25. Juni 2019 / 06:00 Uhr

Thomas Broich über seinen Job als TV-Experte, eine Zukunft als Trainer und den „Deckungsschatten“

Thomas Broich über seinen Job als TV-Experte, eine Zukunft als Trainer und den „Deckungsschatten“

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ex-Profi Thomas Broich arbeitet bei der U21-Europameisterschaft als TV-Experte für die ARD
Ex-Profi Thomas Broich arbeitet bei der U21-Europameisterschaft als TV-Experte für die ARD © Verwendung weltweit
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Nach einer bunten Karriere – mit Stationen unter anderem in Köln, Gladbach und zuletzt in Australien bei Brisbane Roar – ist Thomas Broich zurück in Europa. Der 38-Jährige ist bei der U21-EM als Experte für die ARD im Einsatz.

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SPORTBUZZER: Herr Broich, sieht man als Ex-Profi in einem Fußballspiel andere Dinge als der Kommentator?

Thomas Broich (38): Irgendwann mal Profi gewesen zu sein, heißt heutzutage ja nichts mehr. Zu meiner aktiven Zeit ging es ehrlicherweise oft darum, etwas Abstand zu gewinnen. Jetzt ist es das krasse Gegenteil. Ich beschäftige mich mehr denn je mit Fußball. Jedes Spiel, das ich in die Finger kriege, habe ich im besten Fall ein paar Mal geguckt. Man muss sich echt total mit dem Spiel auseinandersetzen – und mit wahnsinnig vielen Leuten reden, die alle unfassbar viel Ahnung haben: Journalisten, Blogger, Nachwuchstrainer. Wenn man von denen auf einige Dinge aufmerksam gemacht wird, sieht man auf einmal Sachen, die vorher für einen gar nicht da waren.

Zum Beispiel?

Der Deckungsschatten. Meine Idee vom Fußball war lange, dass man einen Sechser hat, wie Sergio Busquets von Barcelona, der seine Position hält. Doch im Prinzip kann er auch geradeaus nach vorn laufen, um Druck auszuüben und durch seinen Deckungsschatten dahinter verhindern, dass überhaupt jemand in dem Raum anspielbar ist. Das sind Sachen, die ich vor zwei Jahren auch noch nicht wusste.

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Gibt es Trends, die bei der U21-EM zu erkennen sind?

Es ist schon so, dass die Mannschaften versuchen, sich etwas von den Besten abzugucken. Aktuell ist in Europa vieles vom FC Liverpool und der Idee des aggressiven Draufgehens inspiriert. Ich glaube, dass sich auch die deutsche U21 da einige Dinge abguckt.

Denken Sie auch mal an Ihre Zeit als U21-Nationalspieler zurück?

Ich habe es schon ein bisschen verglichen. Ich war anfangs ja noch bei Burghausen in der 2. Liga und durfte mit Kevin Kurányi kicken. Ich habe das immer unheimlich genossen, weil es eine ganz andere Art von Fußball war. Und jetzt ist es ähnlich.

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Jonathan Tah, Maximilian Eggestein, Mahmoud Dahoud und Alexander Nübel stehen im finalen EM-Kader der U21-Nationalmannschaft.  ©
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Inwiefern?

Die Jungs, die mit Freiburg, Augsburg, Mainz oder Stuttgart ja meistens gegen den Abstieg spielen, kommen zur U21, wo eine ganz andere Philosophie herrscht. Egal, ob Waldschmidt, Richter oder Öztunali – für die ist das eine Riesenchance, um zum einen international und zum anderen mit einer Spielidee zu spielen, die unter Umständen ihren Fähigkeiten viel mehr entspricht, als sie das im Verein kann.

Klingt nach einer wichtigen Rolle, die die U21 einnimmt.

Als junger Spieler muss man sich ja eigentlich nur um sich selbst kümmern, denn im Klub gibt es immer irgendwelche arrivierten Platzhirsche, die das Denken für dich übernehmen. Aber wenn du dann in so einem Team spielst, bist du auch mal für deinen Nebenmann verantwortlich. Man wird lautstärker, man reift als Persönlichkeit. Meine eigene Erfahrung war: Jeder, der das mal erlebt hat, leckt Blut. Und im Nachhinein ist man sicher kein stilles Mäuschen mehr. Daher gibt die U21 im Idealfall jedem einen Schub.

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Woran merken Sie, dass diese Generation eine andere ist als Ihre?

Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die Jungs sind unfassbar athletisch, allein die Körperfettanteile… Das sind ja Maschinen, jeder ist schnell, gut gebaut. Dazu die Art und Weise, wie sie gelernt haben, Fußball zu denken – das war zu meiner Zeit alles noch etwas improvisierter.

Was hat sich neben dem Platz geändert?

Social Media gab es zu meiner Zeit ja noch gar nicht. Und bei den Extremen, die sich im Internet abspielen, braucht es schon eine große Widerstandsfähigkeit und innere Stärke, um mit gewissen Dynamiken umzugehen. Ich will nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein Shitstorm auf einen zu kommt, weil mal etwas falsches gepostet wurde.

Die U21 hat sich einen Friseur einfliegen lassen. Sind das nicht so Dinge, wo sich der normale Bürger an den Kopf fasst?

Das hätte es früher auch besser geben sollen. (Broich streicht sich durchs Haar) Aber kritisch wird es aus meiner Sicht nur, falls sich diese Geschichten auf die Leistung auswirken. Wenn die Jungs drei Minuten vorm Spiel nur noch daran denken, sich vorm Spiegel die Haare zu legen, dann wäre das dramatisch. Mein Eindruck ist aber, dass sie fokussierter denn je sind. Ich war früher nicht so professionell wie die Spieler heute, trotz ihrer frühen Reichtümer, der Social-Media-Präsenz und Sponsoren, die ihnen massenhaft hinterherlaufen. 

Erkennen Sie sich vom Spielertyp in irgendeinem deutschen Spieler wieder?

So schaue ich mir das Ganze nicht an, aber es gibt Spieler, die mir extrem viel Spaß machen, weil ich auch eher aus ihrer Ecke komme. Zum Beispiel wenn ich einen Neuhaus sehe, der schnell im Kopf ist, mit ein, zwei Kontakten spielt. Waldschmidt finde ich auch sensationell, wie intelligent er sich bewegt und welch perfektes Passspiel er hat.

Klingt nach großer Lust, noch mal bei diesen Jungs mitzuspielen.

(lacht) Nein, aber ich muss jetzt mal anfangen, in die Trainierrichtung zu gehen. Mir macht das alles Riesenspaß und allein durch die Tätigkeit als Experte, das endlose Videostudium und die Gespräche mit Analysten, Scouts und Trainern habe ich viel gelernt. Und am Ende juckt es dann auch, etwas selber zu kreieren, anstatt die Arbeit anderer Leute zu analysieren.

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