21. November 2020 / 13:36 Uhr

Verbandspräsident Packeiser: "Haben es versäumt, Boomjahre als Sprungbrett zu nutzen"

Verbandspräsident Packeiser: "Haben es versäumt, Boomjahre als Sprungbrett zu nutzen"

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Tennis ist in der Tat ausgesprochen gut durch die Corona-Situation gekommen, sagt Verbandspräsident Raik Packeiser.
"Tennis ist in der Tat ausgesprochen gut durch die Corona-Situation gekommen", sagt Verbandspräsident Raik Packeiser. © Lars Kaletta
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Tennissport erlebt eine Art Renaissance. Trotz Corona verzeichnen die 1200 Vereine (140 000 Aktive) in Niedersachsen und Bremen einen beachtlichen Zulauf. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Raik Packeiser, Präsident des Tennisverbandes, über die Rolle des Sports, was es bedarf, in die Weltspitze zu gelangen und warum Sportler immer seltener bereit sind, sich zu quälen.

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Herr Packeiser, fühlen Sie sich angesichts der Mitgliederzahlen als Corona-Gewinner?

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Die Sportart Tennis hat sicherlich an Bedeutung, Aufmerksamkeit und auch an Fans gewonnen. Tennis ist in der Tat ausgesprochen gut durch die Corona-Situation gekommen.

Klingt seltsam in den aktuell ungewissen Zeiten.

Wir kommen als Individualsportart gut durch die Krise. Als Verband haben wir einen anständigen Job gemacht, weil wir die Vereine wie Entscheidungsträger transparent in alle Prozesse eingebunden und intensiv kommuniziert haben. Dieser Weg führte dazu, dass wir die Krise inhaltlich gut im Griff haben.

Ihr Geschäftsführer Michael Wenkel hatte zuletzt mit dem Landessportbund geflirtet. Hat das Ihr Verhältnis belastet?

Nein. Das Ganze ist höher gekocht worden, als es hätte sein müssen. Im Hintergrund wurden Spielchen gespielt. Michael Wenkel ist ein sehr, sehr guter Geschäftsführer. Es ist sein gutes Recht, sich neue berufliche Möglichkeiten anzuschauen. Das Thema ist zwischen uns geklärt.

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Mit zwei Jugend-Weltranglisten-Turnieren im Sommer ist der Verband Schritte gegangen, die sich andere nicht getraut haben. Warum sind Sie dieses Corona-Wagnis eingegangen?

Das waren wichtige Signale, dass es im Leistungssport weitergeht. Wir wollen in Hannover perspektivisch Turniere entwickeln, ebenso wie den Bundesstützpunkt. Ohne Leistungssport kein Breitensport. Ohne Breitensport kein Leistungssport. Das bedingt einander. Wir brauchen eine Aufwertung der Leistungssportszene.

Sie sprechen von Leistungssportoffensive. Was verbirgt sich dahinter?

Dazu gehören bauliche Veränderungen am Stützpunkt Hannover, oder auch die Aus- und Weiterbildung der Trainer. Aufgabe ist es, neueste wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Trainertätigkeit einzubauen. Viele kleine Mosaiksteine kommen zusammen und müssen weiterentwickelt werden.

Wurde diese Entwicklung vernachlässigt?

Nein, die Welt dreht sich aber nun einmal weiter. Wir müssen bei allen Entwicklungen dran bleiben. Trainingsmethodik, Digitalisierung, Datenanalyse, und, und, und. Dafür braucht es gute Trainer und Spielerpotenzial. Wir sind auf einem guten Weg.

Aktuell spielen sich Nicole Rivkin und Angelina Wirges in den Fokus. Zwei große Talente. Aber haben beide das Zeug für ganz oben?

Die Weltspitze ist von so vielen Faktoren abhängig. Von ihrer Veranlagung her haben sie das Zeug für die Top 100. Für die Top 50 müssen sehr viele Faktoren ineinander greifen. Um in die Top 10 zu kommen, bedarf es zum einen Glück, zum anderen einer unfassbaren Disziplin und Engagement auf allen Ebenen. Natürlich ist das der Traum von uns allen. Dazu gehört sehr viel Persönlichkeitsentwicklung, noch mehr als in anderen Sportarten.

Etwas grundsätzlicher: Gibt es in Deutschland überhaupt Tennistalente, die sich mit den Besten der Welt messen können?

Wir haben das Phänomen, dass Spitzensport auch etwas mit Quälerei zu tun hat. Das ist heute gesellschaftlich nicht mehr sonderlich en vogue. Es bedarf einer gewissen Persönlichkeit, die bereit ist, an Grenzen zu gehen – und darüber hinaus. Der Pool derer, die das wollen, wird kleiner. Das ist ein gesellschaftliches Problem für den gesamten Leistungs- und Spitzensport.

Wurde die Talentförderung in Deutschland vernachlässigt?

Sagen wir mal: Wir haben es versäumt, die Boomjahre als Sprungbrett zu nutzen, den Tennissport langfristig und nachhaltig durchzufinanzieren und in ein professionelles Ausbildungssystem zu übertragen. Diese Lücken schließen wir mehr und mehr.

In der Corona-Krise zeigte sich, dass der Sport nicht die Lobbymacht hat, die sich die Vereine vorstellen. Gerade der Landessportbund muss Kritik einstecken. Wie haben Sie diese Phase erlebt?

Es gibt beim Landessportbund – wie in vielen Verbänden auch – Spielraum, die eigene Rolle und das Wirken nach außen zu stärken. Was es nicht braucht, sind in der Öffentlichkeit ausgetragene Dissonanzen. Man kann sich streiten, aber bitte nicht so, dass nach außen hin Schaden entsteht. Das Präsidium gibt ein disharmonischeres Bild ab als es sein muss. Das schreibe ich nicht dem Präsidenten und dem Vorstandsvorsitzenden zu, sondern anderen, die ihre singulären Interessen verfolgen.

Und worin sehen Sie die größte Herausforderung, um den Tennissport nachhaltig nach vorne zu bringen?

Herzstück wird immer der Hartplatz, der Sand und der Rasen sein. Ich wünsche mir aber, dass wir ein Regelwerk entwickeln, dass den Tennissport insgesamt planbarer, eventuell auch kürzer macht. Die Zeit der Fernsehübertragung von Fünf-Stunden-Matches ist außer auf Sportkanälen vorbei.