03. Juni 2021 / 20:17 Uhr

Tests, Impfung, Rückkehr der Fans - Grizzlys-Wolfsburg-Mediziner im Corona-Interview 

Tests, Impfung, Rückkehr der Fans - Grizzlys-Wolfsburg-Mediziner im Corona-Interview 

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Eisarena;  Wiolfsburg; leere Ränge; Dr. Axel Gänsslen; Teamarzt ; Grizzlys Wolfsburg; Montage
Anstrengende Saison, Hoffnung auf Rückkehr der Fans: Im Interview spricht der Hygiene-Beauftragte der Grizzlys Wolfsburg, Dr. Axel Gänsslen, über die Herausforderungen der abgelaufenen Eishockey-Spielzeit - und die, die kommen. © Boris Baschin, Grizzlys Wolfsburg/City-Press GmbH
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Das Team muss sich auch in der neuen Saison auf Corona-Tests einrichten, die Rückkehr der Zuschauer erwartet er - Teamarzt und Hygiene-Beauftragter Dr. Axel Gänsslen vom deutschen Eishockey-Vizemeister Grizzlys Wolfsburg im SPORTBUZZER-Interview.

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Die Saison liegt hinter den Grizzlys Wolfsburg – sie stand im Zeichen der Corona-Pandemie. Was das hinter den Kulissen bedeutet, darüber sprach SPORTBUZZER-Redakteur Jürgen Braun mit einem der langjährigen Mannschaftsärzte der Grizzlys, Dr. Axel Gänsslen, der mit Yannick Imler aus der Klub-Organisation als Hygienebeauftragter bei den Grizzlys fungierte. Dr. Gänsslen ist Facharzt für Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie im Klinikum Wolfsburg.

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Die wichtigste Frage zuerst: Werden wir wieder eine normale Saison erleben?
Ich gehe davon aus, dass wir auch in einer kommenden Saison testen werden. Ob das auch im bisherigen Ausmaß passiert, wird sich zeigen. Ich gehe aber davon aus, dass das Corona-Virus ein Virus ist, wie jedes andere auch, also beispielsweise das Grippevirus, wo wir uns einmal im Jahr dagegen impfen lassen müssen, damit die Krankheitsrate nicht ansteigt.

Und wenn die Spieler geimpft sein sollten, müsste man sie dennoch testen?
Ja. Eine Impfung verhindert nicht, dass ich mich infizieren kann. Sie ist dafür da, dass wir einen höchstmöglichen Schutz vor einer Infektion haben und dass die Infektion, wenn sie denn eintritt, nicht so heftig ausfällt wie ohne Impfung. Noch einmal: Nach derzeitigem Stand verhindert eine Impfung nicht, dass wir uns infizieren können.



Skizzieren Sie doch mal, wie das lief mit den Testungen bei den Grizzlys.
Ich kann gar nicht sagen, wie häufig wir getestet haben. Zum Schluss war das drei- bis viermal die Woche, abhängig davon, wann die Spiele stattgefunden haben. In der Anfangsphase der Saison waren es pro Woche ein PCR-Test und zwei Antigen-Tests. In den Play-Offs wurden es dann aber zwei- bis drei PCR-Tests pro Woche, je nach Häufung der Spiele. Vorgabe war: Der Test darf nicht älter als 48 Stunden sein.

Wie kann man sich die Umsetzung vorstellen?
Physiotherapeut Tom Woerlen und der Athletiktrainer Peter Kruse haben das ganz hervorragend gemacht. Da kann ich als Mannschaftsarzt und als einer der beiden Hygienebeauftragten des Klubs ein großes Lob aussprechen. Ohne die Hilfestellung innerhalb des Betreuungsstabs des Teams wäre das nicht umsetzbar gewesen, ärztlich hätten wir diese Vielzahl an Tests, das waren ca. 2000 bis 2550 Tests, nicht steuern können.

Wie lange dauerte eine Testung?
In der Anfangsphase etwa zwei Stunden, aber wir hatten einen großen Vorteil...

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Welchen?
Wir konnten den PCR-Test als Gurgeltest anbieten – was uns vom Klinikum zur Verfügung gestellt wurde. Da sind wir als Klub dem Klinikum, insbesondere dem Labor um Leiterin Rothe und Oberärztin Söffker sehr dankbar für ihre unkonventionelle Unterstützung. Das war gigantisch, das hat es uns wesentlich leichter gemacht. Wir konnten für einen PCR-Test 30 Spieler und Angestellte auf den Parkplatz stellen, die haben gegurgelt, Probe dann rein ins Röhrchen, selbst verschließen, ab ins Labor damit. Beim Antigen-Test wiederum mussten sich Peter und Tom stets selbst schützen. Und das endete nicht einmal bei den Spielern, regelhaft mussten auch Dopingkontrolleure oder Schiedsrichter getestet werden, wenn diese keinen Test mitbrachten. Wieder: Schutzanzug an, Maske auf. Das ist schon eine nicht unerhebliche Belastung. Aber: Nur dadurch konnte auch gespielt werden. Und das war für alle das große ganze Ziel.

Als die ersten Fälle bei den Grizzlys kamen, wie haben Sie das eingeschätzt?
Ich war immer optimistisch, ich habe mir zu keinem Zeitpunkt Gedanken gemacht, dass da etwas aus dem Ruder laufen könnte. Die Konzepte waren gut. Es war statistisches Pech, dass einige Spieler positiv waren, Gott sei Dank bekam keiner gravierende Langzeitstörungen, und es hat auch keiner welche entwickelt. Die Spieler haben das Konzept mitgetragen, was in der Frühphase der Saison bedeutet hat, dass Dr. Nazem Hamade oder ich jeden zweiten Tag angerufen worden sind: ,Kratzen im Hals, die Nase geht zu, wie gehe ich damit um, wie mit der Familie und Kindern?‘ Das war für uns Zusatz-Belastung, aber das hatten wir ja auch so gefordert. Wenn dann später mal einer abends die Nase zu hatte, am nächsten Vormittag aber meldete, alles sei gut, es lag auch kein Fieber vor, dann haben wir gesagt: Okay, es ist Herbst, mal 18 Grad mal minus 3 Grad, da fängt man sich schon mal Nasen-Rachenmäßig was ein. Wenn einer relevante Symptome hatte, also richtig Halsschmerzen und so weiter, ist er von unserem langjährigen Mannschaftsarzt Dr. Hamade angeschaut worden - und da haben wir auch einen oder zwei rausgefischt, die eine Angina, also eine Mandelentzündung, hatten.

Gab es Situationen, wo sie nachschärfen mussten oder lockern konnten?
Wir hatten, wie gesagt, das Konzept hart umgesetzt, haben fast nichts zugelassen. Es muss sich einspielen, da gab es regelmäßig noch Ansprachen: ,Denkt in dem oder dem Bereich an die Maskenpflicht, wascht die Hände‘ - das war ein gewisser militärischer Drill, bis es in Fleisch und Blut überging, aber dann lief es bis zum Ende sehr, sehr gut.

Aber ohne Lockerungen?
Die Idee war, lieber hart zu starten. Es ist einfacher, dann zu lockern, als locker zu starten und dann die Schrauben anzuziehen. Das ist emotional nicht gut. Wir haben aber am Ende nicht gelockert, sondern haben es bis zum Ende durchgezogen, nur sind wir irgendwann nicht mehr mit erhobenem Zeigefinger rumgelaufen.

War Ihre Rolle als Aufpasser und Mahner manchmal schwierig?
Wir mussten ja auch im Nicht-GmbH-Bereich bei den Kindern und Jugendlichen ein Konzept fahren. Da gab es irgendwann den Punkt, wo ich sagen musste: Wir können es nicht weiter diskutieren, wir müssen es umsetzen, uns dran halten. Geht es nicht, mache ich den Laden zu. Da bin ich auch mit Leuten in heftiger Diskussion gewesen, mit denen ich mich privat gut verstehe.

Und wie lief es in der GmbH?
Ich hatte maximale Unterstützung und finde, die Zusammenarbeit etwa mit Manager Charly Fliegauf, die immer schon gut war, ist in dieser Zeit enger und das Miteinander intensiver geworden. Was übrigens auch für andere Bereiche gilt.

Nämlich?
Die Spieler um Kapitän Sebastian Furchner haben überlegt, wie sie den Leuten im Klinikum etwas zurückgeben können, für das, was von dort an Hilfe kam. Also haben sie zusammengelegt und eine große Pizza-Lieferung für das Labor besorgt. Das hat mir gefallen. Und ich denke, dass die Mitarbeiter auch mal zu einem Spiel eingeladen werden.

Wagen Sie eine Einschätzung, ob in der kommenden Saison wieder in nennenswerter Zahl Zuschauer dabei sein dürfen?
Nach derzeitigem Stand gehe ich davon aus, dass wir mit Zuschauern spielen werden. Ob wir hundert Prozent zulassen dürfen, wird sich zeigen. Aber auch dazu haben wir bereits verschiedene Konzepte in der Schublade, die abhängig von den Inzidenzzahlen sind. Wir brauchen die Zuschauer, weil es für alle Beteiligten einfach mehr Spaß macht. Gut ist, dass wir zum Beispiel durch die EM beim Fußball zu Saisonbeginn auf Erfahrungen zurückgreifen können. Die letzte Entscheidung wird gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen, insbesondere Dr. Regine Gattwinkel vom Gesundheitsamt, mit der wir die ganze Zeit schon exzellent zusammengearbeitet haben und die uns super unterstützt hat, getroffen werden.