30. Oktober 2019 / 09:37 Uhr

Teresa Enke: "Der Fußball hat Robbi nicht kaputt gemacht"

Teresa Enke: "Der Fußball hat Robbi nicht kaputt gemacht"

Sebastian Stiekel und Claas Hennig (dpa)
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Robert und Teresa mit ihren Hunden Alamo (links oben) und Bo
. Heute heißen ihre beiden Hunde Yakari und Lulu (rechts).
Robert und Teresa mit ihren Hunden Alamo (links oben) und Bo . Heute heißen ihre beiden Hunde Yakari und Lulu (rechts). © Hauke-Christian Dittrich/dpa / imago images
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Am 10. November 2009 nahm sich der frühere Nationaltorwart Robert Enke das Leben. Einen Tag später machte seine Witwe Teresa Enke seine Depressionserkrankung öffentlich – die heute 43-Jährige leitet mittlerweile die Robert-Enke-Stiftung. Im Interview spricht Teresa Enke über ihr Leben, über den Umgang mit Depressionen und die Zeit vor zehn Jahren.

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Frau Enke, wir sitzen hier ganz in der Nähe der Robert-Enke-Straße und des Stadions, in dem Ihr Mann früher immer gespielt hat. Was löst das zehn Jahre nach seinem Tod in Ihnen aus?

Ich lebe seit zwei Jahren wieder in Hannover. In der ersten Zeit war das schwer, weil die Erinnerungen sehr schmerzhaft waren und ich solche Plätze deshalb auch gemieden habe. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier, irgendwann prallt einem das nicht mehr so entgegen. Meine Tochter geht hier zur Schule, an der Robert-Enke-Straße fahre ich jeden Tag vorbei. Es ist nicht mehr so omnipräsent wie am Anfang.

Gehen Sie in Hannover auch ins Stadion?

Per Mertesacker hat mich vor einem Jahr zu seinem Abschiedsspiel eingeladen. Das war schön, aber das war auch sehr hart. Da waren viele Ehemalige dabei, da habe ich zum ersten Mal das Stadion wiedergesehen, und da kamen natürlich viele Emotionen hoch. Die alten Wegbegleiter wurden gefeiert, und ich habe mir vorgestellt, wie Robbi da im Tor steht und darin aufgegangen wäre.

Ich war danach auch bei einem Spiel von Hannover 96 gegen den VfL Wolfsburg. Ansonsten muss ich aber sagen: Ich war noch nie sehr fußballaffin. Ich bin da früher reingeschubst worden. Mittlerweile kenne ich auch kaum jemanden mehr. Vorher gab es noch eine Verbundenheit zu ehemaligen Mitspielern von Robbi. Jetzt sagen mir die wenigsten Namen etwas.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit vor zehn Jahren?

Das war mit einer großen Wucht da, und diese Wucht ist auch geblieben. Ich habe ja nicht nur den geliebten Menschen verloren, sondern mein Leben hat sich komplett geändert. Ich war auf einmal eine alleinerziehende Mutter in einem großen Haus mit all den Sachen, die zurückgeblieben sind. Ich musste Dinge regeln, um die ich mich nie gekümmert hatte.

Wie sehen Sie im Nachhinein die Pressekonferenz, die Sie einen Tag nach dem Tod Ihres Mannes gegeben haben? Sie wurden damals als starke Frau bewundert.

Sie müssen dazu wissen: Am Abend nach dem Tod war mein Haus voll. Ich weiß gar nicht mehr genau, wer alles da war: von Hannover 96, meinen Freunden, Robbis Berater und so weiter. Wir sprachen da bis nachts um 2 Uhr: Wer macht die Pressekonferenz? Was wird gesagt? Und irgendwann habe ich gesagt: „Stopp, ich kann das nicht mehr hören. Das ist mein Mann, und ich werde sprechen. Ich verstehe das am besten und ich möchte der Öffentlichkeit sagen, was los war.“

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Robert Enke: Eine Erinnerung in Bildern ©
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Wie haben Sie die Reaktionen danach wahrgenommen?

Ich wurde später in Hannover mit dem Leibniz-Ring ausgezeichnet. Da habe ich mich sehr geehrt gefühlt – aber das war nie meine Intention. Ich wurde auf einen Sockel gestellt, den ich mir selbst gar nicht zugesprochen hätte. Ich wurde immer mit diesen Attributen versehen: Du bist so stark! Wie schaffst du das? Aber ich war gar nicht so stark.

Bevor Robbi und unsere Tochter Lara gestorben sind, war ich eher zögerlich. Menschen, die mit dieser Frage zu mir kommen, sage ich immer: Du wächst mit deinen Aufgaben. Wenn du so gefordert wirst, kannst du das schaffen. Die Option musst du zulassen.

Die schlimmste Zeit erleben viele erst nach der Beerdigung. War das auch bei Ihnen so?

Wir waren davor eine Familie – und auf einmal bist du allein. Ich bin an das Grab gegangen, und da standen zwei Namen drauf. Ich war so traurig darüber, dass ein Mensch so verzweifelt sein kann, dass er all das Schöne und Wertvolle hinter sich lässt. Das kommt einem so unwirklich vor. Meine Tochter hat mich damals weitermachen lassen. Sie kann nichts dafür, und ich konnte nicht zulassen, dass auch ihr Leben darunter leidet.

Was hat sich seit dem Tod von Robert Enke im Umgang mit dem Thema Depressionen in der Öffentlichkeit geändert?

Es wird viel mehr darüber berichtet und es wird ganz anders wahrgenommen. Wenn ich am Flughafen oder am Bahnhof stehe und die Titel der vielen Zeitungen sehe: Da geht es viel häufiger als früher um Depressionen, seelische Erkrankungen oder um mentale Hygiene. Das ist ein großes und mittlerweile auch öffentliches Thema geworden.

Ist vielen durch den Tod Ihres Mannes zum ersten Mal klar geworden, dass Depression eine Krankheit ist und keine Schwäche?

Ich habe damals am Anfang gesagt: Robbi ist als Märtyrer gestorben. Aber das war der falsche Ausdruck. Denn das hätte ja bedeutet, er sei mit der Absicht gestorben, etwas zu bewirken. Und das ist Quatsch. Eigentlich wollte ich ausdrücken: Sein Tod hat so viel bewegt, weil Menschen dadurch wachgerüttelt wurden.

Auf einmal war diese Krankheit zu fassen. Da war ein erfolgreicher Sportler, der durch den Tod seiner Tochter zwar einen schweren Schicksalsschlag erlitten hatte, der aber gerade wieder Vater geworden war, der endlich im Tor der Nationalmannschaft stand und der auch finanziell völlig unabhängig war.

Heißt das auch, die Krankheit Ihres Mannes wurde nicht durch den Fußball ausgelöst oder verstärkt?

Genau. Natürlich können bestimmte Lebensumstände wie ein schlimmer Schicksalsschlag oder ein finanzieller Einbruch begünstigend wirken. Aber der Fußball hat ihn nicht in diese Krankheit getrieben. Wenn er gesund war, war er überhaupt nicht anfällig für die Druck- und Stresssituationen des Profifußballs, die zum Beispiel Per Mertesacker einmal beschrieben hat.

Robbi musste sich nicht vor einem Spiel übergeben. Ich habe ihn immer gefragt: „Wie kannst du da hineinlaufen in ein Stadion mit 50 000 Menschen?“ Aber wenn er gesund war, hatte er vor so etwas keine Angst. Nur sobald die Krankheit wiederkam, wurde er unsicher. Und deshalb möchte ich auch ein Bild von Robbi unbedingt bewahren.

Welches?

Er war kein unglücklicher Mensch. Er hatte seine Krankheit, seine depressiven Phasen. Und er war vielleicht auch kein extrovertierter Mensch. Aber er war trotzdem ein lustiger Geselle, mit dem wir viel Spaß haben konnten. Wir hatten eine tolle Zeit im Ausland. Wenn diese Krankheit kam, hat sie ihn aber übermannt. Und in dieser Situation war der Fußball vielleicht doch etwas schwieriger zu handeln als andere Berufe, weil er eine große Verantwortung gespürt hat. Es geht um viel Geld. Es herrscht ein großer Konkurrenzkampf. Robbis größte Angst war immer, dass er seinen Platz im Tor verliert, wenn er seine Krankheit öffentlich macht oder in Therapie geht.

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Ihre Stiftung bietet eine App an, für die Sie mit den Worten werben: „Robert Enke konnten wir nicht retten. Dich schon.“ Was können Menschen mit Depressionen aus diesen Erfahrungen lernen?

Dass du immer die Chance hast, wiederzukommen. Das hat Robbi immer wieder gezeigt. Er ist nach seiner schlimmen Depression in Barcelona und Istanbul wieder Bundesliga-Torwart geworden und hat es sogar zur Nummer eins der Nationalmannschaft gebracht. Das hat er sich alles erarbeitet – trotz des Todes seiner Tochter und trotz seiner ersten Depression 2003.

Er war also stark, nur konnte er gegen seine Krankheit nicht ankommen. Deshalb mag ich auch den Begriff Selbstmord nicht. Die Depression hat ihn glauben lassen, dass der Suizid die einzige Möglichkeit wäre, diese Krankheit loszuwerden. Was für ein fataler Trugschluss!

Bei der Beerdigung Ihres Mannes lautete die Kernbotschaft in der Trauerrede des damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger: Fußball darf nicht alles sein. In den vergangenen zehn Jahren ist aber alles am Fußballgeschäft noch einmal gewachsen. Wie gehen Sie damit um?

Der Leistungsdruck wird immer da sein, schließlich definiert sich der Spitzensport durch erbrachte Leistungen. Auch dass Journalisten darüber schreiben, dass lieber der spielen sollte oder der: Das wird sich ebenfalls nicht ändern. Das gehört irgendwie dazu. Die Rede von Theo Zwanziger war toll. Aber sie hatte nichts mit Robbis Krankheit zu tun, weil es nicht der Fußball war, der ihn kaputt gemacht hat. Dass er auch unter gewissen Auswüchsen gelitten hat, war klar. Heute müssen die Spieler in den sozialen Medien noch viel mehr aushalten. Das ist ein Teil des Geschäfts, weshalb wir vor allem junge Leute darauf besser vorbereiten müssen.

Wie geht es Ihnen zehn Jahre nach dem Tod Ihres Mannes? Wie sieht Ihr Leben aus?

Das Leben verändert sich permanent. Ich bin wirklich mit mir im Reinen. Die Stiftung nimmt einen großen Anteil davon in Anspruch – und ich liebe meine Arbeit. Es ist etwas Schönes, wenn ich vielen Menschen helfen kann und dafür die Rückmeldung bekomme, dass ich etwas Gutes tue. Von daher: Mir geht es gut. Ich denke mittlerweile mit Dankbarkeit und Freude an Lara, an Robbi und an die gemeinsame Zeit zurück. Es gibt natürlich Momente, in denen ich traurig bin. Aber wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich wieder glücklich werden kann – dann hätte ich das nicht geglaubt.

Und wie werden Sie den zehnten Todestag verbringen?

Meine Familie, Freunde und Robbis Mama werden kommen. Dazu führen wir mit der Stiftung zurzeit eine Aktionsreihe durch. Ich möchte diesen Tag auch gar nicht so besonders machen, wir zele­brie­ren eher Robbis Geburtstage. Wir werden aber auch keine Trübsal blasen, sondern uns erinnern und auch lustige Geschichten erzählen. Ich stelle mir dann immer vor: Robbi sitzt da oben neben Lara, meinem Bruder und meinem Papa. Die gucken zu uns runter, und ihnen geht es gut. Diese kindliche Vorstellung habe ich noch.

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