21. Juli 2020 / 14:03 Uhr

Nach Saison-Annullierung in Thüringen: Amateurfußballer drohen mit Klagen

Nach Saison-Annullierung in Thüringen: Amateurfußballer drohen mit Klagen

Constantin Paschertz
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Alles auf Anfang: Thüringen ist der einzige Landesverband, der sich für eine Annullierung der Saison entschieden hat.
Alles auf Anfang: Thüringen ist der einzige Landesverband, der sich für eine Annullierung der Saison entschieden hat. © imago images/opokupix
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Der Ärger ist groß: Gleich nach der Entscheidung des Verbandstages, die Saison in allen Thüringer Ligen abzubrechen und die Tabellen zu annullieren, brandete eine Welle heftiger Kritik auf. Mögliche Klagen gegen den Verband stehen im Raum.

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Dieser Artikel ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Mehr Infos dazu auf gabfaf.de.

Für alle Ligen von der Verbandsliga abwärts haben die Delegierten auf dem Verbandstag für einen Saisonabbruch gestimmt - und die Annullierung der bisher erspielten Tabellenstände beschlossen. Übrigens gegen den ausdrücklichen Willen des Vorstandes des Thüringer Fußball-Verbands (TFV), der die unterbrochene Saison im Herbst fortsetzen wollte. Thüringen ist damit der einzige Landesverband Deutschlands, in dem es 2019/20 keine Aufsteiger gibt. In Bayern wird die Saison fortgesetzt, in allen anderen Verbänden (und auch im Thüringer Jugendfußball) wurden die Aufsteiger mit der Quotientenregeln ermittelt.

"Präsidium muss zurücktreten"

Bei vielen der rund 40 Tabellenführer sitzen Ärger und Frust tief. Sie fühlen sich um ihren sportlichen Erfolg gebracht. Die Annullierung aller Ergebnisse kam völlig überraschend. "Der Verband hat diese Alternative in den Gesprächen der Vollständigkeit halber mal erwähnt", sagt Ronny Koch, Geschäftsführer des FSV 06 Ohratal, gegenüber #GABFAF. "Dass das tatsächlich angewendet wird, stand eigentlich nie zur Debatte."

Deshalb wirft Ohratal dem TFV-Präsidium schlechte Vorbereitung vor. "Es gab am Samstag per Wortmeldung genau einen Verfechter der Annullierung. Aus dem Präsidium, das sich genau damit hätte beschäftigen müssen, hat keiner das Für und Wider der Annullierung erklärt. Die Delegierten hatten es gar nicht auf der Rechnung. Ein Präsidium, das seinen Aufgaben so nicht nachkommt, muss zurücktreten", fordert Koch. Ungeschlagen mit vier Punkten Vorsprung und einer Tordifferenz von +46 wären die Ohrataler bei Anwendung der Quotientenregel aufgestiegen.

Koch stößt auch die Ausnahmeregelung für den FC An der Fahner Höhe sauer auf. Der Tabellenführer der Verbandsliga darf in die Oberliga Süd aufsteigen, weil er für diese bereits gemeldet hatte und so in die Zuständigkeit des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) fällt. "Für die Oberliga haben sich auch andere fünf Klubs gemeldet, die noch hätten aufsteigen können. Mit welchem Recht wird ausgerechnet für den FC An der Fahner Höhe eine Ausnahme gemacht? Die darf es nicht geben. Wir werden dagegen Beschwerde einreichen", sagt Koch. Rechtliche Schritte gegen den Verband erwägt der FSV 06 Ohratal aber nicht. Den Abbruch und die Annulierung akzeptiert man dort zähneknirschend und will sich auf die neue Saison konzentrieren.

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FC Erfurt Nord prüft Sammelklage

Etwas weiter geht da Christian Pschera. Der Sportliche Leiter des FC Erfurt Nord will ausloten, ob Einzel- oder Sammelklagen mit anderen betroffenen Tabellenführern umsetzbar ist. Sein Verein steht mit zwei Mannschaften auf dem ersten Tabellenplatz. Die erste Herren spielt in der Landesklasse 2, die zweite Herren in der 1. Kreisklasse Erfurt-Sömmerda. Pschera schließt sich der Vorwürfe Kochs an: "Das Szenario ist einfach plötzlich aufgetaucht. Es ging sonst nur um eine Fortsetzung oder die Quotientenregelung. Wir müssen jetzt mit Spielern, Trainern und Sponsoren die Gespräche nochmal führen, und das bei der nur kurzen Pause von vier Wochen bis zum Neustart."

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Mehr Flexibilität in der Entscheidungsfindung hätte auch Bert Rosenbusch gern gehabt. Der Vorstandsvorsitzende des SV Blau-Weiß 90 Neustadt/Orla, der die Landesklasse 1 anführte, hatte ebenfalls mit einem Abbruch gerechnet. "Und dann hätten wir aussuchen können, mit den anderen Tabellenführern entscheiden zu können, ob wir am Grünen Tisch aufsteigen wollen oder nicht", sagt Rosenbusch. "Wir waren ja nie legitimer Aufsteiger, weil die Saison nicht komplett war. Aber uns wurde der sportliche Erfolg aus der Hinrunde genommen." Auch die Neustädter hatten mit der plötzlichen dritten Option der Annullierung nicht gerechnet und fühlen sich deshalb ihres Mitspracherechts beraubt. Den juristischen Weg schließt Neustadt/Orla aber aus. "Aus unserer Sicht ist es nach dem Hin und Her wichtig, wieder einen Fokus auf das Sportliche zu legen."

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Im Thüringer Amateurfußball kracht es gewaltig: Beim Verbandstag haben die Delegierten die bisherigen Pläne für eine Saisonfortsetzung gestoppt. Stattdessen wird die Saison 2019/20 abgebrochen und annulliert. Thüringen ist damit deutschlandweit der einzige Landesverband, in dem es keine Aufsteiger gibt. (Einzige Ausnahme ist der Thüringenliga-Meister FC An der Fahner Höhe, weil der bereits für die Oberliga Nordost gemeldet ist und damit nicht mehr in die Zuständigkeit des Landesverbands fällt.) Der Vorstand hatte minutenlang für die Fortsetzung der Saison geworben und sich vorab von jeder Haftung für die Folgen der Beschlüsse freistellen lassen. Trotzdem stimmten die Delegierten mit 54:41 gegen die Fortsetzung. Dass es (anders als in den anderen Verbänden) keine Aufsteiger geben soll, wurde dann sogar mit 60:35 beschlossen, berichtet @insuedthueringen. Schon in den vergangenen Wochen hatte es in Thüringen heftige Debatten gegeben, ob und wie die Saison fortgesetzt werden soll. Nach dem Beschluss am Sonnabend ging es im Internet bereits hoch her. Ob Vereine, die sich um den Aufstieg gebracht sehen, rechtlich gegen die Entscheidung vorgehen, muss sich zeigen. Bis dahin gibt es für die Thüringer Klubs keine Planungssicherheit. #amateurfussball #thüringerfussballverband #saisonabbruch #thüringen #fussball @thueringerfv #thüringenliga #verbandsligathüringen #landesklassethüringen #kreisoberligaerfurtsoemmerda #kreisoberligamittelthueringen #kreisoberliganordthüringen #kreisoberligaostthüringen #kreisoberligawestthüringen #tfverfurt #kreisverbanderfurt #kreisverbandjena #kreisligafussball #kreisliga

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"Ein Aufstiegsspiel ist eh viel schöner"

Der Sport soll auch beim SV Empor Walschleben wieder in den Vordergrund rücken. Der war in der Kreisoberliga Erfurt-Sömmerda ungeschlagener Tabellenführer. Verein und Mannschaft sind mit Abbruch und Annullierung nicht zufrieden, akzeptieren aber die Entscheidung des Verbandstages als höchstem Gremium im Thüringer Amateurfußball. "Na klar ist es irgendwo frustrierend, dass die Saison nur zur Hinrunde gespielt wurde und dann aber auch nicht gewertet wird, aber wir haben ja auch alle keine Kristallkugel und können nicht in die Zukunft sehen. Der Aufstieg war nicht gesichert", sagt Trainer Steffen Ehrich. "Wir werden den Kopf jetzt nicht in den Sand stecken und es nächste Saison wieder versuchen. Ein Aufstiegsspiel mit 250 Fans, die den Platz stürmen, ist eh viel schöner als ein Aufstieg am grünen Tisch."