19. August 2020 / 19:01 Uhr

Tiefe Pressinglinie, kein Zugriff, keine Chance: RB Leipzig kommt gegen Paris nicht aus dem Sattel 

Tiefe Pressinglinie, kein Zugriff, keine Chance: RB Leipzig kommt gegen Paris nicht aus dem Sattel 

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
RB Leipzig blieb nach Spielschluss nur die ungeliebte Rolle das Gratulanten, zu groß waren an diesem Abend die Unterschiede zwischen den Messestädtern und dem französischem Serienmeister aus Paris. 
RB Leipzig blieb nach Spielschluss nur die ungeliebte Rolle das Gratulanten, zu groß waren an diesem Abend die Unterschiede zwischen den Messestädtern und dem französischem Serienmeister aus Paris.  © GEPA pictures
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Das Team von Trainer Julian Nagelsmann war bei der Pariser Machtdemonstration ohne Chance, verlor klar mit 0:3 und zeigte damit: Gala-Abende wie gegen Atletico Madrid sind nicht beliebig wiederholbar. Doch trotz des ernüchternden Spiels sollte der Stolz auf das Erreichte überwiegen und bleiben. 

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Lissabon. Schluss, aus, vorbei. Jubel & Trubel auf der einen, Trauer & Tränen auf der anderen Seite. Die Pariser Stars feiern am späten Dienstag Abend im nahezu menschenleeren Lissabonner Estadio da Luz den Final-Einzug. Neymar und Co. singen, tanzen, herzen ihren fußkranken Trainer. Thomas Tuchel hat den selbstverliebten Diven die Selbstverliebtheit ausgetrieben, sortiert seinen schwindsüchtigen Scheitel, lacht, verpasst RB-Athletik-Trainer Daniel Behlau mittenmang einen Einlauf und stakst auf Krücken von dannen. Die Pariser Machtdemonstration beim 3:0 (2:0) gegen chancenlose Leipziger wird Tuchel, 46, und dessen Mittelfußbruch gut tun.

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DURCHKLICKEN: So kommentiert die Presse die Partie

L'Equipe (Frankreich): Nachdem die Pariser im Viertelfinale gegen Atalanta Bergamo zittern mussten und lange zurück lagen, überließen sie es diesmal nicht dem Gegner, die Sache in die Hand zu nehmen. Ihr 4-3-3 war sehr gut organisiert, sie besetzten die Räume perfekt und ließen die Deutschen vor allem in der ersten Halbzeit viel laufen. Zur Galerie
L'Equipe (Frankreich): "Nachdem die Pariser im Viertelfinale gegen Atalanta Bergamo zittern mussten und lange zurück lagen, überließen sie es diesmal nicht dem Gegner, die Sache in die Hand zu nehmen. Ihr 4-3-3 war sehr gut organisiert, sie besetzten die Räume perfekt und ließen die Deutschen vor allem in der ersten Halbzeit viel laufen." ©

TT hat bei den steinreichen katarischen Club-Besitzern ab sofort einen Stein im Brett und kommt hoffentlich nicht auf die Idee, den Rasenballern ein unmoralisches Angebot zu unterbreiten. Für Abwehr-Ass Dayot Upamecano, 21. Es gibt eine Schmerzgrenze, die jenseits der 70 Millionen Euro liegt. Das ist für die Kataris ein Privat-Jet und ein Super-Falke weniger. Über Financial Fairplay wissen die Falken übrigens besser bescheid als ihre Besitzer.

Zurück aufs Grün. Die Roten Bullen gratulieren und verschwinden in den Katakomben. Nur Yussuf Poulsen, der ewige Däne, bleibt länger, sitzt auf dem Rasen, atmet Geschichte. Vor sieben Jahren hat er 19-jährig sein erstes Punktspiel für RB gemacht. In der dritten Liga beim 1:0-Sieg in Halle. Damals traf Daniel Frahn nach Poulsen-Vorarbeit. Am 18. August 2020 führt Poulsen, mittlerweile 26, seine Kameraden als Kapitän aufs Feld. In Lissabon schließt sich ein Kreis, der der Nachbereitung bedarf. „Ich wollte diesen Moment genießen“, sagt Poulsen. Eine halbe Stunde nach dem Abpfiff meldet sich Dietrich Mateschitz, 75, bei Oliver Mintzlaff (wurde gestern 45). Der Red-Bull-Chef und sein verlängerter Fußball-Arm sprechen über das überraschend einseitige Match und dürften sich in zweierlei Hinsicht einig gewesen sein.

Mehr zu RB Leipzig - Paris-Saint-Germain (0:3)

Erstens: Der Einzug ins Halbfinale der Champions League ist von bleibendem Wert, schiebt in vielerlei Hinsicht an, setzt Standards, ist unbezahlbares Stadt-Marketing, macht Lust auf mehr. Und der Frust über die klare Pleite, das freudlose Hinterher-Laufen und 34 (!) eigene Fouls wird bis zum Ende des Kurzurlaubs am Dienstag dem Stolz über das Erreichte weichen.

Zweitens: Die Fußballer von Julian Nagelsmann, 33, haben der Viertelfinal-Gala gegen Atletico keine weitere folgen lassen, kein gutes Spiel gemacht, dem Favoriten keinen großen Kampf geliefert. Und sie sind mit den falschen Waffen und unpassenden Klamotten ins Gefecht gezogen. Florett statt Säbel, Polo-Shirt statt Kettenhemd.

DURCHKLICKEN: Die Bilder zum Halbfinal-Duell mit PSG

Das war ernüchternd: RB Leipzig präsentierte sich im Halbfinale der Champions League gegen Paris Saint-Germain über weite Strecken seltsam gehemmt, passiv und ohne Ideen und verlor auch in dieser Höhe verdient mit 0:3. Zur Galerie
Das war ernüchternd: RB Leipzig präsentierte sich im Halbfinale der Champions League gegen Paris Saint-Germain über weite Strecken seltsam gehemmt, passiv und ohne Ideen und verlor auch in dieser Höhe verdient mit 0:3. ©

Das sonst so mutige frühe Stören fand erst hinter der Mittellinie statt, Leipzigs Pressinglinie war selten bis nie derart tief gezogen. Alsdann kombinierten die Pariser Freigeister, suchten und fanden Lücken, erstickten ihrerseits fast alle Leipziger Gegenangriffe im Ansatz. RB wirft nicht die Primär-Tugenden des Underdogs in den Ring, will mitspielen, mitzirkulieren statt zu nerven, zu stressen und weh zu tun. Und wie immer gilt: Man kam im falschen Leben nicht das richtige führen.

Mehr zu RB Leipzig - Paris Sait-Germain (0:3)

Ungut aus RB-Sicht außerdem: Der Ballbesitz wird auch unmittelbar vor der eigenen Hütte kultiviert, führt gegen pressende Pariser zu fatalen Fehleinschätzungen, Abspielfehlern und Gegentoren. Schon vorm 1:0 hat Peter Gulacsi Glück, dass er die Hand Gottes (Neymar) trifft und das Tor aberkannt wird. Bei Marquinhos Führung (13.) hat die Abwehr Ausgang. Ein Gulacsi-Risko-Pass leitet Angel di Marias 2:0 (42.) ein. Juan Bernat profitiert in der 56. Minute von einem Ausrutscher Nordi Mukieles.

In der zweiten Halbzeit läuft es eine gute viertel Stunde gut für RB, fahren keine LKWs mehr durch die Schnittstellen in der Defensive, kommen Emil Forsberg, Angelino und Schick zu halbgaren Chancen. Paris schaut interessiert zu, kommt aus dieser Laisser-fair-Haltung zu drei weiteren Top-Möglichkeiten und lässt Gnade vor Recht ergehen. „Wir sind zu einem richtigen Team zusammen geschweißt worden“, sagt der Ex-Schalker Thilo Kehrer im Paris-Trikot. „Jetzt freuen wir uns einen Tag lang und bereiten uns dann auf Sonntag vor.“

DURCHKLICKEN: Die RB-Elf in der Einzelkritik

Guido Schäfer hat die Leistung von RB Leipzig im Champions-League-Halbfinale gegen Paris bewertet. Diese Noten gibt er der Nagelsmann-Elf. Zur Galerie
Guido Schäfer hat die Leistung von RB Leipzig im Champions-League-Halbfinale gegen Paris bewertet. Diese Noten gibt er der Nagelsmann-Elf. ©

Eine Leipziger After-Work-Party fand nicht statt, ein gemeinsames Essen musste genügen. Mittwochnachmittag schwebte der Charter-Jet der Roten Bullen in Halle/Schkeuditz ein. Die Saison 2019/2020 ist offiziell beendet. In drei Wochen geht es zum 1. FC Nürnberg und Nagelsmann Ex-Assistent Robert Klauß zum Pokalspiel.