23. August 2020 / 11:00 Uhr

Förderer von Tuchel und Flick: Ex-DFB-Chefausbilder Erich Rutemöller über die Stärken der Final-Trainer 

Förderer von Tuchel und Flick: Ex-DFB-Chefausbilder Erich Rutemöller über die Stärken der Final-Trainer 

Jan Jüttner
Erich Rutemöller äußert sich im SPORTBUZZER-Interview über die Trainer-Werdegänge von Thomas Tuchel und Hansi Flick (v.l.). 
Erich Rutemöller äußert sich im SPORTBUZZER-Interview über die Trainer-Werdegänge von Thomas Tuchel und Hansi Flick (v.l.).  © imago/Montage
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Erich Rutemöller war jahrelang der Mann, der die begabtesten Nachwuchs-Trainer Deutschlands ausbildete. Auch Bayern-Coach Hansi Flick und PSG-Trainer Thomas Tuchel saßen in seinem Unterricht. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 75-Jährige über die Charaktere und Stärken der beiden Coaches. Zudem findet er auch lobende Worte für seinen ehemaligen Schüler Jürgen Klopp. 

Ob Hansi Flick, Thomas Tuchel oder Jürgen Klopp - sie alle drückten die Trainer-Schulbank unter dem damaligen DFB-Chefausbilder Erich Rutemöller. Der heute 75-Jährige war von 2000 bis 2006 in leitender Position an der berühmten Hennes-Weisweiler-Akademie in Köln tätig. Am Sonntag stehen sich mit Bayern-Coach Flick und PSG-Trainer Tuchel zwei seiner ehemaligen Schützlinge gegenüber und kämpfen um Europas Fußball-Krone. Mit dem SPORTBUZZER sprach Rutemöller über die Trainer-Werdegänge seiner ehemaligen Schützlinge.

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SPORTBUZZER: Herr Rutemöller, Sie sagten einmal, dass Sie Thomas Tuchel diese große Karriere zu Ausbildungszeiten gar nicht zugetraut hätten – nun steht er mit Paris St. Germain im Champions-League-Finale gegen den FC Bayern...

Erich Rutemöller (75): Ich sehe ihn noch vor mir im Lehrgang. Er war damals Jugendtrainer beim FC Augsburg und kam zudem von einem Akademischen Studium. Dann ist doch klar, dass man als Lehrgangsleiter versucht, die Trainer einzuschätzen. Da hatte ich dann den Eindruck, dass er sicherlich eher einer für die Lehrarbeit oder den Bereich Jugend und Entwicklung ist. Sowas ist ja nie vorherzusehen, dass ein Trainer einmal in solch einem großen Finale stehen wird. Das kann kein Ausbilder der Welt vorhersagen, jedoch ich habe ihn anders eingeschätzt. Aber ich freue mich natürlich für ihn.

Wie schwer ist es für Tuchel, mit schwierigen Charakteren wie Superstar Neymar umzugehen?

Ich habe zuletzt vor allem seine Dortmunder Zeit in Erinnerung. Dort gab es gegen Ende ja ein wenig Streit mit der Geschäftsführung. Wie er mit den Stars wie Neymar oder Mbappé umgeht, kann ich also eher schwer beurteilen. Aber ich habe Neymar noch nie so schnell laufen sehen, wie im Halbfinale gegen Leipzig. Da steckt natürlich der Trainer dahinter. Wenn er es schafft, diese Stars so zum Laufen zu bringen, ist es auch schon ein Qualitätsmerkmal des Trainers.

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Bei PSG ist die Erwartungshaltung enorm hoch. Doch Tuchel scheint damit klarzukommen.


Er ist auf dem besten Weg, die Erwartungen der Bosse zu erfüllen. Das Endspiel erreicht zu haben, ist ja nun schon fast das Nonplusultra. Nun fehlt nur noch ein Sieg. Ich glaube, dass es am Sonntag ein ganz enges Spiel wird. Tuchel hat schon verdammt viel erreicht, in Frankreich gewinnt er ohnehin alles. Teilweise waren die Siege mühsam, auch der Pokalsieg gegen Olympique Lyon. Er hat aber seine Klasse bereits in Dortmund gezeigt und ist seinen Weg von unten nach oben gegangen, ohne selbst ein überragender Profi gewesen zu sein. Dass ist auch ein tolles Zeichen für viele andere, die diesen Weg ebenfalls gehen wollen. Nun steht er kurz vor der Krönung.

Nun zum anderen Final-Trainer: Hansi Flick war lange Zeit als Co-Trainer unter Joachim Löw im Nationalteam. Die Bayern sind sein erster großer Klub als Chefcoach und sind unter ihm enorm erfolgreich. Hätten Sie als sein Ausbilder ihm diesen Erfolg zugetraut?

Zugetraut in jedem Fall. Ich kenne ihn schon lange, er war ja mein Spieler beim 1. FC Köln. Ich denke, er wurde lange Zeit unterschätzt und nur als Co-Trainer gesehen. Doch insbesondere als Assistent von Jogi Löw hat er eine Menge gelernt. Das Nationalteam ist eine andere Stufe, dort lernt man mehr als anderswo. Bereits dort hat er hervorragende Arbeit geleistet. Seine Arbeit bei den Bayern überrascht mich deshalb nicht. Ich kenne ihn durch unsere gemeinsame Zeit gut. Er ist ein Typ, der auf dem Platz stehen will und mit den Spielern arbeiten muss. Sein Job als Technischer Direktor beim DFB war nicht so seine Welt, glaube ich. In seiner jetzigen Rolle bei den Bayern fühlt er sich wohl. Er aber ein ganz anderer Typ als Thomas Tuchel.

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Hansi Flick hat mit dem FC Bayern München in anderthalb Saisons sieben Titel gewonnen und wird nun neuer Bundestrainer. Der frühere Co-Trainer von DFB-Coach Joachim Löw hat eine bewegte Karriere im Profifußball hinter sich. Der SPORTBUZZER zeigt die Laufbahn Flicks in Bildern. ©

War bei Flick während seiner Spieler-Karriere schon abzusehen, dass er einmal ein guter Trainer werden würde?

Er war ein dankbarer Spieler. Ein Teamplayer, der auf dem Platz nach vorn und hinten gearbeitet hat. Zudem hatte er überhaupt keine Starallüren. Das ist ein gutes Vorzeichen für die Arbeit als Trainer. Im Lehrgang hat er alles aufgesaugt und sich super eingebracht. Er wollte etwas lernen und hat am Ende mit Thomas Doll als Lehrgangsbester abgeschlossen.

Sind Sie nun auch ein wenig stolz, dass zwei ihrer ehemaligen Schüler im großen Finale stehen?

Ein wenig schon. Es freut mich aber vor allem für den deutschen Fußball. Im Halbfinale standen mit Julian Nagelsmann und den beiden sogar drei deutsche Trainer. Dazu haben wir in England ein absolutes Aushängeschild mit Jürgen Klopp.

Sind Klopp, Tuchel und Flick miteinander zu vergleichen?

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Klopp kann noch besser mit den Medien zusammenarbeiten. Ich lese jedes Interview von ihm. Er hat Humor, bringt die Dinge auf den Punkt. Es hat mir auch gut gefallen, als er als Experte im TV gearbeitet hat. Er hat ein sportwissenschaftliches Studium absolviert, er war Profi und hat in Mainz schnell einen Verein gefunden, wo die Bedingungen stimmten. Dann ist er seinen Weg gegangen. Er hat wirklich enorme Fähigkeiten.

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Als Spieler schon bei Mainz 05: Jürgen Klopp (rechts) bestritt 325 Zweitligapartien. ©

Was macht die aktuelle Trainer-Generation aus?

Es gibt sehr unterschiedliche Typen. Ich sehe auf der einen Seite Diego Simeone und auf der anderen Seite Flick. Das sind für mich zwei Gegenpole. Das heutige Trainergeschäft ist dazu enorm schnell. Ich glaube aber schon, dass sich Flick etablieren kann, wenn man dies mal mit der Entwicklung von Klopp und Tuchel vergleicht. Man sieht jedoch auch, wie schnell Weltklasse-Trainer wie Pep Guardiola in die Kritik geraten. Nur weil Sterling im Viertelfinale eine 100-prozentige Torchance auslässt, sage ich mal ganz salopp. Er war bisher mit seinen Teams immer sehr erfolgreich. Auf Guardiola lasse ich nichts kommen, er ist immer noch absolute Weltklasse.