24. November 2020 / 13:03 Uhr

Thomas Tuchel und Paris Saint-Germain: Die Liebe ist zerbrochen - der Rauswurf droht

Thomas Tuchel und Paris Saint-Germain: Die Liebe ist zerbrochen - der Rauswurf droht

Alexis Menuge 
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Nicht mehr verliebt in Paris: Thomas Tuchel steht bei PSG vor dem Aus - eine Analyse des französischen Experten Alexis Menuge.
Nicht mehr verliebt in Paris: Thomas Tuchel steht bei PSG vor dem Aus - eine Analyse des französischen Experten Alexis Menuge. © imago images/DAZN/Max Josef Gillmeier (Montage)
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Thomas Tuchel steht bei Paris Saint-Germain mit dem Rücken zur Wand. Dem deutsche Trainer droht beim französischen Topklub das Aus, sollte PSG in der Champions League ausschieden. Über die abgekühlte Beziehung zwischen den Franzosen und Tuchel schreibt Alexis Menuge, seit 2002 Deutschland-Korrespondent der französischen Sportzeitungen "L´Équipe" sowie "France Football".

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Dass es im Profifußball extrem schnell gehen kann, egal in welche Richtung, ist bekannt. Dafür dient Thomas Tuchel als bestes Beispiel: Vor genau drei Monaten stand der deutsche Trainer mit Paris Saint-Germain noch im Champions-League-Finale, vor dem richtungsweisenden Heimspiel gegen RB Leipzig am Dienstag (21 Uhr, So könnt ihr das Spiel live sehen!) in der Gruppenphase der Königsklasse geht es nun um nicht weniger als seine Zukunft. Nachdem die Pariser auf europäischer Bühne bereits zwei Niederlagen an drei Spieltagen kassiert haben, stehen sie mehr denn je mit dem Rücken zur Wand.

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„Wir müssen gewinnen, wir wollen gewinnen. Das ist für uns ein Finale in der Gruppe. Die Mannschaft muss mutig nach vorn spielen“, sagte der Trainer. Denn noch nie scheiterte PSG mit Katar als Eigentümer (seit 2011) vor dem Achtelfinale. Ein Aus so früh in der Saison wäre der absolute Gau, ausgerechnet ein paar Wochen nach dem 50. Geburtstag des Klubs. Dann würde der ehemalige Coach von Borussia Dortmund mit hoher Wahrscheinlichkeit vom besten Trainer der PSG-Geschichte (er ist der Erste, der Paris ins Finale der Champions League führte) zu demjenigen degradiert, der den amtierenden französischen Meister ins Chaos führte.

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Tuchel fühlt sich bei PSG allein gelassen

In der Stadt der Liebe ist die Liebe zwischen Tuchel und PSG sowie dem Pariser Umfeld (Medien, Fans) schon längst zerbrochen. Nach einem traumhaften Start mit tollen Ergebnissen, einer attraktiven Spielweise und lustigen Pressekonferenzen, wo er seinen Charme spielen ließ und mit seinen guten Französischkenntnissen die Massen begeisterte, begann sein Werk bereits im März 2019 zu bröckeln. Das peinliche Achtelfinal-Aus gegen die B-Mannschaft von Manchester United haben ihm viele bis heute nicht verziehen. Seine Kritiker weisen immer wieder darauf hin, dass Paris im Sommer beim Finalturnier in Lissabon das Endspiel nur über mittelmäßige Gegner (Dortmund, Atalanta Bergamo und RB Leipzig) schaffte.

Im Klub fühlt sich Tuchel immer mehr isoliert und von Sportdirektor Leonardo im Stich gelassen. Nach der Niederlage im Endspiel gegen den FC Bayern hätte er sich gewünscht, sofort weiterzumachen, weil die neue Saison wieder losging. Aber der Brasilianer schickte die Spieler in den Urlaub, der Saisonauftakt wurde verschoben. Darauffolgend gab es für Tuchel gar keine Möglichkeit, eine Saisonvorbereitung zu organisieren. Die Konsequenzen wurden teils dramatisch, mit einem Haufen an Spielern auf der Verletztenliste.

Tuchel hat die Kabine bei PSG noch hinter sich: Beim einem CL-Aus muss er trotzdem gehen

Anfang Oktober beschwerte sich der Trainer, dass der Kader nach den Abgängen von Thiago Silva (Chelsea), Edinson Cavani (Manchester United) und Thomas Meunier (Borussia Dortmund) zu dünn besetzt sei und dass man mit dem vorhandenen Team die Ziele nie erreichen werde. Mit Danilo Pereira (FC Porto), Rafinha (FC Barcelona) und Moise Kean (FC Everton) verpflichtete Leonardo ein Trio binnen zwölf Stunden, ohne aber, dass der Deutsche vom Profil der Spieler wusste.

Für den ehemaligen Mainzer würde ein frühes Aus in der Champions League mit Sicherheit den Rausschmiss zu Weihnachten bedeuten – ein halbes Jahr vor Vertragsende. Ob er sich doch noch rettet, wird wie (fast) immer vom kongenialen Duo Neymar und Kylian Mbappé abhängen. Beide Weltstars sind wieder fit. Auch wenn Tuchel oft vorgeworfen wird, PSG nach zweieinhalb Jahren keinen klaren Spielstil zu vermitteln, ist es ihm zumindest gelungen, beide Weltklassestürmer im Griff zu haben. Beide Spieler schätzen Tuchels Kommunikation und Flexibilität. Die Kabine hat Tuchel noch hinter sich. Auch nach dem Leipzig-Spiel?

Alexis Menuge ist seit 2002 Deutschland-Korrespondent der französischen Sportzeitungen L´Equipe sowie France Football und zudem seit 2016 Frankreich-Experte bei DAZN.