leben gerettet" - Uli Borowka über seine Retter, den Entzug und das 96-Intermezzo