08. Juni 2021 / 18:10 Uhr

Thiam über seinen Wolfsburg-Abschied: "Nach 18 Jahren ist das gar nicht so einfach"

Thiam über seinen Wolfsburg-Abschied: "Nach 18 Jahren ist das gar nicht so einfach"

Benno Seelhöfer
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Lange ein VfLer: 18 seiner 31 Jahre im Fußball-Geschäft hat Pablo Thiam in Wolfsburg verbracht. Nun beginnt für ihn ein neues Kapitel bei Hertha BSC.
Lange ein VfLer: 18 seiner 31 Jahre im Fußball-Geschäft hat Pablo Thiam in Wolfsburg verbracht. Nun beginnt für ihn ein neues Kapitel bei Hertha BSC. © Roland Hermstein
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Mit Pablo Thiam verliert der VfL Wolfsburg nicht nur seinen Nachwuchs-Chef, sondern auch einen seiner dienstältesten Angestellten. Als Profi kam der Mittelfeldspieler in die Autostadt, unter Felix Magath wurde er Manager - und nun spricht Thiam erstmals über seinen Wechsel zur Hertha und blickt auf seine Zeit in Wolfsburg zurück.

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18 Jahre lang war Pablo Thiam in Diensten des VfL Wolfsburg. Für den Fußball-Bundesligisten war er nicht nur in 117 Liga-Spielen im Einsatz, sondern anschließend auch Management-Assistent unter Felix Magath, später wurde er Sportlicher Leiter der U23-Mannschaft und 2018 schließlich als Nachfolger von Fabian Wohlgemuth dann Nachwuchs-Chef in der Akademie des VfL. Seit Sonntag ist klar: Thiam zieht es ab Juli zur Hertha nach Berlin, dort wird er ebenfalls im Nachwuchs-Bereich arbeiten. Nun sprach der langjährige VfLer, der ohnehin schon aus der Hauptstadt nach Wolfsburg gependelt war, erstmals über die Beweggründe seines Wechsels - und blickt auf seine gesamte Zeit beim VfL zurück.

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Thiams Abschied folgt kurz auf das Aus der U23 - dass dazwischen eine Verbindung besteht, bestreitet der Noch-Nachwuchs-Chef aber vehement. "Dass die U23 nun weg ist, hat damit nichts zu tun. Dadurch ist auch nicht der größte Teil meiner Aufgabenbereiche weggefallen", betont der Ex-Profi. Für Arbeit sorgten vor allem die unteren Mannschaften, nicht zuletzt das neu ausgearbeitete Konzept mit den vier Amateur-Klubs aus der Region.

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Eine Sache stört Thiam am U23-Aus

Allerdings gibt Thiam zu: "Das Einzige, was mich an dem Aus der U23 ein bisschen stört, ist, wenn ich an die Trainer und Spieler denke, die Kurzfristigkeit der Entscheidung." Der Nachwuchs-Chef hat daraufhin fleißig als Spielervermittler mit angepackt und dabei geholfen, einigen Kickern einen neuen Klub zu suchen. Den hat jetzt auch Thiam. Die Entscheidung pro Hertha sei vor allem "ein Wechsel für die Familie. Wenn es nicht Berlin gewesen wäre, hätte ich auch keine Freigabe erhalten". Und dann hätte es den ehemaligen Mittelfeldspieler wahrscheinlich auch nicht aus Wolfsburg weggezogen.



Denn Thiam, der mittlerweile 31 Jahre im Fußball-Geschäft ist, hat weit mehr als die Hälfte dieser Zeit in Wolfsburg verbracht und weiß, was er am VfL hat. "Der Wechsel nach Wolfsburg war die beste Entscheidung meines Lebens. Nach 18 Jahren ist ein Abschied gar nicht so einfach", sagt der künftige Sportliche Leiter der Fußball-Akademie der Hertha. "Aber ich habe jetzt in Berlin die Möglichkeit, das zu machen, was ich gern mache." Und dazu spart er sich mehrere Hotel-Übernachtungen und Stunden im Zug pro Woche.

LKW-Reifen fürs Training beschaffen

Dass es für Thiam überhaupt ins Management ging, verdankt er Felix Magath, dem er ab 2008 assistierte - und der ihn ins eiskalte Wasser warf. "Ich war Assistent vom Geschäftsführer und Team-Manager, ich war quasi alles. Die Sachen prasselten so auf mich ein", erinnert sich Thiam mit einem Schmunzeln. "Ich hatte keine Ausbildung in dem Sinne. Man musste alles nach und nach mitbekommen."

Und dann kamen noch kuriose Anfragen dazu: Für den ehemaligen VfL-Fitmacher Werner Leuthard sollte er unter anderem mal LKW-Reifen für eine schweißtreibende Übung im Trainingslager auf Usedom beschaffen. Was Thiam tat. Aber mit einem schlechten Gewissen, berichtet er mit einem Schmunzeln: "Ich sagte nur zu Werner: 'Tu mit bitte einen Gefallen: Sag' den Jungs niemals, dass ich dir die Reifen gebracht habe.'" Die erste Zeit im Management war anstrengend, nach nur zwei Monaten im neuen Job sagte der Ex-Profi zu seiner Frau: "Ich glaube, das ist nichts für mich." Darüber kann er heute nur lachen.

CL-Spiel in Wolfsburg schauen

Denn im Nachhinein hat ihm das die Tür für seine Karriere nach der Karriere geöffnet. Und zwischenzeitlich hatte er auch mit einem Job im Profi-Bereich geliebäugelt. Auch als es in der Zeit mit Olaf Rebbe als VfL-Sportdirektor drunter und drüber ging, gab Thiam viele Interviews, war für den VfL medial präsent. Aber, so erzählt er: "Die Leute, die es damals gemacht haben, wollten keine Hilfe." Ob in Berlin der Sprung in den Profi-Bereich noch folgt? Thiam will es nicht ausschließen, aber erst mal zählt seine Aufgabe als Nachwuchs-Chef dort.

Bleibt noch eine Sache zu klären: Auch wenn der Wechsel vor allem familiäre Gründe hat, kommt sein Hertha-Engagement dort nicht nur gut an. "Mein Sohn Jonah fragte mich: 'Papa, ist das dein Ernst? Du wechselst aus der Champions League in den Abstiegskampf?", erzählt Thiam mit einem breiten Grinsen von einem Gespräch mit dem Achtjährigen VfL-Fan, der jedes Jahr zum Geburtstag ein neues grün-weißes Trikot bekommt. Und das soll sich auch jetzt nicht ändern. Und eins hat Thiam seinem Filius deshalb auch schon versprochen: "Wir schauen uns in der kommenden Saison auf jeden Fall ein Champions-League-Spiel in Wolfsburg an."