12. Oktober 2021 / 16:51 Uhr

Tennisspieler von MV beklagen akuten Mangel an Hallencourts

Tennisspieler von MV beklagen akuten Mangel an Hallencourts

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Hilda Linke (l., 11) nimmt am Wochenende bei der Tennis-Landesmeisterschaft teil. So komfortable Trainingsmöglichkeiten wie die sie und Freundin Claire Ritter (12) vom TC Blau-Weiß Stralsund mit sechs Hallencourts im Hansedom hat sonst niemand in MV.
Hilda Linke (l., 11) nimmt am Wochenende bei der Tennis-Landesmeisterschaft teil. So komfortable Trainingsmöglichkeiten wie die sie und Freundin Claire Ritter (12) vom TC Blau-Weiß Stralsund mit sechs Hallencourts im Hansedom hat sonst niemand in MV. © HORST SCHREIBER
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Die Wintersaison der Tennisspieler ist gestartet. Das stellt Spieler, Vereine und Verband wieder vor große logistische Herausforderungen – auch für die noch nachzuholenden Freiluft-Landesmeisterschaften.

Am Wochenende werden die Tennis-Nachwuchsmeister von MV gekürt. Eigentlich sollte schon seit eineinhalb Monaten feststehen, wer das größte Talent auf dem Court ist. Doch die Landesmeisterschaften Ende August sind sintflutartigen Regenfällen zum Opfer gefallen. Aus diesem Grund wird der Wettkampf vorsichtshalber von draußen nach drinnen verlegt. Dafür musste der Tennisverband MV (TMV) von den Außenanlagen des ARTC Rostock in die Hallen von Stralsund und Demmin ausweichen, denn Indoorplätze und -zeiten sind rar – nicht nur in Rostock, sondern in gesamten Bundesland. Ein Problem, das sich in der gerade begonnenen Wintersaison verschärfen wird. TMV-Jugendwart Sven Ueberschär schlägt Alarm. „Für Kinder haben wir in ganz MV sehr schlechte Trainingsmöglichkeiten im Winter. Die Gegebenheiten sind unter dem Niveau der sechziger Jahre im Westen. Wir sind abgeschlagen!“, prangert der Ehrenamtler an.

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Ueberschär blickt besorgt auf den fortwährenden Wegfall überdachter Tennisplätze. In Schwerin wurde jüngst das Sport- und Freizeitcenter Belasso geschlossen. Acht Indoor-Tennisplätze sind in der Landeshauptstadt weggefallen. Die nächste verfügbare Halle steht auf der anderen Seite des Schweriner Sees in Pinnow. In Rostock hat das HCC einige Plätze anderweitig genutzt. Der Sportpark Barge hat schon lange keine Courts mehr. In der Hansestadt gibt es insgesamt nur noch sechs Hallencourts. „Das ist zu wenig“, meint Ueberschär. Für die Spieler aus Wismar und Umgebung standen im vergangenen Winter nur zwei Plätze im Sportpark Hoher Damm zur Verfügung, weil das Wonnemar (zwei Plätze) geschlossen war. In Greifswald gibt es zwei, im Stralsunder Hansedom immerhin sechs und in Wulkenzin bei Neubrandenburg drei Hallenplätze.

Kleine Hoffnungsschimmer: Auf Usedom, wo einst in der Schmetterlingshalle Koserow und im Sportpark Zinnowitz aufgeschlagen wurde, gibt es Ideen für eine neue Tennishalle. Und der Neustrelitzer Verein hat neuerdings zwei überdachte Sandplätze.

Volldigitalisierte Greifswalder Vereinshalle stößt an Kapazitätsgrenzen

Kommunale Tennishallen gibt es in MV nicht. In Greifswald und Neustrelitz stehen die einzigen vereinsbetriebenen Hallen. Die HSG Uni konnte vor zehn Jahren durch eine Privatspende zwei ihrer acht Freiluftplätze überdachen. Mehr als 200 Greifswalder Tennisspieler teilen sich während der kalten Jahreszeit die beiden Courts. Seit der Boden vor 2019 ausgetauscht und dadurch die Luftqualität verbessert wurde, liegt die Auslastung zwischen 8 und 22 Uhr bei 90 Prozent. In der volldigitalisierten Halle, in der vom Eingangstor bis zur Lichtanlage alles über die Online-Buchung gesteuert wird, konnte die HSG auch in Pandemie-Zeiten coronakonformes Wintertraining ermöglichen. „Dazu kommt nun unsere Tennisschule, die im vergangenen Jahr nicht aktiv war, mit 80 bis 90 Kinder für 50 Stunden pro Woche“, erzählt Abteilungsleiter Alexander Zach und ergänzt ob des bevorstehenden Engpasses: „Wir haben schon einen Förderantrag für einen dritten Hallenplatz gestellt.“

Meistens obliegt die Platzkapazität aber privaten Betreibern, etwa Hotels. Dort steht verständlicherweise das wirtschaftliche Interesse im Vordergrund. Indoor-Tennisplätze haben da oftmals schlechte Karten. Sie sind teuer in der Anschaffung und Unterhaltung. Das Kundeninteresse ist aber nur saisonal. Etwa 22 Euro kostet ein Hallenplatz pro Stunde in MV. „Tennishallen rentieren sich nur im Winter. Und dann können immer nur zwei bis vier Spieler gleichzeitig auf einem Platz stehen“, sagt Ueberschär. Die Verlegung der anstehenden Jugendlandesmeisterschaften in die Hallen von Rostock hätte den Verband etwa 4000 Euro Platzgebühr gekostet. Nicht finanzierbar für den TMV. Die Alternativen Stralsund (Jungs) und Demmin (Mädchen) waren zwar immer noch teurer als die ursprüngliche Freiluft-Variante beim ARTC Rostock, aber etwas preiswerter.

Von Rostock nach Demmin oder Schleswig-Holstein zum Training

Mittlerweile sind die Hallenzeiten in ganz MV nahezu restlos belegt, besonders in den Abendstunden nach Schul- und Arbeitsschluss. Kurzentschlossene Hobbyspieler haben ab 16 Uhr kaum eine Chance auf Freizeitbeschäftigung mit dem Filzball. Manchmal trifft die Platzknappheit auch Vereinsspieler. Ueberschär tingelt mehrmals pro Woche mit Tochter Jolien von Rostock nach Demmin zum Training. Zwei Jahre lang sind sie nach Schleswig-Holstein ausgewichen. Im Nachbarland genießt Tennis einen deutlich höheren Stellenwert. Der Tennisverband Schleswig-Holstein hat zehnmal so viele Mitglieder (41 703), fünfmal so viele Hallenplätze (257) wie MV und gönnt sich ein Leistungszentrum in Wahlstedt bei Bad Segeberg, wo er sieben überdachte Courts für seine besten Spieler anmietet.


Das zieht auch Spieler aus MV an. Jolien Ueberschär gehört neben Viggo Wagenknecht (Waren), Niels McDonald (Schwerin) und den Abendroth-Schwestern Jolie und Isabella (beide TV Nordwest Rostock) zu den größten Tennishoffnungen aus MV. Lange wird der Nordosten aber nicht mehr mit ihnen prahlen können, wenn sich die Trainingsbedingungen im Winter nicht bessern. Wagenknecht trainiert bereits in Hannover.

Ueberschär fordert besser Tennis-Förderung

Das Dilemma einer möglichen (besseren) Förderung von Tennis in MV: „Der Landessportbund fragt immer nach Teilnehmern an Deutschen Meisterschaften, Europa- und Weltmeisterschaften. Wie soll ich das beantworten, wenn die Talente wechseln, weil sie hier keine Entwicklungschancen sehen?“, beschreibt Ueberschär und fordert: „Es müssen jetzt Weichen gestellt werden. Beispielsweise muss Tennis vom Breiten- zum Leistungssport erklärt werden.“ Dann hätten die Talente beispielsweise eine bessere Chance, an den Sportschulen in Rostock, Schwerin und Neubrandenburg aufgenommen zu werden.

Ueberschär ist nicht der einzig Frustrierte. Sven Rathjens, Vater von ARTC-Talent Connor, liebäugelte entweder mit einem Umzug nach Dänemark, wo bessere Tennisbedingungen herrschen, oder mit einer privat finanzierten Tennishalle in oder um Rostock. „Und dann geben wir in Meck-Pomm mal Gas im Tennis“, schrieb Rathjens auf seiner Facebook-Seite.

Auch Sven Ueberschär hofft auf einen Ruck in der Sport- und Tenniswelt von MV. Er hat die Hoffnung, dass sich die coronabedingt positive Mitgliederentwicklung im Land fortsetzt und baut auf die Tennisveteranen: „Ich appelliere an alle Eltern und Großeltern: Bringt den Kindern dieses schöne Spiel bei!“ Ein neuer Tennishype würde kurzfristig zwar die Platzknappheit verschärfen, mittelfristig aber – so Ueberschärs Hoffnung – Lösungen des Problems erzwingen.