07. September 2022 / 16:24 Uhr

Weniger überraschend als es scheint: Die Hintergründe zum Aus von Thomas Tuchel beim FC Chelsea

Weniger überraschend als es scheint: Die Hintergründe zum Aus von Thomas Tuchel beim FC Chelsea

Hendrik Buchheister
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der FC Chelsea hat seinen Trainer, Thomas Tuchel, am Mittwochvormittag freigestellt.
Der FC Chelsea hat seinen Trainer, Thomas Tuchel, am Mittwochvormittag freigestellt. © IMAGO/Shutterstock (Montage)
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Die Entlassung von Thomas Tuchel als Cheftrainer beim FC Chelsea kam am Mittwochmorgen für viele Fans überraschend. Doch beim genaueren Hinsehen scheint es vielmehr wie die Konsequenz der Entwicklung seit dem Besitzerwechsel des Londoner Klubs. 

Die Ergebnisse der Saisonvorbereitung haben normalerweise keine besondere Bewandtnis für den Lauf der Dinge, doch beim FC Chelsea nahm das Aus von Trainer Thomas Tuchel möglicherweise bei einem Testspiel in der Sommerpause seinen Anfang. 0:4 wurde der Champions-League-Sieger von 2021 in Orlando durch den Londoner Rivalen FC Arsenal gedemütigt, und Tuchel gab sich hinterher keine Mühe, seinen Frust zu verbergen. Er kritisierte seine Spieler hart, zweifelte ihre Professionalität und ihre Hingabe an und löste bei den neuen Besitzern des Vereins, einer US-amerikanischen Investorengruppe um den Geschäftsmann Todd Boehly, laut englischen Medien Zweifel aus, ob Tuchel der richtige Mann für die Zukunft des Vereins ist.

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Nein, lautete die Antwort für Boehly und seine Mitstreiter, und offenbar stand ihre Entscheidung schon vor dem peinlichen 0:1 des FC Chelsea zum Start der Champions League bei Dinamo Zagreb am Dienstag fest. Am Vormittag danach machten die Eigentümer die Entlassung des Trainers bekannt und argumentierten nicht etwa mit dem schwachen Saisonstart (zwei Niederlagen in den ersten sechs Premier-League-Spielen, dazu die Blamage in Zagreb), sondern beriefen sich auf grundsätzliche Erwägungen. Nach fast 100 Tagen seit der Übernahme sei es an der Zeit, auch auf dem Trainerposten eine Veränderung herbeizuführen, teilten sie mit.

Aussichtsreichster Kandidat auf Tuchels Nachfolge ist der hoch angesehene Graham Potter, der mit Brighton & Hove Albion gerade imposant in die Spielzeit gestartet ist, nachdem der Klub im Sommer wieder einmal mehrere Schlüsselspieler verkauft hatte. Unter anderem schloss sich der spanische Außenverteidiger Marc Cucurella dem FC Chelsea an, für umgerechnet mehr als 70 Millionen Euro. Insgesamt haben die Londoner rund 300 Millionen Euro in neues Personal gesteckt, so viel Geld wie noch nie ein Klub zuvor in einer Transferphase. Nachdem Profis wie Antonio Rüdiger (Real Madrid), Romelu Lukaku (Inter Mailand) und Timo Werner (RB Leipzig) den Verein verlassen hatten, wollten sich die neuen Eigentümer ganz offensichtlich keine Untätigkeit auf dem Spielermarkt vorwerfen lassen.

Ronaldo war Streitthema zwischen Boehly und Tuchel

Die Transfers wurden in enger Absprache mit Tuchel getroffen. Ihm nur eine Woche nach Ende der Wechselperiode zu kündigen, wirkt chaotisch und ist selbst für Chelsea-Verhältnisse hart. Unter Ex-Eigentümer Roman Abramowitsch war der Klub berüchtigt für schnelle Trainerentlassungen. Doch offenbar gab es grundlegende Differenzen zwischen dem Trainer und den neuen Besitzern in Person von Todd Boehly, dem starken Mann an der Stamford Bridge. Ein Streitpunkt soll Cristiano Ronaldo gewesen sein. Boehly hätte ihn gerne verpflichtet, Tuchel lehnte ab.

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Auch setzt Boehly offenbar auf Kommunikation und Mitsprache seiner leitenden Angestellten. Tuchel dagegen konzentriert sich am liebsten auf die Arbeit auf dem Trainingsplatz. Der Coach soll außerdem nicht glücklich über den Abschied wichtiger Führungskräfte nach dem Eigentümer-Wechsel gewesen sein. Er beklagte öffentlich den Weggang von Ex-Torwart Petr Čech, der Chelsea zuletzt als Technischer Berater gedient hatte. Auch die mächtige Sportdirektorin Marina Granowskaja verließ den Klub.

Tuchel war zuletzt schlecht gelaunt und leicht reizbar. Er kritisierte seine Spieler öffentlich, lieferte sich nach dem 2:2 gegen Tottenham Hotspur eine Rauferei mit seinem Kollegen Antonio Conte und sah bei der 0:1-Niederlage in Zagreb die Gelbe Karte wegen einer Diskussion mit dem Schiedsrichter. Nach der Veranstaltung wirkte er wie jemand, der schon abgeschlossen hatte mit seinem Job. "Im Moment fehlt uns alles", sagte er. Sein 100. Spiel bei Chelsea war sein letztes, und das keine anderthalb Jahre, nachdem er den Verein überraschend zum Gewinn der Champions League geführt hatte. Wie schon bei Borussia Dortmund und Paris Saint-Germain gehen die Gründe für Tuchels Aus offenbar über das Sportliche hinaus.

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