27. Oktober 2020 / 15:47 Uhr

André Thoms: Mit 38 von Liga sieben in Liga vier

André Thoms: Mit 38 von Liga sieben in Liga vier

Lars Sittig
Märkische Allgemeine Zeitung
André Thoms hat den Sprung ins Tor des FSV Luckenwalde geschafft.
André Thoms hat den Sprung ins Tor des FSV Luckenwalde geschafft. © Frank Neßler
Anzeige

Regionalliga Nordost: Vor einem Jahr stand der Keeper noch in der Landesliga im Tor - jetzt feiert er beim FSV Luckenwalde ein bemerkenswertes Comeback.

Anzeige

Natürlich ist der Abend noch präsent, der Auftritt damals im gleißenden Scheinwerferlicht des Berliner Olympiastadions, als Energie Cottbus im Berlin-Brandenburg-Derby Hertha BSC mit 1:0 bezwang. André Thoms hatte das Fußball-Bundesligaduell an einem Märzabend des Jahres 2007 als Ersatztorhüter von der Reservebank verfolgt, seine Kollege Gerhard Tremmel stand zwischen den FCE-Pfosten. „So ein Erlebnis vergisst man nicht, zumal wir die Partie gewonnen haben und dann war es auch noch ein Derby, das die Fans elektrisiert hat“, erinnert er sich. Große Zeiten damals für den FC Energie Cottbus und den Torhüter, der sich nach mehr als zehn Spielzeiten in der Brandenburg- und Landesliga in diesen Monaten plötzlich im Tor des Regionalliga-Aufsteigers FSV 63 Luckenwalde wiederfindet und seinen Anteil zum guten Start in die Viertliga-Saison beiträgt.

Anzeige

Am Mittwochabend beim Duell zu Hause gegen den FSV Optik Rathenow (19.30 Uhr, Werner-Seelenbinder-Stadion) dürfte er seine zwölfte Punktspielpartie absolvieren – ein bemerkenswertes Comeback, nachdem der 38-Jährige noch vor einem Jahr beim Landesligisten SV Wacker 09 Cottbus-Ströbitz im Tor gestanden hatte. Kaum jemand im brandenburgischen Fußball dürfte in den vergangenen 20 Jahren die Ligen so durchsurft haben wie André Thoms – die Geschichte wirkt ein wenig wie die märkische Ausgabe von „Der Traumhüter“ mit Lars Leese in der Hauptrolle.

In Bildern: 50 ehemalige Spieler von Energie Cottbus – und was aus ihnen wurde.

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Energie Cottbus. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Energie Cottbus. ©

„Ich bin sehr froh, dass ich noch einmal in der vierten Liga im Tor stehen kann und dann noch bei meinem Heimatverein in meiner Geburtsstadt“, sagt André Thoms. FSV-Vorstandsmitglied Thomas Mill sagt: „Man merkt genau, dass André Erfahrung im höherklassigen Bereich gesammelt hat. Er hat sehr gute Reflexe und strahlt sehr viel Ruhe aus, das ist genau das, was wir brauchen.“ Thoms wisse zum Beispiel ganz genau, wann ein Spiel verlangsamt werden müsse. „Als Luckenwalder ist er außerdem eine Identifikationsfigur für die Fans und menschlich absolut in Ordnung. Kurz gesagt: Ein Supertyp.“

Aber der Reihe nach: Mit 14 Jahren war das Talent vom FSV 63, dessen Männermannschaft damals noch in der Landesliga spielte, an die Sportschule in Cottbus gewechselt und fasste auch im Erwachsenenbereich Fuß beim Lausitzer Traditionsverein. In der Spielzeit 2006/07 gehörte der Schlussmann zum Bundesliga-Kader des FC Energie hinter Tomislav Piplica und Gerhard Tremmel und saß bei zwei Partien auf der Bank. Zu einem Einsatz in Deutschlands höchster Spielklasse, in der zweiten Liga oder im DFB-Pokal für das Profi-Ensemble kam es jedoch nicht, obwohl er insgesamt vier Saisons lang Teil des Ensembles war, das auf der großen nationalen Bühne kickte. Dafür bestritt er nach seinem Debüt in der Cottbuser Reservemannschaft vor 20 Jahren aber mehr als 120 Oberligaspiele. „Ich habe zwar in drei Jahren in der zweiten Bundesliga nur auf der Bank gesessen, aber es war natürlich trotzdem eine aufregende Zeit. Der Wiederaufstieg in die erste Bundesliga 2006 war sensationell. Tomislav Piplica war übrigens menschlich ein ganz feiner Kerl, charakterlich sehr in Ordnung und sehr kollegial, obwohl wir Konkurrenten waren.“

Nur kurzzeitig ließ sich André Thoms als Vollprofi bei Energie engagieren, parallel absolvierte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann und arbeitete bei einem Kreditinstitut, bei dem er heute noch tätig ist. „Man hat ja irgendwann gemerkt, dass es für den ganz großen Sprung nicht reicht, so realistisch musste man sein. Deshalb bin ich von Anfang an zweigleisig gefahren“, sagt André Thoms, der seinen Lebensmittelpunkt in Cottbus gefunden hat. Nach seinem Abschied vom FCE im Sommer 2007 schloss sich der 1,81-Meter-Mann der SG Blau-Gelb Laubsdorf vor den Toren der Lausitzmetropole an. Mit der SGL schaffte der Keeper sogar den Aufstieg in die Oberliga.

In der Landesliga bim SV Wacker Cottbus-Ströbitz

Nach der Auflösung des Vereins wechselte er 2014 zum SV Wacker 09 Cottbus-Ströbitz. Landesliga, genau der richtige Ausgleich zum Bürojob bei der Bank für einen Klassemann, der sich auf die 40 zubewegt. Mehr als fünf Jahre lang stand André Thoms im Tor des SV Wacker 09, bevor im vergangenen Winter der Wechsel nach Luckenwalde folgte. Am 7. Dezember 2019 verabschiedete er sich mit einem 2:2-Unentschieden gegen den VfB Hohenleipisch aus dem Cottbusser Stadtteil Ströbitz und gab die Kapitänsbinde weiter.

In seiner Heimatstadt im Landkreis Teltow-Fläming erwartete den inzwischen 38-Jährigen ein vertrauter Auftrag: Hinter Konstantin Filatow, der Nummer eins, für den Ernstfall bereithalten. „Es hatte immer mal wieder aus Luckenwalde lose Anfragen und einen engen Draht zum Verein gegeben, auch weil mein Bruder Ronny Präsidiumsmitglied ist“, erzählt Thoms. „Als ich nach Luckenwalde zurückgekehrt bin, habe ich mich insgesamt in einer Phase der Neuorientierung befunden. Ich habe gedacht, jetzt musst du den Schritt gehen, es dürfte so ziemlich die letzte Chance sein.“ Zu einem Einsatz in der Oberliga Süd aber kam es nicht, auch weil die Saison wegen der weltweiten Corona-Pandemie vorzeitig beendet worden war.

Mit dem FSV im Stadion der Freundschaft in Cottbus

Nach dem Aufstieg in die vierte Liga und dem Abschied von Konstantin Filatow hatte sich der auf der Linie starke André Thoms im vergangenen Sommer im Kampf um den Platz im Tor gegen Fritz Pflug und Nikolas Tix durchgesetzt. Nach der Partie des FSV (Rang 14/13 Punkte) gegen Rathenow (19/ 7) tritt das Luckenwalder Ensemble am Sonnabend um 13.30 Uhr beim FC Energie in Cottbus an (11/14), dann wird André Thoms auf den Rasen des Stadions der Freundschaft zurückkehren. „Ich bin natürlich sehr froh, dass ich in der Spätphase meiner Laufbahn noch einmal solche Highlights erlebe“, sagt er. „Der FSV hat seit meinem Abschied vor mehr als zwanzig Jahren in allen Bereichen eine tolle Entwicklung genommen und ich bin froh, wenn ich mithelfen kann, dass wir unser Ziel erreichen, den Klassenerhalt zu schaffen.“