01. Oktober 2021 / 16:47 Uhr

Thomas Göhr beendet Schiedsrichterlaufbahn: "Es kotzte mich nur noch an"

Thomas Göhr beendet Schiedsrichterlaufbahn: "Es kotzte mich nur noch an"

Oliver Schwandt
Märkische Allgemeine Zeitung
Schon nach dem ersten Herrenspiel wurde Thomas Göhr von seiner Frau gefragt: Warum tust du dir das an?
Schon nach dem ersten Herrenspiel wurde Thomas Göhr von seiner Frau gefragt: "Warum tust du dir das an?" © Oliver Schwandt
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Kreisliga Dahme/Fläming: Nach diversen Vorfällen hat der Referee vom SC Eintracht Miersdorf/Zeuthen nach nur vier Jahren seine Laufbahn beendet.

Dieser Artikel ist Teil des Amateurfußball-Bündnisses #GABFAF. Weitere Informationen auf gabfaf.de.

Mit einem Schiedsrichter weniger müssen die Ansetzer des Fußballkreises Dahme/Fläming zukünftig planen, denn Thomas Göhr vom SC Eintracht Miersdorf/Zeuthen hat seine Karriere als „Mann in Schwarz“ nach nur vier Jahren beendet. „Ich habe einfach keine Lust und Kraft mehr, mich den wöchentlichen Beschimpfungen und Beleidigungen von Spielern, Trainern und Zuschauer auszusetzen. Auf Deutsch gesagt: Es kotzte mich nur noch an. Aus diesem Grunde habe ich mich entscheiden, meine Laufbahn mit sofortiger Wirkung zu beenden“, begründet Göhr diesen Schritt. „Der Rücktritt von Thomas tut mir unendlich leid, da er ein gestandener Schiri ist, der sich nicht so leicht ins Boxhorn jagen lässt“, sagt der Schiedsrichter-Vorsitzende des Kreises, Thomas Glaß.

Fußball-Referee wurde der Zeuthener eigentlich nur durch Zufall. „2014 brach ich mir im Training den Knöchel, sodass meine Karriere als Spieler bei den Alten Herren endgültig vorbei war. Ich habe ja zwölf Monate gebraucht, um überhaupt wieder auf den Beinen zu sein“, erinnert sich Göhr. Um weiterhin noch seinem geliebten Sport beiwohnen zu können, pfiff er die Spiele der Oldies auf dem heimischen Eintracht-Sportplatz Wüstemarker Weg. „Das hat mir wirklich Spaß gemacht.“ Aus diesem Grund legte der 52-Jährige im Sommer 2017 erfolgreich seine Schiedsrichterprüfung ab. Als Pate hatte er den erfahrenen Unparteiischen Frank Heinze in den ersten Begegnungen, die Göhr selbstständig leitete, an seiner Seite. „Frank hat mich wirklich großartig unterstützt“, lobt er den Ludwigsfelder Top-Referee.

Nach einigen Partien im Nachwuchs pfiff er ab der Saison 2017/2018 Spiele in der 2. Kreisklasse. Gleich in seinem ersten angesetzten Match in Eichwalde hatte Göhr mit Problemen zu kämpfen. „Aufgrund massiver Internetprobleme konnte ich erst drei Minuten vor dem Anpfiff die Aufstellung beider Mannschaften aufschreiben. Danach bin ich total schweißgebadet auf den Platz gekommen. Die Spieler haben meine Nervosität natürlich schnell bemerkt, sodass das ganze Match für mich die reinste Katastrophe war. Ich habe auch nicht wirklich gut gepfiffen“, berichtet der ehemalige Referee. „Krass war auch der Druck der Zuschauer, die noch viel schlimmer als die Akteure auf dem Feld waren. Von draußen wurde geschimpft, beleidigt und gepöbelt. Meine Frau, die sich das Spiel ansah, fragte mich danach nur: Warum tust du dir das an?“

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Thomas Göhr: "Einige Trainer haben Öl ins Feuer gegossen"

Göhr hörte nicht auf und wurde von Partie zu Partie besser und auch routinierter. „Rückblickend war es eine gute erste Saison in der 2. Kreisklasse für mich, sodass ich in der darauffolgenden Spielzeit in die Kreisliga hochgestuft wurde. Da wehte schon ein ganz anderer Wind, da die Spieler dort deutlich fitter unterwegs sind. Ich habe schnell in den Teams einige ,Freunde’ gefunden, die mich testen wollten, wie angreifbar ich war. Oftmals war es auch so, dass die Trainer Öl ins Feuer gegossen haben, anstatt beruhigend auf ihre Akteure einzuwirken.“ Nicht selten hatte Göhr bei einigen Partien das Gefühl, er ist der Feind der Spieler. „Ich wurde oft angemacht. Mir wurde auch unterstellt, ich habe etwas persönlich gegen einige Akteure. Alles Quatsch, da ich immer total unvoreingenommen in die Partien gegangen bin. In diesen habe ich immer probiert, mein Bestes zu geben, obwohl es mir sicherlich nicht jedes Mal gelungen ist“, gesteht sich der Bauingenieur ehrlich ein.

Seinen Schiedsrichterausweis benötigt Thomas Göhr nicht mehr. 
Seinen Schiedsrichterausweis benötigt Thomas Göhr nicht mehr. © Oliver Schwandt

An eine Begegnung, die er als Assistent begleitete, erinnert sich Göhr noch ganz genau. „Das war ein Landesklasse-Match in Neuenhagen. Die Hausherren waren mindestens eine Klasse schlechter als der Gegner FSV Luckenwalde II. Die sogenannten Fans in meinem Rücken haben sich so dermaßen daneben benommen. Richtig schlimm war ein aufgrund seines Trainingsanzuges erkennbarer Nachwuchscoach des Vereins, der vor seinen Kindern in einer Tour nur in Richtung der Gäste pöbelte.  Zwar war ein Ordnungsdienst auf dem Sportplatz, der aber nicht einschritt, um sich nicht unbeliebt zu machen“, so Göhr.

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Thomas Glaß: "Haben ja jede Woche echt große Sorgen"

Thomas Glaß kennt die von Göhr geschilderte Problematik genau. „Ich höre des Öfteren von solchen Problemen, die absolut nicht schön sind. Auch in den anderen Kreisen unseres Bundeslands gibt es solche Vorfälle zu Genüge. Wir arbeiten jedenfalls sehr intensiv an einer Lösung, sonst rennen uns noch mehr Schiedsrichter weg“, sagt Glaß. „Wir haben ja jede Woche echt große Sorgen, alle Partien mit Referees anzusetzen.“