29. November 2017 / 06:00 Uhr

Thomas Hitzlsperger: "Mein Coming-out hat mir nicht geschadet"

Thomas Hitzlsperger: "Mein Coming-out hat mir nicht geschadet"

Eric Zimmer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Thomas Hitzlsperger war von 2004 bis 2010 Nationalspieler.
Thomas Hitzlsperger war von 2004 bis 2010 Nationalspieler. © imago
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Der Ex-Nationalspieler spricht offen wie nie über sein neues Leben, seine Pläne als DFB-Botschafter und sein Coming-Out vor über drei Jahren.

SPORTBUZZER: Herr Hitzlsperger, seit Ende Mai sind Sie beim DFB als Botschafter für Vielfalt aktiv. Worum geht es dabei genau?

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Thomas Hitzlsperger: Ich bin noch in der Phase des Einlebens. Im Sommer begleitete ich Reinhard Grindel und eine DFB-Delegation auf einer Reise nach Russland (im Rahmen des Confed Cups, d. Red.). Ich war in Moskau und in St. Petersburg, seitdem habe ich ein deutlich besseres Gespür dafür, was in Russland los ist. Wir wollen im kommenden WM-Sommer alle Möglichkeiten nutzen, die der Fußball bietet, um gesellschaftspolitische Brücken zwischen Deutschland und Russland zu schlagen. Die wichtige Frage ist doch immer wieder: Welche Chancen bietet der Sport, Menschen zusammenzubringen? Beim Petersburger Dialog, einem wichtigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Treffen der beiden Länder, konnte ich mich vorstellen, mein Amt erklären. Ich bin davon überzeugt, dass der Fußball Riesenchancen hat. Und der DFB hat große Ziele. Aktuell geht es ja auch um die Bewerbung für die EM 2024. Da bin ich froh, dabei sein zu können. Der Verband macht sich viele Gedanken – und dabei spielt Vielfalt als bedeutsames gesellschaftliches Thema eine große Rolle.

Ist es gut, dass es Ihre Position gibt? Oder schade, dass es sie heutzutage überhaupt geben muss?

Wir werden nie den Zustand erreichen, dass alle Menschen immer und überall tolerant sind und wir keine Diskriminierung erleben. Aber wir haben die Möglichkeiten, eine Position wie meine zu schaffen. Wir wollen ein gutes Beispiel sein. Andere Länder sind uns in diesem Bereich voraus, andere sind uns hinterher. Ich finde es deshalb nicht traurig, dass es diese Stelle geben muss. Das war nach meinem Coming Out (2014 nach dem Ende der Karriere als Profifußballer, d. Red.) ja auch immer das Thema. Mit dem Tenor: Traurig, dass man heutzutage immer noch überlegen muss, ob man damit an die Öffentlichkeit geht und dass es ein so großes Echo erzeugt. Aber das ist nun mal die Realität. Und damit ein guter Anlass, Diskussionen voranzubringen.

"Ich bin weiter als vor drei, vier Jahren"

*Damals sagten Sie: „Ich möchte gern eine öffentliche Diskussion voranbringen – die Diskussion über Homosexualität im Profisport.“ Wie weit sind Sie damit bislang gekommen? *

Ich bin weiter als vor drei, vier Jahren. Ich persönlich habe einfach einen sehr entspannten Umgang damit gefunden. Anfeindungen habe ich so gut wie gar nicht erlebt, weiß aber, dass es für viele Homosexuelle nach wie vor schwierig ist, offen darüber zu reden, ob im beruflichen oder privaten Alltag.


Was machen die Helden vom Sommermärchen 2006?

Von Odonkor bis Neuville: Was machen eigentlich die deutschen Stars der WM 2006? Zur Galerie
Von Odonkor bis Neuville: Was machen eigentlich die deutschen Stars der WM 2006? ©

Glauben Sie, dass ein aktueller Bundesligaprofi bedenkenlos sein Coming-out haben könnte oder würden Sie dazu raten, dies erst wie Sie nach der aktiven Karriere zu tun?

Das müssen die entsprechenden Spieler beantworten. Und so lange es keiner tut, ist es deren Meinung nach noch nicht so weit. Deswegen versuche ich hier auch mit dazu beizutragen, ein Klima zu schaffen, in dem es leichter fallen könnte. Vor meinem Coming-out war auch die Sorge oder die Frage da: Wie geht es danach weiter? Viele Ängste erwiesen sich als unbegründet. Wenn es also so einfach wäre, hätten es andere auch schon gemacht. Mein Coming-out hat mir in der öffentlichen Wahrnehmung jedenfalls nicht geschadet. Ich bin jetzt unter anderem tätig im Präsidium des VfB Stuttgart. Das war vor vier Jahren nicht zu erwarten. Also kann ich nur sagen: Die Sorgen und Ängste, die vor diesem großen Einschnitt da waren, die sind nicht eingetroffen. Bedenkenträger gab es damals zuhauf. Entscheidend war jedoch mein Gefühl, und das hat mich nicht getäuscht.

Warum passt die Position als „Botschafter für Vielfalt“ so gut zu Ihnen?

Das ist schon naheliegend. Schon zu Beginn meiner Karriere habe ich damit begonnen, mich klar zu positionieren. Gegen Rassismus, gegen Diskriminierung in allen Formen. Ich glaube, gelebte Vielfalt trifft auf mich ganz gut zu. Zu sagen: Wir müssen auch über Homosexualität und den Kampf gegen Homophobie reden. Darüber kann ich authentisch und glaubwürdig sprechen.

*Rassismus, Homophobie, Diskriminierung, Hooliganismus – all das wird häufig mit der WM in Russland in Verbindung gesetzt. Was erwarten Sie 2018 vom WM-Gastgeber? *

Da sollten wir fair sein und den Russen einfach die Chance geben, ein Turnier auszurichten. Als wir vergangenen Sommer dort waren, habe ich gespürt, dass das Sicherheitsthema sehr groß war. Hooliganismus soll unbedingt von der WM ferngehalten werden. Wir haben über Vielfalt gesprochen, die Russen mehr über Sicherheit. Und natürlich wollen sie volle Stadien. Das heißt: Es gibt unterschiedliche Auffassungen. Es ist nicht so, dass man uns nicht zugehört hätte – aber sie waren sich klar, welche Ziele sie haben. Und sportlich sind die Russen in einer nicht so guten Verfassung. Da sind viele Leute in Russland leider nicht so hoffnungsfroh was die WM angeht.

Thomas Hitzlsperger: Seine Karriere in Bildern

<b>Thomas Hitzlsperger</b> wird am 5. April 1982 in München geboren. In seiner Karriere, die er 2013 beendete, spielte er 172 Partien für den VfB Stuttgart sowie  103 für Aston Villa - seine beiden mit Abstand längsten Stationen als Fußballprofi. Zur Galerie
Thomas Hitzlsperger wird am 5. April 1982 in München geboren. In seiner Karriere, die er 2013 beendete, spielte er 172 Partien für den VfB Stuttgart sowie 103 für Aston Villa - seine beiden mit Abstand längsten Stationen als Fußballprofi. ©

*Man hatte – speziell beim Confed Cup – den Eindruck, dass viele Nationalspieler Angst hatten, ihre Meinung zu den Gegebenheiten in Russland zu äußern. Wollen Sie das ändern? *

Es ist jedem selbst überlassen, was er sagt. Ich kenne die Situation ja. Es wird immer schwieriger, sich zu äußern, weil man damit auch Kritik auf sich zieht. Ja, viele Leute heißen es gut, wenn jemand seine Bekanntheit nutzt, um sich für eine hoffentlich gute Sache einzusetzen. Aber die kritischen Stimmen wird es trotzdem immer geben. Und dann denken sich viele Spieler: Warum soll ich ein neues Feld aufmachen? Mein Eindruck ist, dass die meisten die negativen Folgen als Erstes im Kopf haben. Sie sehen weniger die Chance, Leute zu erreichen und ihnen eine Stimme zu geben. Das versuche ich weiter zu forcieren. Ich will sagen, wie meine Erfahrungen waren. Auch ich habe Kritik einstecken müssen. Aber ich habe viel mehr Leute erreicht, die gesagt haben: Super! Endlich bezieht mal einer aus dem Profifußball klar Stellung. Diesen Aspekt hervorzuheben lohnt sich. Und Mut, mal eine Meinung zu haben, schadet nicht.

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"Die Situation in Prag war sehr heftig"

Kürzlich gab es ein klares Statement vieler Nationalspieler, als sie sich nach dem Länderspiel in Prag öffentlich positionierten und gegen rechte Pöbler aus dem deutschen Fanblock stellten.

Das war sehr erfreulich, weil es direkt von der Mannschaft kam. Ich glaube, die Situation vor Ort im Stadion war schon sehr heftig. Aus dem deutschen Block gab es Schmähgesänge gegen einen deutschen Nationalspieler, es waren nationalsozialistische Parolen zu hören. Julian Brandt und Mats Hummels etwa haben das deutlich angesprochen. Die Spieler konnten das gar nicht mehr ausblenden. Es war unstrittig – das konnte niemand dulden und da gab es auch keine zwei Meinungen. Da saßen alle mit in einem Boot. Es war dann ein starkes Zeichen, dass die Mannschaft nicht in die Kurve gegangen ist, auch wenn nicht alle mitgereisten Fans hier verantwortlich waren. Ein besseres Zeichen als zu sagen, für diese Leute spielen wir nicht, konnte es jedenfalls nicht geben.

Confed Cup: Ist Russland schon WM-tauglich?

Stadien: Die Spielstätten in Sotschi, Kasan und St. Petersburg, wo die deutsche Mannschaft spielte, verdienen in Sachen Architektur und aus fußballerischer Sicht ein Lob. Getrübt wird das Ganze von Berichten über nordkoreanische Zwangsarbeiter und ausstehende Gehälter auf den WM-Baustellen. Und: Es geht zu sehr um die Show. Das Motto: Schnell etwas hochziehen und glänzen. Was dabei fehlt: der Platz für die Seele des Fußballs. Zur Galerie
Stadien: Die Spielstätten in Sotschi, Kasan und St. Petersburg, wo die deutsche Mannschaft spielte, verdienen in Sachen Architektur und aus fußballerischer Sicht ein Lob. Getrübt wird das Ganze von Berichten über nordkoreanische Zwangsarbeiter und ausstehende Gehälter auf den WM-Baustellen. Und: Es geht zu sehr um die Show. Das Motto: Schnell etwas hochziehen und glänzen. Was dabei fehlt: der Platz für die Seele des Fußballs. ©

War Prag eine Art negatives Aha-Erlebnis in diesem Zusammenhang?

Wir alle wissen, wie die Wahlen in Deutschland ausgegangen sind, dass es da eine gewisse Tendenz gibt, sich zu radikalisieren – egal ob nach rechts oder links. Aus welchen Motiven auch immer, vielleicht, um sich dazugehörig zu fühlen. Das sieht man in der gesamten Gesellschaft und damit auch im Fußball. Das ist sehr schade. Aber das hat viele wieder auf den Plan gerufen, die dagegen kämpfen und sich nicht von Schwachköpfen einschüchtern lassen wollen.