19. März 2019 / 08:15 Uhr

Thomas Brdaric im #GABFAF-Interview: „Der Profifußball ist zu einer eigenen Welt verkommen“

Thomas Brdaric im #GABFAF-Interview: „Der Profifußball ist zu einer eigenen Welt verkommen“

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Thomas Brdarić unterstützt die #GABFAF-Idee: Die Verhältnismäßigkeit muss stimmen.
Thomas Brdarić unterstützt die #GABFAF-Idee: "Die Verhältnismäßigkeit muss stimmen." © #GABFAF, imago/Picture Point
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Thomas Brdarić kennt den Fußball in seinen Schattierungen. Als Profi absolvierte der Angreifer acht Länderspiele für Deutschland, stand mit Bayer Leverkusen im Finale der Champions League 2002, stürmte für Hannover 96 und den VfL Wolfsburg. Aktuell coacht der 44-Jährige den Regionalligisten Rot-Weiß Erfurt, auch in der 5. Liga war Brdarić Trainer. Im Interview berichtet er über die Schere zwischen oben und unten.

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Hinweis: Dieses Interview ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Weitere Informationen dazu auf gabfaf.de.

Herr Brdarić, Sie coachen den Regionalligisten RW Erfurt – mit welchen Problemen werden Sie konfrontiert?

Das fängt damit an, Wasserkisten zu besorgen und endet damit, im Winter einen Platz zu finden, auf dem wir einigermaßen risikofrei trainieren können. Es geht um fehlende Sponsoren, ums Schiedsrichterwesen, um Anstoßzeiten, und, und, und.

Warum ist der Amateurfußball so wichtig für Deutschland?

Ganz einfach: Weil das unsere Basis ist. Es gibt mehr Amateurvereine als Profiklubs, mehr Hobbyfußballer als Spieler, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Deshalb darf das Augenmerk nicht nur auf den obersten Ligen liegen, sondern auch auf dem Übergangs- und Nachwuchsbereich.

Der offizielle Trailer: Das ist #GABFAF

Wo sehen Sie die größten Probleme?

Puh, wo soll ich da anfangen? In erster Linie passen aus meiner Sicht die Verhältnismäßigkeiten nicht mehr. Oben wird immer mehr und mehr verdient, darunter haben die Amateurklubs zu leiden. Man sollte mit dem Geld, welches im Fußball umgesetzt wird, auch die Basis unterstützen. Doch es gibt keine Balance mehr.

Können Sie das noch konkretisieren?

Es geht vor allem um Ausbildung – sowohl von Trainern als auch von Talenten. Die Trainerausbildung beim DFB ist gut strukturiert, aber die Breite hat davon nichts. Ich halte Vorträge vor Nachwuchstrainern und bekomme deren Probleme mit. Gehört man nicht zum NLZ eines größeren Klubs, hat man kaum eine Chance. Bei den Talenten ist es so: Die besten werden mit zwölf oder 13 Jahren – oder sogar noch früher – von großen Klubs geködert, nur die wenigsten schaffen es. Der Rest versauert und hat keine Spielpraxis, die sie in unteren Ligen bekommen würden.

Das #GABFAF-Manifest

Das Grundgesetz der Initiative: Im Manifest könnt Ihr nachlesen, wofür #GABFAF sich einsetzt. Direkt hier in der Galerie! Zur Galerie
Das "Grundgesetz" der Initiative: Im Manifest könnt Ihr nachlesen, wofür #GABFAF sich einsetzt. Direkt hier in der Galerie! © #GABFAF
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Wie werden Geschichten wie die Goldsteak-Affäre um Franck Ribéry in der Kabine diskutiert?

Das Problem ist, dass im Profifußball viele Dinge nicht mehr eingeordnet werden können. Die Jungs bekommen schon im Kindesalter alles organisiert. Und dann bekommt man solche „Vorbilder“ vor Augen geführt, da kann ich nur den Kopf schütteln.

Zu Ihrer Zeit als Profi gab es weniger solcher Vorfälle – warum?

Zwischen 2007 und 2010 sind die TV-Gelder explodiert und es wurden zig Millionen in den Markt gespült, was sich auf die Verträge und Gehälter ausgewirkt hat. Ich bin der Meinung, dass ein Profi viel Geld verdienen sollte, schließlich sind die Spieler die Hauptdarsteller, die Stars, warum die Leute ins Stadion kommen – aber die Verhältnismäßigkeit muss stimmen, sonst wenden sich immer mehr Menschen ab.

Wie meinen Sie das?

Die Schere ist so weit auseinandergeklafft, der Profifußball ist zu einer eigenen Welt verkommen. Man gibt sich nicht mehr volksnah – das war zu meiner Zeit anders. Und wenn dann Regionalligisten, die aus dem Profibereich abgestiegen sind, keine Sponsoren mehr finden, weil diese ihr Geld nur oben reinpumpen, dann wird es für viele Klubs schwierig bis unmöglich zu überleben.

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Was nervt Sie am meisten?

Zum Beispiel, dass nicht ganz klar abgesteckt ist, wo Profifußball aufhört und Amateurfußball beginnt oder umgekehrt. Die Bedingungen in der Regionalliga sind so unterschiedlich: Einige Klubs trainieren jeden Tag, andere nur dreimal die Woche. Manche Spieler müssen nebenbei noch arbeiten, andere nicht. Manche Vereine haben gute Trainingsbedingungen, andere katastrophale. Wie soll ein Trainer auf einem holprigen Acker Techniktraining machen? Man hat mit so vielen Umständen zu kämpfen, das spüre ich jeden Tag.

Welche Charaktereigenschaften Ihrer Spieler würden Sie sich für einige Profis und Trainer wünschen?

Demut und Respekt! Ich merke selbst, wie wenig Wertschätzung und Aufmerksamkeit man bekommt. Und ich weiß, wie viel Leidenschaft und Herzblut dazugehört, vor allem bei den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern, ohne die wir gar nicht existieren könnten. Da wird Fußball noch gelebt, trotz aller Unwägbarkeiten – und gerade deshalb macht es auch so viel Spaß.

Dennoch wollen Sie auch als Trainer zurück in den Profibereich.

Daraus mache ich kein Geheimnis, das ist mein Ziel – aber ich verschließe die Augen nicht vor der Basis. Für mich ist es ein Geschenk, Trainer zu sein. Fußball ist jeden Tag Leidenschaft pur, egal in welcher Liga. Und eines weiß ich: Auch in den unteren Ligen machen ganz, ganz viele Menschen einen tollen Job – und das unter deutlich schwierigeren Bedingungen als die Kollegen ganz oben. Dies wird leider viel zu wenig gewürdigt.

Das sind die #GABFAF-Unterstützer

Profis, Promis, Amateure: Einige der #GABFAF-Unterstützer findest Du hier in der Galerie. Zur Galerie
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